Volly Tanner im Gespräch mit Sven Augstein, Organisator des GRIND THE NAZI SCUM über Heimat, linke Literatur, sächsische Provinzen und den Moment des Scheiterns…
VT: Hallo, Sven, schön Dich zu sprechen. Du bist ja im German Underground Almanach 2007 (erscheint Ende des Jahres in der Edition PaperONE) auch mit einigen Texten vertreten. Glückwunsch erstmal!
Bis vor kurzem hast Du ja neben vielen großen Konzerten, zum Beispiel dem GRIND THE NAZI SCUM, im Conny Wessmann Haus zu Großenhain die Literatur bearbeitet. Erzähl mal ein bisschen etwas zu den vielen Jahren Graswurzelarbeit in Sachen Literatur in der sächsischen Provinz.
SA: Fangen wir doch einfach bei meinen Anfängen an, an denen der Herausgeber dieses Almanachs hier nicht ganz unschuldig ist. Eine Bestrafung des Schuldigen dürfte nach so langer Zeit aufgrund der gesetzlichen Verjährungsfrist allerdings kaum noch möglich sein. Die Literaturterroristen-Zeitschrift “Vergammelte Schriften” gab mir den nötigen Arschtritt, mich selbst an Lyrik zu versuchen. Mit eher mäßigen Erfolgen. Aber immerhin hat es zu einigen Veröffentlichungen in dieser Zeitschrift und anderen Lit-, Musik- und Film-Zines gereicht. Zur gleichen Zeit belästigte ich die Heavy Metal- und Splatterfilmgemeinde mit meinem Fanzine “Placebo”, welches es immerhin auf 6 Ausgaben in 3 Jahren brachte. Das war so etwa bis 1999. Dann war bei mir die Luft raus und ich distanzierte mich etwas vom literarischen Untergrund und der Schreiberei. Aber schon ab 2000 würgte ich ein neues, lokales Fanzine für den Verein, in dem ich bis Ende 2006 tätig war, aus. Das Themenfeld umspannte alles, was mit Jugendkultur und Jugendarbeit zu tun hat. 26 Ausgaben erschienen in 6 Jahren. Dann überkam mich die Überheblichkeit und ich befand die Leser nicht mehr für würdig, meine Ergüsse lesen zu dürfen.
Mit Lesungen ging es dann bei mir im Jahre 2001 los. “Virus – Eine Hörkampflesung” nannte sich die Geschichte damals. Wer der Typ war, hab ich vergessen. Die Angelegenheit an sich war aber sehr interessant. Virus war eine “Cut-Up” Lesung aus Hörschnipseln und Gelesenem, verbunden mit heftiger visueller Reizüberflutung. Leider hat das kaum jemand sich angetan. 4 oder 5 Leute, glaub ich. Damit war das Thema Lesung dann für mich auch schon wieder Geschichte.
Ein Anruf im Jahre 2002, bei einer Lebensform mit dem Namen Volly Tanner, (ja, ich, der Interviewer!) änderte dies aber schlagartig wieder. Ich wollte einen Poeten für eine Benefizveranstaltung für eine Gedenkstätte in Polen. Herr Tanner sagte zu und teilte mir auch gleich mit, dass einer meiner verpeilten Leserbriefe in seinem Buch “Die schönen Verlierer sind noch da” gelandet wäre. Damit begann eine Freundschaft, die sich über mehr als 10 Lesungen in ein und demselben Gebäude, in 4 Jahren erstreckte.
Womit wir eine schöne Überleitung zum Thema “Literatur in der sächsischen Provinz” gefunden haben. Das ist nämlich absolute Schwerstarbeit. Wer sich an ähnliches gewagt hat, dürfte dem zustimmen können. Am besten, wir bleiben auch gleich beim Beispiel Tanner. Der macht sich gut dafür. Ich will meinen, die erste Lesung war vor einer Handvoll begeisterter Zuschauer. Das steigerte sich dann von Show zu Show. Vielleicht hatten die Leute auch gar keine Chance mehr, der Sache aus dem Weg zu gehen. 3 Mal im Jahr Tanner, da muss man dann einfach mal hingehen. Was nichts anderes bedeutet, als dass man Literaten langsam, über Jahre hinweg, in der Provinz aufbauen muss. Zumal das Publikum in der Provinz auch immer recht jung ist. Gymnasiasten haben sich immer gern infiltrieren lassen und machten auch immer den Großteil des Publikums aus. Ob das nun für oder gegen unser Bildungssystem spricht, müssen andere entscheiden.
Nach den ersten Erfolgen mit dem großen Vau, pflanzte selbiger mir weitere Namen in die Hirnwindungen. André Kudernatsch und Kersten Flenter folgten mit Lesungen. Anfangs ebenfalls vor nur einer Handvoll Menschen, später vor recht gut gefüllten Häusern. Der Provinzler lässt sich aber sehr schnell von etwas überzeugen, hat er doch im Gegensatz zum gemeinen Großstädter meist nicht die große Auswahl oder einfach gar keine andere Wahl als das zu nehmen, was er angeboten bekommt. Leider muss man den Provinzler meist erst mit merkwürdigen Versprechungen, wie “Der macht sich nackig auf der Bühne!” oder “Der ist immer stockbesoffen und benimmt sich daneben!” zu den Veranstaltungen locken. Die Provinz ist keine Edelgaststätte mit 31 Gerichten auf der Karte, sondern eher ein Stehimbiss mit 5 Möglichkeiten der Auswahl. Diese 5 Möglichkeiten nimmt man dann aber immer wieder, weil, der Mensch ist ja auch ein Gewohnheitstier.
Der für mich schönste kulinarische Erfolg war das Buch “Betreten Verboten – Der Großenhain Sampler”, welches in einem mehrtägigen Literatur-Workshop mit dem Archiv der Jugendkulturen aus Berlin am Gymnasium entstand. Das Buch hat der (was soll man sagen) Herr Tanner über den “Fünf Finger Ferlag” mit auf die Wege gebracht.
Um die Speisekarte aber doch noch etwas anzureichern, versuchte ich immer mal wieder andere literarische Gerichte zu reichen. So saß der großartige Christian von Aster ebenfalls schon auf “meiner” Bühne. Auch Makarios (Sänger der Band DIE ART) konnte immer wieder das Haus gut füllen. Wobei gut füllen in der Provinz aus der ich komme/kam bis 40 Personen bedeutet. Mit leckeren Mehrwegveranstaltungen wie der Kombination von Tanner, Kudernatsch und Flenter oder Jan OFF schaffte man dann schon mal 70 Besucher. Allerdings meist unter der Voraussetzung, dass eine Lesung nichts kostet. Wäre man gemein, könnte man schlussfolgern, Literatur wäre dem Provinzler nichts wert, die Großstadt hat mir aber gezeigt, dass es da nicht anders ist.
Neben diesen bekannteren Namen versuchte ich es immer Mal wieder mit politischen Lesungen. Aber, irgendwann sagt man sich halt, wenn man jeden Besucher persönlich überreden muss, sich auch Mal so etwas anzuhören, dann lass ich es eben. Trotzdem hab ich auch das eisern bis zum Ende und bei Besucherzahlen unter 10 Leuten, durchgezogen. Dazu kam dann ab 2005 eine recht aktive Schar von Untergrund-Literaristen aus Großenhain die schon Mal 70 Teenager mit fragwürdigen Texten anlockten.
Das Fazit: Etwa 30 Lesungen in 5 Jahren im Conny-Wessmann-Haus zu Großenhain zeigen eindeutig, dass auch in der tiefsten sächsischen Provinz was geht. Nur eben nicht so viel.
VT: Zu den politisch motivierten Lesungen, was war das denn genau und denkst Du, dass politisch motivierte Literatur heute überhaupt noch Sinn macht? Allerorten wird ja eher so eine “Wir können ja sowieso nichts ändern” Haltung gepredigt.
SA: Die politischen Lesungen hatten immer linke politische Inhalte, wenn man das im weitesten Sinne so definieren möchte. Dabei wurde weniger auf aktuelle politische Ereignisse eingegangen, sondern eher geschichtliche Sachen abgehandelt. Also mehr die Schiene der geschichtlichen Aufklärung durch Zeitzeugen betrieben.
Zum einen war das der von mir hochgeschätzte Bernd Langer, der zum Conny-Wessmann-Haus einen direkten Bezug durch seine Tätigkeit in der Göttinger Antifa, in welche auch Conny Wessmann involviert war, hatte. Seine erste Lesung fand zu seinem Buch “Operation 1653 – Stay rude, stay rebel” statt. Das Buch schildert die autonome Bewegung in Göttingen und darüber hinaus in den 1980er Jahren. AKW-Bewegung, Straßenschlachten, illegale politische Aktionen usw. werden dabei in eine recht geheimnisvolle Reise quer über die Erdkugel des Autors eingewoben. Eines der interessantesten Bücher zum Thema, die ich kenne. Leider war diese Veranstaltung nur sehr mäßig besucht. Ich hab mich damals schon gefragt, was für tolle Antifaschisten das sind, die nicht an den historischen Hintergründen interessiert sind und so was einfach ignorieren. Heute weiß ich es besser.
Die zweite Lesung mit Bernd stand dann im direkten Bezug zu Conny Wessmann, da er ja als Zeitzeuge vor Ort war, als Conny von der Polizei in den Tod getrieben wurde. Auch hier nur mangelhaftes Interesse seitens der Freizeitrevoluzzer im Klub und bei mir die Erkenntnis, die Sache sein zu lassen. Ärgerlich fand ich, dass von den Besuchern des Conny-Wessmann-Haus, eine Lesung zu Conny Wessmann, also der Namensgeberin, schlichtweg ignoriert wurde.
Danach hatte ich die Gelegenheit, Kurt Petzold, einen umstrittenen Historiker, dem nach der Wende der Lehrstuhl an der Humboldt-Uni entzogen wurde, zu veranstalten. Das nahm ich auch wahr. Die Lesung war hochinteressant, Petzold war recht merkwürdig und das Publikum abwesend. Sicher, das Thema der “Nürnberger Prozesse” ist kein Einfaches und für mich kam wieder einmal die Erkenntnis, dass es einfach nicht lohnt, sich den Arsch aufzureißen für Leute, denen mehr daran gelegen ist, die Simpsons nicht zu verpassen.
Zum Abschluss kam die größte Pleite. Im Oktober 2006 versuchte ich noch einmal gemeinsam mit einem breiten bürgerlichen Bündnis eine Lesung mit Erika Rosenberg, der Biografin von Emilie Schindler, der Frau von dem Schindler, nach dem Spielberg seinen recht Geschichte verfälschenden Film “Schindlers Liste” gedreht hat. Frau Rosenberg hat Emilie Schindler bis ans Totenbett begleitet und mehrere Bücher über sie und ihren Mann geschrieben. Eine sehr interessante und spannende Sache. Die Besucherzahl mit etwa 10 Personen in einem Saal für 100 war erdrückend. Damit war die Sache für mich erledigt.
Von daher kann man schon fragen, ob politische Literatur überhaupt noch Sinn macht. Ich meine ja! Wenn wir hier mal ausschließlich von Literatur sprechen, die sich in einem links-antifaschistischem und antikapitalistischem Umfeld ansiedelt. Das Spektrum ist ja viel breiter. Aber leider sind viele durch solche xxx Typen wie Guido Knopp nicht mehr daran gewöhnt, Geschichte in kompaktem Format vermittelt zu bekommen. Bei meinen Lesungen gab es keine Actionbilder, keine heroischen Nazis, keine 25 Minuten Information die nur noch Halbwahrheiten vermittelt und dabei auch noch den Versuch unternimmt, eine objektive und neutrale Berichterstattung abzuliefern. Man musste zuhören, aufmerksam sein und konnte keine Chips nebenbei futtern. Schlicht und einfach schätze ich, dass solche Lesungen als langweilige Agitationsveranstaltungen angesehen wurden. Was sie natürlich nicht waren.
Zu der Einstellung “Wir können ja eh nichts ändern.” möchte ich anmerken, dass dies sicher auf die politische Realität zutrifft. Jedenfalls können wir mit den bisher angewandten Mitteln des politischen Kampfes nicht viel bewegen. Neue Formen des Protestes sind schwer zu finden. Aber wir können lernen. Lernen von Zeitzeugen, lernen aus Fehlern vergangener Tage und daraus unsere Schlüsse für die Zukunft ziehen. Wer dazu nicht bereit ist, hat schon verloren. Denn wir können etwas ändern. Wir müssen uns nur die Ziele enger stecken und nicht immer gleich die ganze Welt umkrempeln wollen. Ich habe ja selbst die Erfahrung gemacht, dass es möglich ist, in der eigenen Lebensumgebung etwas zu bewegen. Nehmen wir das Mal eine x-beliebige Zahl, d.h. jeder ändert seine eigene Umgebung, kann sich auch im Großen etwas bewegen. Dazu benötigt man eine Menge Idealismus, Selbstaufgabe und Durchsetzungsvermögen. Das sind Eigenschaften, welche die meisten nur als Einzelkämpfer an den Tag legen können, da nur wenige bereit sind, einen Teil von sich aufzugeben und lieber weiter in einer stumpfsinnigen, vor sich hin blubbernden Blase leben.
VT: Empfindest Du Deine Literatur als Kampfliteratur?
SA: In gewissem Sinne schon. Ich schreibe auf alle Fälle selten melancholische Texte oder gar Depressives. Und wenn, dann erblickt das selten das Licht der Öffentlichkeit. Ich möchte ja auch etwas vermitteln. Meist auf recht einfache Art und Weise. Also nicht hochtrabend, dass man zwischen den Zeilen lesen muss, um die Aussage zu finden, sondern gern direkt. Mitten in die Fresse rein, wie man so schön sagt. Und kämpferisch schon deshalb, weil man jeden Tag um etwas oder jemanden kämpfen muss.
VT: Deine Textsammlungen heißen “Kleinstadt Terrorismus”, “Chronische Trivialitis” oder “Zum Glück fast keine Liebesgedichte mehr” – in einer Zeit, in der im literarischen Betrieb die Zahl der verkauften Einheiten zum Götzen erklärt wird, doch sehr sperrig und bestimmt nicht verkaufsfördernd. Wer ist denn dein Publikum, wer identifiziert sich mit deinen Texten?
SA: Verkaufszahlen sind mir egal. Obwohl, ich bin mit dem Absatz der drei selbstveröffentlichten Hefte durchaus zufrieden. Immerhin haben die Teile je etwa 100 Mal den Besitzer gewechselt. Also kann’s nicht so schlimm sein. Ich lege ja auch gar keinen Wert darauf, es irgendwem in irgendeiner Form recht machen zu wollen. Zuerstmal muss die Sache mir gefallen. Alle anderen haben ja die Möglichkeit der freien Entscheidung, sich die Teile zu kaufen oder auch nicht. Ich bin ja auch gar nicht darauf angewiesen, jetzt soviel wie möglich abzusetzen. Die Kosten sollten reinkommen, der Leser zufrieden sein und mein Ego befriedigt werden. Ich setze mir also keine Schere im Kopf an oder denke, dass sollte so oder so sein, damit es den Leuten gefällt. Mein nächstes Gedichtheft, an dem ich gerade sitze, nennt sich “Haldenepos”. Ich mag irgendwie diese reißerischen Titel. Schließlich bin ich ja auch ein bisschen populistisch veranlagt. Ich schreibe keine hohe Literatur, sondern einfache, manchmal schon chronisch triviale Sachen. Ich glaube, die Menschen wollen auch so was gern mal lesen. Das Zielpublikum lässt sich nicht wirklich definieren. Die Altersgruppe liegt so ab 16 aufwärts. Natürlich bediene ich schon bewusst ein vorrangig alternatives / linkes Publikum. Den einen oder anderen schließe ich ja schon durch die Inhalte meiner Texte aus – in vollem Bewusstsein.
Ob sich jemand mit meinen Texten identifiziert, kann ich nicht sagen, ich kann es schon. Die Rückmeldungen kommen ja meist nur bei Lesungen. Die waren bisher aber immer gut. Und nur bei Lesungen setze ich ja auch die Hefte ab.
VT: Neben dem inneren Kreis der Autoren und den alten Beatern, wo siehst du eigentlich deine Wurzeln – deine literarischen?
SA: In DDR-Kinderbüchern. “Der Clown Pallawatsch” oder so ähnlich, “Fridolin, der Dachs”. Aber auch Tom Saywer, Atze, Mosaik, Trommel, Frösi, Bummi. So, da sind wir bis zum Urschleim vorgedrungen. Und wenn wir es mal anders betrachten, sehe ich meine Wurzeln überall ein bisschen. Ich schränke meine Leselust nicht durch Genregrenzen ein. Da Lem und P.K. Dick, Orwell, hier Jules Verne, Moers, Clive Barker, Poe und Lovecraft. Dazu die unvermeidbaren Bücher, die ich aufgrund ihres angeblichen Status lese.
Ich könnt jetzt noch Seiten weiter mit Autoren und deren Werken um mich hauen. Und es wäre sicher vermessen zu sagen, dass in meinen eigenen Sachen von jedem etwas durchleuchtet.
Ich hab ja auch eine ganze Zeit lang mal bewusst Geschichten geschrieben, die sich am Stil eines Autoren orientieren. Könnte man auch Verwurzlung dazu sagen.
VT: Verwurzlung ist ja eigentlich was Gutes. Auch Heimat ist in sich selber gut, nur irgendwie schlecht besetzt. Wo siehst du deine Heimat?
SA: Zu Hause ist kein Ort. Heimat ist kein Gefühl. Lokalitäten sind fremdbestimmt, Zwangsinhaftierung zur Sicherstellung verordneter Personalien, zur besseren Kontrolle, zur Aufrechterhaltung, der inneren Sicherheit. Keine Ahnung wo meine Heimat ist. Oder was Heimat ist. Da, wo ich herkomme, war das immer so eine Hassliebe. Eigentlich zu eng, zu klein, zu konservativ. Aber doch irgendwie vertraut, bekannt, geliebt. So richtig das Heimatgefühl hatte ich aber nie. Ich habe Orte, an denen ich mich gut fühle, an denen es mir gut geht. Genauso wie ich weiß, wo ich mich lieber nicht aufhalten möchte.
Heimat ist für mich immer etwas negativ behaftet. Zumal wir ja auch ständig unserer Heimat beraubt werden können durch den Entschluss eines kleinen, beschissenen Beamten. Oh Mann. Das Wort Heimat löst in mir Gefühle aus, die ich lieber nicht haben möchte. Trauer, Wehmut, Hass, Sehnsucht. Dazu Erinnerungen, Schmerzen im Kopf, Wut, der Wille zu zerstören.
Ich versuche gerade an einem für mich neuen Ort anzukommen, Leipzig eben. Vielleicht daraus eine Heimat zu machen. Obwohl, ich würde lieber sagen, ich bin zu Hause, wenn ich den Begriff Heimat umformulieren darf. Zu Hause ist etwas Vertrautes. Aber Heimat ist so vereinnahmend, etwas abstraktes, was ich für mich nicht definieren kann. Vielleicht ist Heimat oder zu Hause da, wo man sich wohl fühlt, wo am Ende des Tages das Paradies beginnt. Und vielleicht habe ich mein Paradies verlassen müssen und bin immer noch nicht ganz im reinen mit meiner ehemaligen Heimat. Deshalb auch nur diese konfuse Antwort auf deine Frage.
VT: Zu guter letzt eine Frage, die so richtig schön abschließend ist – aber da wir ja schon das eine oder andere Bier miteinander genommen haben, weiß ich, dass Du dazu etwas sagen solltest. Stell Dir mal bitte vor, wir hätten heute Nacht, Punkt 24.00 Uhr dieses System gekippt. Wie stellst Du dir den morgigen Tag vor? Was würden wir besser machen?
SA: Um diese Frage zu beantworten, haben andere Bücher geschrieben. Und kippen wir nur in D-Land oder auf der ganzen Welt? Denn, wenn man das territorial einschränkt, macht so ein Umsturz keinen Sinn. Außer, man baut um diese Zone eine Mauer. Hatten wir aber schon mal und bringt nichts. Gehen wir also mal davon aus, die revolutionären Kipper dieser Welt sind sich einig und überall wird entmachtet, was andere ausbeutet und missbraucht.
Wir müssten auf alle Fälle, jeglichen politisch – ideologischen Ballast über Bord werfen, religiösen auch. Das sind ja anscheinend die zwei Seuchenherde schlecht hin. Besonders wenn beide mit einander eine Allianz eingehen. Wir sollten an nichts, außer an uns selbst glauben. Eine bestimmende Macht in Form von politischen Parteien wäre dann auch Geschichte. Ich sag nur Rätesystem und Kommunen. Die “alten” Ideen eben, die schon immer als Utopien gehandelt wurden. Als nächstes dürfte es natürlich kein Kapital mehr in der jetzigen Form geben. Produktionsmittel gehören denen, die produzieren und nicht nur einer Handvoll selbsternannter Eliten. Damit folgt dann die Abschaffung des Geldes als Mittel der Unterdrückung. Jeder bekommt das, was er zum Leben braucht und dazu gehören mit Sicherheit keine 3 Großbild-TV-Geräte.
Gewisse Placebos der Medienindustrie werden in Archiven verschwinden müssen. TV ist Opium für die Massen. Den Menschen sollten sinnvolle, oder in meinen Augen sinnvolle, Möglichkeiten der Lebensgestaltung geboten werden. Da es ja keine Klassenunterschiede und Geld mehr geben wird, kann das alles auch von jedem in Anspruch genommen werden. Womit wir bei der Frage wären, was machen wir mit den ganzen Bonzen? Kommt für das neue Leben ein Bestrafungssystem in Form des vorherigen in Frage?
Aber die Menschen sind nicht bereit für eine solche Veränderung. Sie würden diese Veränderungen als Einschränkung ihrer Freiheit wahrnehmen. Wir sind Opfer des Konsumterrorismus, aber gleichzeitig auch Täter. Wir sind beeinflussbar, die Sicht der Objektivität auf viele Dinge des Lebens ist uns verloren gegangen. Wir sind Götzenanbeter der Moderne geworden. Die meisten fühlen sich in ihrem kleinbürgerlichen Schlammpfuhl doch auch wohl. Von deren Kindern haben wir nicht viel zu erwarten. Und jene, die sich, auf Demos, in schriftlicher oder verbaler Form wehren, werden nicht erkannt oder auch mit den Waffen der Macht traktiert.
Außerdem möchte ich dann auch Mal König sein! Dann wird alles besser. Har!
Ich danke dir für das Interview, lieber Volly.
VT: Und ich danke Dir, lieber Sven!
Was ist das denn für Scheiße?