Made in China - Gift im Spielzeug? Ein Interview mit Ökotest

Artikel von Marie Naumann vom 16.08.2007, 16:43 Uhr im Ressort Wissenschaft | 3 Comments

Elmo.jpgGiftstoffe in Zahnpasta, fragwürdige Lebensmittelqualität und Blei in Kinderspielzeugen – Produkte mit dem Zusatz „Made in China“ geraten in letzter Zeit immer mehr in Verruf. Die letzten Skandale drehen sich um die amerikanische Spielzeugfirma [1] Mattel, die auch in Deutschland ihre Produkte verkauft. Betroffen sind Spielzeuge der Marke Fisher Price, die bleihaltige Farbe enthalten, sowie Teile der Produktserien Polly Pocket, Doggie Day Care und Barbie. Als besonders schädlich eingestuft wird zudem das Spielzeugauto „Sarge“. (Eine genaue Auflistung der gefährlichen Spielzeuge finden Sie [2] hier.)

Bereits vor zwei Wochen hatte es eine erste Rückrufaktion gegeben, am 14. August folgte die zweite. Dass China bereits vor Monaten von dem bleibelasteten Spielzeug [3] wusste, sorgte besonders in den [4] USA, wo man schon um das Weihnachtsgeschäft fürchtet, für Aufregung. Die Vorwürfe an die Spielzeugfirma sind riesig, es werden stärkere Kontrollen auch durch staatliche Labore gefordert. Entsprechend wächst der Druck auf die herstellenden Firmen in China; einer der Fabrikanten beging [5] Selbstmord.
Dass Giftigkeit und Qualitätsmängel durch Sicherheitskontrollen der Firma Mattel selbst zutage kamen, lässt befürchten, dass sich auch in den Produkten anderer Hersteller, die im Billiglohnland China produzieren, Giftstoffe befinden könnten. Einheitliche oder gesetzliche Qualitätskontrollen von Spielzeug fehlen in Deutschland bislang. Die Readers Edition sprach zum Thema mit dem [6] Ökotest Redakteur Klaus Späne.

Readers Edition: Die in China hergestellten Spielzeuge, die zurückgezogen werden mussten, waren mit Blei belastet, das sich größtenteils in der genutzten Farbe befindet. Welche Auswirkungen kann Blei auf die Gesundheit haben? Sind diese Stoffe nur bei Verschlucken gesundheitsschädigend, oder auch schon im Hautkontakt?

Klaus Späne: Blei ist ein Schwermetall, das sich im Körper anreichern kann. Es ist als nervengiftig bekannt und kann bei Kleinkindern das Gehirn schädigen. Schon geringe Menge können zu Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und Gewichtsabnahme führen.

RE: Welche anderen Schadstoffe finden sich häufig in Spielzeug und wie gefährlich sind sie?

KS: In Spielzeug vor allem aus [7] Weich-PVC finden sich häufig [8] Phthalat-Weichmacher, die in Verdacht stehen, Leber, Nieren und Fortpflanzungsorgane zu schädigen und wie ein Hormon zu wirken. Außerdem zinnorganische Verbindungen, die sehr giftig sind. Bereits kleine Mengen genügen, um das Immun- und Hormonsystem von Tieren und vermutlich auch von Menschen zu schädigen. In jüngster Zeit finden sich auch häufig [9] polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, von denen viele als krebserzeugend gelten.

RE: Einige der zurückgezogenen Artikel sind schon seit längerer Zeit auf dem Markt. Gibt es neben dem sofortigen Entfernen des Spielzeugs Maßnahmen, die Eltern zum Schutz des Kindes ergreifen können, nachdem es bereits mit dem Spielzeug gespielt hat?

KS: Ratsam ist es, das Spielzeug zurückzugeben. Das ist zwar nicht ganz einfach, weil der Verbraucher nachweisen muss, dass das gekaufte Spielzeug belastet ist, aber man erhöht dadurch den Druck auf die Hersteller, in Zukunft nur noch verträgliche Materialien zu verwenden.

RE: Kann ich als Verbraucher erkennen, ob ein Spielzeug bedenklich ist oder nicht, z.B. an Geruch, Farbe und Material?

KS: Es gibt zumindest Indizien dafür: z.B. wenn ein Produkt stark riecht, ist das ein Hinweis auf Schadstoffe. Auch ein stabiles, robustes Produkt, das Fehlen von scharfen Kanten oder Nähten können Hinweise sein. Leider aber tragen die meisten Produkte in der Regel keine oder nur wenige Hinweise auf die Materialzusammensetzung. Manche tragen einen Hinweis PVC-frei oder Phthalat-frei.

RE: Gibt es Qualitätssiegel, auf die man sich verlassen kann? Gehört z.B. die europäische CE-Kennzeichnung dazu?

KS: Das CE-Zeichen sagt nur aus, dass der Hersteller verbürgt, dass sein Produkt die europäischen Sicherheitsanforderungen erfüllt. Das muss jedoch nicht von einer unabhängigen Stelle überprüft werden. Eine gewisse Sicherheit geben folgende Zeichen: TÜV-Proof, GS, Spiel gut und natürlich Öko-Test. Allerdings geben die verschiedenen Label wenig bis gar keine Auskunft über die Schadstoffbelastung eines Produkts.

RE: Weshalb wird der Bleigehalt der beliebten Spielzeuge erst jetzt bekannt? Hätten die Firmen nicht viel eher Kontrollen einführen müssen?

KS: Dass Spielsachen vor allem aus Fernost oft mit Schadstoffen belastet sind, ist schon lange bekannt. Allerdings ist es aufgrund der Masse der Importware fast unmöglich diese effektiv zu kontrollieren. Mehr als Stichproben sind meist nicht möglich. Dazu kommt, dass in Deutschland die Verantwortung bei den Bundesländern liegt, das erschwert effektive Kontrollen zusätzlich.

RE: Die Untersuchungen, die zu den erschreckenden Ergebnissen führten, waren von der Firma Mattel selbst in die Wege geleitet worden, der Rückzug, so die Pressesprecherin der Firma, sei freiwillig erfolgt. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass auch anderes Spielzeug “made in China” mit Giftstoffen belastet ist? Wird es von staatlicher Seite aus Untersuchungen geben?

KS: Für sehr wahrscheinlich, wie unsere Tests immer wieder zeigten und zeigen. Ob es von staatlicher Seite Untersuchungen geben wird, können wir nicht sagen, da müssen Sie die staatlichen Stellen fragen, z.B. das Verbraucherschutzministerium.

RE: In der Lebensmittelindustrie haben vermehrte Skandale dazu geführt, dass immer mehr Verbraucher auf Bio-Produkte zurückgreifen. Lässt sich in der Spielzeugbranche ein ähnlicher Trend erkennen?

KS: Einen solchen Trend haben wir zumindest bislang nicht beobachtet. Im Zuge des allgemeinen Trends zu Qualitätsware halte ich das aber für möglich. Vielleicht nicht in Richtung Bio, also ökologischer Ware, aber zumindest in Richtung von hochwertigeren Produkten.

RE: Öko-Spielzeug haftet nach wie vor das Image von selbstgebasteltem an, es ist “uncool”. Nehmen Spielzeugproduzenten Rücksicht auf die Wünsche von Kindern nach Spielzeug wie z.B. jenem von Mattel, oder wird bewusst auf die “Öko-Barbie” verzichtet?

KS: Die meisten Kinder stehen eher auf konventionelle Spielsachen, das ist wahr. Aber es gibt durchaus Hersteller wie etwa Playmobil, Big oder Käte Kruse, die bewusst auf unbedenkliche Materialien setzen, wenn auch nicht auf Öko-Stoffe. Grundsätzlich dürften sich die Hersteller aber nach dem Markt richten: d.h. wenn die Verbraucher belastete Produkte nicht mehr kaufen, kommen auch eher gesündere Produkte in die Geschäfte.

RE: Wir danken Ihnen für dieses Interview.

Foto: Screenshot via [10] Financial Times Deutschland.


Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de

Link zum Artikel: http://www.readers-edition.de/2007/08/16/made-in-china-gift-im-spielzeug-ein-interview-mit-oekotest/

Links im Artikel:
[1] Mattel: http://www.mattel.de/?f=y
[2] hier: http://www.mattel.de/service.php?action=topfaq&qid=1187036381&f=y
[3] wusste: http://www.welt.de/wirtschaft/article1107064/China__wusste_schon_lange_von_Gift-Spielzeug.html
[4] USA: http://www.nytimes.com/2007/08/16/business/worldbusiness/16toys.html
[5] Selbstmord: http://www.focus.de/finanzen/news/spielwaren_aid_69634.html
[6] Ökotest: http://www.oekotest.de/
[7] Weich-PVC: http://de.wikipedia.org/wiki/PVC
[8] Phthalat-Weichmacher: http://www.arbeitsmedizin.uni-erlangen.de/Koch_Phthalate.htm
[9] polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe: http://www.umweltanalytik.com/lexikon/ing8.htm
[10] Financial Times Deutschland: http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/234079.html?nv=cd-rss300

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