9to5 – Die Branchenmesse für Branchenmessenhasser

€žUns langt€˜s jetzt hier! Der Winter ist uns zu trist, der Frühling zu verseucht und im Sommer ersticken wir hier. Uns stinkt schon lange der Mief aus den Amtsstuben, den Reaktoren und Fabriken, von den Stadtautobahnen. Die Maulkörbe schmecken uns nicht mehr und auch nicht mehr die plastikverschnürte Wurst. Das

9to5.JPG€žUns langt€˜s jetzt hier! Der Winter ist uns zu trist, der Frühling zu verseucht und im Sommer ersticken wir hier. Uns stinkt schon lange der Mief aus den Amtsstuben, den Reaktoren und Fabriken, von den Stadtautobahnen. Die Maulkörbe schmecken uns nicht mehr und auch nicht mehr die plastikverschnürte Wurst. Das Bier ist uns zu schal und auch die spießige Moral. Wir woll€˜n nicht mehr immer dieselbe Arbeit tun, immer die gleichen Gesichter zieh€˜n. (…) Wir lassen uns nicht mehr einmachen und kleinmachen und gleichmachen. Wir hauen alle ab! … zum Strand von Tunix.€œ

Mit diesen Worten rief man vor knapp 30 Jahren zum Tunix-Kongress nach Berlin. Ein diffuses Unbehagen den Angeboten des realexistierenden Kapitalismus gegenüber, brachte damals mehr als 15.000 Menschen auf der Suche nach Anschluss, Gleichgesinnten und besseren Lebenszwecken zusammen. An dieser Veranstaltung, die gemeinhin als Auftakt der Neuen Sozialen Bewegung in der alten Bundesrepublik gesehen wird, orientiert sich ein, an diesem Wochenende in Berlin stattfindendes, Festival-Camp.

Sicher, die Vorzeichen sind dieses Mal deutlich verschoben. Die Teilnehmer von €ž9to5. Wir nennen es Arbeit€œ sind von der Idee abgekommen, den Kapitalismus abschaffen zu wollen €“ sie wollen vielmehr, dass er nach ihren eigenen Regeln funktioniert. Und genau hier sind auch die Schnittpunkte mit der Tunix-Generation. Die klassische Arbeitsgesellschaft erscheint ihnen zu eng und beschränkt: €žSie erheben ihren hedonistischen Defekt zur Maxime, und verbinden hohe Flexibilität mit einem störrischen Eigensinn€œ, wie es der Holm Friebe von der Zentralen Intelligenz Agentur im Vorwort des Festivalprogramms formuliert.

Das duftet natürlich unwiderstehlich nach den aktuellen Schlüsselwörtern des Feuilletons €“ Web 2.0, Social Media, digitaler Graswurzelökonomie und all diesen entzückenden Dingen, die Zukunft und Innovation verheißen. Doch auch wenn die neue €žKreative Klasse€œ erkannt haben will, dass die Marktwirtschaft und ihre kleinste Einheit, das Unternehmen, auch für sie den Rahmen bildet, in dem sich gegenkulturelle und utopische Projekte zwischen Kunst, Kommerz und Weltverbesserung am wirksamsten organisieren lassen, so soll auf diesem dreitägigen Festival gleichermaßen auf die Unversöhnlichkeiten und Unvereinbarkeiten mit bestimmten Geschäftsmodellen und Gesellschaftsentwürfen verwiesen werden. Übergeordnetes Ziel ist es daher, eine Vielzahl dieser kleinteiligen Ansätze, Projekte und Initiativen an einem realen Ort zu versammeln, das gesamte Spektrum sichtbar zu machen und die Akteure dahinter zu verlinken.

An Input wird in der Tat kein Mangel bestehen. Das Programm kommt einem Menü kreativer Geistesblitze gleich. Ob Referenten wie Tom Hodgkinson (€žAnleitung zum Müßiggang€œ) , Régine Debatty oder Frithjof Bergmann; Veranstaltungen wie ein Popstar-Workshop, Hörspiele zum €žTod eines Praktikanten€œ; PingPong Country mit Live Musik oder einfach ein Seminar mit dem bezaubernden Titel: €žWie ich die Dinge geregelt kriege – ohne einen Funken Selbstdisziplin€œ – es verspricht in jedem Fall unterhaltsam zu werden.

Das klingt soweit zwar alles ganz reizvoll, doch wie hat man sich nun so ein Festival genau vorzustellen? Ganz genau weiß das im Vorfeld wahrscheinlich noch keiner. Doch die letzten Sätze des Vorworts laden zum Träumen ein: €žIm Idealfall wird es eine Konferenz, die sich wie ein Ferienlager anfühlt und ein Festival, bei dem es um mehr geht als Tanzen, Trinken und Küssen (um das natürlich auch): Drei Tage als kollektive Auszeit und temporärer autonome Zone, in der neue Formen von Kooperation und Kollektivität erprobt werden, die im Idealfall über den Tag hinaus Bestand haben.€œ

Solltet ihr es nicht möglich machen können, dabei zu sein, Readers Edition ist selbstverständlich am Strand von 9to5 um euch auf dem Laufenden zu halten.

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