Türkei sperrt Wordpress, “Gender-Apartheid” und Prostitution in Indien - Bürgerjournalismus weltweit

- Ein Screenshot des türkischen Wordpress-Portals: “Der Zugang zu dieser Seite ist unterbrochen in Folge des Beschlusses Nr: 2007/195 des T.C. Fatih 2. Zivilgerichts in erster Instanz. Screenshot via Globalvoices.de
Dass die Klage eines einzelnen Mannes ausreichen kann, um über eine Millionen Blogs nicht mehr zugänglich zu machen, beweist der Fall um Adnan Oktar, der als Kreationist und Holocaustleugner auch unter dem Namen Harun Yahya bekannt ist.
Auf Grund seiner Beschwerde gegen den Betreiber des bekannten Blogportals wordpress.com, sah sich der türkische Staat genötigt ALLE Blogs dieses Portals für türkische Internetuser zu sperren. Wie war es dazu gekommen? Oktar hatte Klage eingereicht, da er sich durch bestimmte Blogs, insbesondere wohl durch seinen Rivalen Edip Yuksel, einen türkischen Schriftsteller, verleumdet fühlte. Da es für ihn und seine „kriminelle Organisation“ ein Leichtes sei, Blogs unter anderem Namen zu publizieren, und Edip explizit dazu aufgefordert habe, Oktar der Lüge zu bezichtigen, war zunächst gefordert worden, alle Blogs, die den Namen Adnan Oktars nannten, zu entfernen. Der Beschluss des türkischen Gerichtshofes war gründlicher: Alle Blogs des Portals wurden gesperrt.
Blogger wehren sich
Natürlich rief diese Entscheidung einen Entrüstungssturm hervor, das Thema wurde in Medien und Blogs weltweit aufgegriffen, so gab es Hunderte Reaktionen auf die Posts Blocked in Turkey und Why we’re blocked in Turkey: Adnan Oktar von Wordpress-Entwickler Matthew Mullenweg, und ein kanadischer Blogger rief zu einer Racheaktion gegen Oktar auf.
Auf der “Comment is free”-Seite des britischen Guardian schreibt Ali Eteraz zu dem Thema, dass er glaube, dass Wordpress hier in einem ganz anderen Streit geraten sei: Jenem zwischen zwei konkurrierenden muslimischen Gruppen, und dass diese Auseinandersetzung als Zeichen für die ersten Versuche von Zensur seitens einer islamistischen Regierung zu werten sei. Kommentare zu diesem Post hielten dagegen – Eteraz versuche nur, die Regierung schlecht zu machen, Zensur habe es in der Türkei auch schon vor dem Beginn der AK-Regierung gegeben, schreibt z.B. nadeem. Wie sie die Blockade umgehen können, erfahren türkische Blogger hier und auch ein kleiner Banner zur Unterstützung wurde bereits von Kylapasha (aus Pakistan) entworfen.
Misshandlung, Beschneidung und gesellschaftlicher Ausschluss
Denkt man an Apartheid, denkt man meist an Südafrika und ein System, dass nicht-weißen Menschen Restriktionen unterwarf, Folter, Ausschluss aus einer Gesellschaft. Dass diese Form von Unterdrückung nach wie vor existiert, hat Bogaletch Gebre, Mitarbeiterin des äthiopischen Kembatto Women’s Centre bestätigt. Sie bezeichnete, wie Fungai Rufaro Machirori schreibt, die Art und Weise, wie Frauen häufig in Schwarzafrika behandelt würden, als „Gender-Apartheid“. Sie beinhalte alle Merkmale der klassischen Trennung: Misshandlung durch Gewalt durch Männer aber auch durch die Genital-Beschneidung von Frauen, der Ausschluss aus der Gesellschaft, die erfolge, wenn sich eine Frau versuche, sich gegen ihren Mann zu wehren und vor allem: einen schlechteren Zugang zur gesundheitlichen Grundversorgung. So hätten viele Frauen in den südafrikanischen Ländern keine Möglichkeit, von ihren Männern sicheren Sex zu verlangen – die Folge seien oft genug Prügel. Im Kampf gegen diese Apartheid seien auch Männer gefordert – so habe die Organisation „South African Men as Partners“ gerade die Aufklärung auf Seiten der Männer im Blick.
Gedenkgottesdienst für Bombenopfer der UN
Über einen Gedenkgottesdienst für die Opfer des Bombenangriffs auf das UN-Gelände im Irak am 19. August 2003 berichtet Ronda Hauben. Überlebende und Familienangehörige der Toten waren zusammengekommen und trafen auch auf Ban Ki-moon; viel wurde über die Rolle der UN heute diskutiert und über das Erschrecken, als mit dem Angriff auf das Gelände deutlich wurde, dass die Angreifenden die UN nicht als neutrale Gruppierung verstünden
Sex ist in der indischen Gesellschaft immer noch ein starkes Tabu, stellt der Autor Ardhendu auf der indischen Bürgerjournalismussite Merinews fest. Dies führt zu manch merkwürdigem Widerspruch und, wie so häufig in Fällen von Tabus, zu Geschäftemacherei im Dunkeln. Wie überall so blüht auch in Indien das Geschäft mit Sex, speziell die nach wie vor illegale Prostitution gilt auch dort, trotz des starken Tabus, als ältestes Gewerbe der Welt. Ardhendu hat im veröffentlichten medialen Umgang mit dem Sexgeschäft eine Unvereinbarkeit ausgemacht, die eine rationale und rechtschaffende Herangehensweise verhindert.
Nachrichtenkanäle im Fernsehen haben es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, illegale Prostitution und Bordelle aufzudecken, nicht zuletzt deshalb, da solche Geschichten zu guten Quoten und damit auf indirektem Wege, via Werbung, zu erhöhten Einnahmen führen. Ardhendus Worten zu Folge sehnen sich die Fernsehsender gerade zu danach, ein erneute Aufdeckung zu verkünden – was offenbar nicht allzu schwer ist, da es in jeder Metropole und auch in kleineren Städten viele Bordelle gibt. Doch während diese eine Seite der Medien das Geschäft mit dem Sex verfolgt, unterstützt die andere Seite – die Printmedien – auf indirekte Weise selbiges: Die Zeitungen, so Ardhendu, sind voll mit Annoncen, die für jeden Leser offensichtlich für käuflichen Sex („Russische, türkische oder spanische Mädchen bieten Massagen an – auch zu Hause, 24 Stunden am Tag“) werben. Dieser Widerspruch, den die indischen Medien auf diese Weise bieten, dient nur der Verschleierung und einem nicht transparenten Umgang mit dem Problem. Daher plädiert Ardhendu für eine Legalisierung der Prostitution, nur so könne ein transparenter und rationaler Weg mit dem Sexgeschäft gefunden werden.
Marie Naumann & Martin Stahlke











Stephan Lochner
Ich erinnere mich dunkel, dass die Türkei vorhatte, in die Europäische Union (EU) aufgenommen zu werden. Vermutlich sind diese Internet-Sperrungen letzte wichtige Vorbereitungen auf dem Weg zur EU. Es sieht so aus, als ob jetzt nur noch flächendeckend die Meinungsfreiheit abgeschafft werden müsste - dann sind sie endlich am Ziel ihrer Träume.
Stephan
Readers Edition » Blogs vor Gericht, die Zukunft des Iraks und ein neues Internet aus Japan - Bürgerjournalismus weltweit
[…] Dass das Internet für viele Regierungen und Privatpersonen als Bedrohung aufgefasst wird, hat die Sperrung von Wordpress durch den türkischen Staat erst vor kurzem wieder deutlich gemacht. Ein solch radikaler Schritt schafft es bisweilen sogar in die Printmedien – dass viele Blogger und Internet User jedoch täglich verhaftet werden, weil sie oft nur des Gesetzbruchs verdächtigt werden, schafft selten den Schritt an eine größere Öffentlichkeit. Global Voices hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Nachrichten zu verbreiten – so auch heute. […]