Bloggen für weltweite Demokratie

Antony Loewenstein aus Sydney ist freier Journalist, Autor und Blogger. Er ist gerade dabei ein Buch über “Demokratie und Bloggen” zu schreiben und reiste kürzlich nach Kuba, Ägypten, in den Iran, nach Syrien, Saudi Arabien und China, um sich dort mit Bloggern zu treffen. Frage: Würdest Du Dich und Dein

antony.jpg Antony Loewenstein aus Sydney ist freier Journalist, Autor und Blogger. Er ist gerade dabei ein Buch über “Demokratie und Bloggen” zu schreiben und reiste kürzlich nach Kuba, Ägypten, in den Iran, nach Syrien, Saudi Arabien und China, um sich dort mit Bloggern zu treffen.

Frage: Würdest Du Dich und Dein neues Buch-Projekt bitte einmal kurz vorstellen?
Als Journalist und Autor in Australien interessiere ich mich schon länger dafür, wie Bloggen die seit langem anhaltende Arroganz der Mainstream-Medien herausfordert. Warum sollten selbsternannte “Experten” mehr respektiert werden als durchschnittliche Bürger? Mit den Jahren sind mir so viele Journalisten über den Weg gelaufen, die ihre Rolle mehr darin verstehen die aktuelle Machtelite zu stärken, als ihren Job zu machen, der sich mit dem Status Quo auseinanderzusetzen hat. Blogs können das erreichen.
Mein letztes Buch, “Meine israelische Frage”, handelte von Israel und Palästina, und ich war fasziniert von den Stimmen in den unterschiedlichen Nationen der Welt und das in Ländern, in denen die staatlichen Medien traditionell die alleinige Autorität besitzen. Offen gesagt, das Schreiben über Israel/Palästina ist sowohl physisch als auch emotional niederschmetternd €“ Hassmails und Todesdrohungen sind nicht unüblich €“ die Chance ein anderes Thema anzugehen war daher sehr ansprechend.

Deshalb handelt mein neues Buch-Projekt (es wird Ende 2008 erscheinen) auch vom Internet in unterdrückenden Regimen, über die Wege, über die das Web weltweit Diskussionen verändert hat, darüber wie westliche Unternehmen versuchen Regierungen zu helfen das Netz zu zensieren, und wie sich westliche Klischees über Menschen aus anderen Teilen der Erde schließlich ändern müssen. Kürzlich reiste ich nach Kuba, Ägypten, in den Iran, nach Syrien, Saudi Arabien und China und habe dort mit verschiedenen Schreibern, Bloggern, Online-Unruhestiftern, Politikern und Andersdenkenden gesprochen.

Die verteufelste Nation des Planeten

Frage: Du warst im Iran und hast dort mit Bloggern gesprochen. Hast Du etwas gelernt, wovon Du vorher noch nicht wusstest? Gab es Überraschungen?
Der Iran ist im Moment wahrscheinlich die verteufelste Nation auf diesem Planeten. Bevor ich dort eintraf, erwartete ich eine ängstliche Gesellschaft, Menschen, die Angst davor haben ihre wahre Meinung zu äußern. Obwohl ich das in Teilen auch erlebt habe, spürte ich auch Blogger auf, die aktiv gegen die Regierung von Mahmoud Ahmadinejad und seine zunehmend zerstörerische Sozialpolitik kämpften. Natürlich, solche Individuen sind nur eine sprechende Minderheit, doch viele der westlichen Medien porträtieren die Iraner als kaum mehr denn religiöse Fundamentalisten.

Ich traf viele Blogger, die westlich orientiert sind, weltmännisch, aufgeklärt, Atheisten, Internet-Junkies, Trinker, HipHopper, Raucher und Liberale. Nochmal, viele Iraner verkörpern auch das komplette Gegenteil dieser Eigenschaften – allerdings wurde mir gesagt, dass die Mullahs inzwischen konservativen Bloggern in Quom bewusst umschmeicheln, um ihre Absichten zu verbreiten – aber die iranische Gesellschaft ist weit komplexer als ich vielleicht erwartet habe. Die Internetzensur ist im Iran zügellos und wird immer schärfer (mein Guardian-Artikel handelt davon). Die meisten Blogger, die ich traf, sehen diese Entwicklung als Herausforderung an, aber wenn zum Beispiel zahlreiche Passwörter regelmäßig gesperrt werden €“ von €žTeenager€œ bis €žKoch€œ, von €žAsiate€œ bis €žFrau€œ €“ dann ist klar, dass das Internet autoritäre Regeln mehr als jede andere Technologie in der Geschichte herausfordert.

Eine wesentliche Quelle des Ausdrucks

Frage: Wie beurteilst Du den Einfluss der iranischen Blogosphäre auf die Gesellschaft?
Das ist schwer zu sagen. Es ist keine Frage, dass die Internetnutzung im Iran massiv ist und dass schätzungsweise eine Million iranische Blogs bestehen, aber ob sie wirklich die Gesellschaft beeinflussen? Ich glaube, dass sie das tun. Ich hab einige der wichtigsten Zeitungen über Blogs schreiben sehen, aus ihnen wurde sogar zitiert (einschließlich in den konservativsten Publikationen). Die Mullahs haben erkannt, dass Bloggen nicht nur eine Marotte ist, sondern hier ist, um zu bleiben. Für einige iranische Frauen, die ich getroffen habe, ist es der einzige Weg ihre Unzufriedenheit über das Eingreifen der Regierung in ihre Freiheiten, inklusive Kleiderordnung, öffentliches Verhalten und so weiter los zu werden.

Blogs schwören keine Revolution herauf, doch sie haben schon ein mächtiges Feuer in der Gesellschaft entfacht. Für eine junge Gesellschaft, die sich verzweifelt der Welt anschließen möchte, und die ein staatliche Medien hat, das die USA, Israel und Juden beschuldigt, für jedes Problem verantwortlich zu sein, werden Blogs weiterhin eine wesentliche Quelle des Ausdrucks bleiben.

Frage: Du warst auch in Saudi Arabien. Würdest Du mir ein bisschen was über die Blogosphäre dort erzählen? Gibt es da irgendeine Basis, auf der man die Saudi Arabische und Iranische Blogosphäre vergleichen könnte?
In vielerlei Hinsicht lässt Saudi Arabien den Iran sehr liberal aussehen. Das Königreich ist da viel konservativer. Frauen dürfen nicht fahren, es ist ihnen nicht erlaubt, in Geschäften zu arbeiten. Als ein Mann aus dem Westen war es für mich geradezu unmöglich, mit einer saudischen Frau zu sprechen. Was aber das Internet angeht, verhaften die Saudis keine Blogger und zensieren nur leicht im Vergleich zur Islamischen Republik Iran (mein Guardian-Artikel geht auf diese Dinger näher ein).

Ich traf eine Menge saudischer Blogger, inklusive Saudi Jeans, der mir von der Frustration erzählte, die er hat, wenn er sieht wie langsam die Gesellschaft politischen Reformen entgegengeht. Die iranische Blogger-Szene ist da viel fortschrittlicher als die in Saudi Arabien, und vor allem viel mehr in die Gesellschaft integriert (nicht jedoch in die Bürokratie der Regierung, wo die Mühlen in der Tat sehr langsam mahlen).

Die Demokratie wird bedroht

Fragen: Kann Demokratie über Blogs verbreitet werden?
Die Demokratie ist weltweit bedroht, keine Frage, in sowohl der westlichen und nicht-westlichen Welt. In Ländern wie Großbritannien, den USA und Australien, wo Regierungen gegen den Willen der Bevölkerung in den Krieg gegen den Irak zogen, schreiten die Truppen weiter voran, entgegen den Willen der Menschen, und kämpfen vielleicht bald in einem anderen Krieg €“ vielleicht in den nächsten Jahren gegen den Iran €“ entgegen den Wünschen der Bevölkerung. Das ist keine Demokratie; das ist vorgetäuschter Autoritarismus gekleidet als starke Auslandspolitik.

Blogs haben den politischen Prozess sicherlich demokratisiert und erlauben €ždurchschnittlichen€œ Bürgern sich einzuschalten. In meinem Land, Australien, wird das Internet mittlerweile von allen führenden politischen Parteien im Vorfeld der nächsten Bundeswahlen aktiv genutzt.

In Ländern wie dem Iran, China und Ägypten bedroht das Internet die Herrschaft undemokratischer Regierungen, und Blogger zahlen oft einen hohen Preis dafür, wenn sie sich über Polizeigewalt äußern. Blogs alleine können keine Demokratie bringen, aber sie können sicherlich ermöglichen, dass einige Menschen mehr an diesem Prozess teilnehmen können. Das ist nur schlecht für die, die den Machthebel nicht aus der Hand geben wollen.

Frage: Hast Du vielleicht einige Ideen wie Global Voices effektiver darin werden könnte, eine Brücke zwischen den verschiedenen Communities zu schlagen?
Global Voices macht bereits einen wundervollen Job, wie es die Welt aufdeckt. Über Blogger in Ländern wie Palästina, Fiji und dem Iran zu lesen, um nur ein paar zu nennen, trägt dazu bei, dass wir die Menschen besser verstehen. Ich würde GV dafür lieben, wenn die Seite weiterhin Bürger in armen Ländern darin unterstützen würden ins Internet zu gelangen, um eine Stimme zu bekommen. Das ist die Pflicht von uns allen, die privilegiert genug sind diese Technologie jeden Tag zu nutzen.

Dieses Interview erschien zuerst auf Globalvoices.org. Übersetzung durch die Readers Edition.

Photo: Screenshot via Globalvoices.org.

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