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9to5: Burning Money - Müßiggang, Sicherheit und Geldvernichtung

Freitag, den 24. August 2007 um 15:49 Uhr von alexander günther
Klare Botschaft zu Beginn; Photo: Presse

Es war ein lauschiger Augustabend, als sich die „digitale Bohème“ zum großen Klassentreffen anschickte. Die Ausgangsvoraussetzungen hätten kaum besser gewählt sein können. Das Radialsystem mit seiner Spreelage und ausladenden Räumlichkeiten wirkten bereits auf den ersten Blick sehr inspirierend. Das langsam eintrudelnde Publikum wirkte für den Berliner auch sehr vertraut – ein herkömmlicher Querschnitt durch ein Café im Prenzlauer Berg schien hier versammelt. Lediglich die Kinderwagen fehlten.

Der Ort des Geschehens - das Radialsystem an der Spree; Photo: leralle

Nach dem ersten Beschnuppern startete man dann nach kurzer Eröffnungsrede durch. Mit einem fulminanten Vortrag brachte Tom Hodgkinson das Festival auf Kurs. Er begann mit der provozierenden Parole „work kills“, welche er auch auf seinem T-Shirt vor sich her trug . Diese Aussage sei keineswegs auf ein Underground-Märchen zurückzuführen, sondern begründe sich auf einer UN-Studie, wonach die Arbeit und deren Folgen weltweit jährlich zwei Millionen Menschen ums Leben bringt. Das seien mehr Tote als durch Alkohol und Drogen zusammen und eine Vielfaches des Terroranschlags vom 9.11.2001. Soweit die These. Es folgten längere Passagen, in denen Hodgkinson die aktuelle Misere historisch und kulturell zu begründen suchte.

Als Feind der Freiheit machte er die Reformation und den damit einhergehenden Vormarsch des protestantischen Arbeitsethos aus, der von Calvin und Luther geprägt und von Max Weber analysiert wurde. Während der industriellen Revolution hätte dieser Arbeitsbegriff dazu geführt, dass eine neue, disziplinierte Schar von Arbeitern für die aufkommenden Manufakturen geformt wurde. Diese Mixtur aus anerzogener Schuld und Verdammung sämtlicher Freuden wurde beispielsweise von dem Kapitalisten Benjamin Franklin propagiert, der das Prinzip ‚Zeit ist Geld‘ propagierte und geraten haben soll: „Lass deine Gläubiger dich nicht in der Kneipe erwischen, sondern beim Schuften“, sowie von religiösen Bewegungen wie zum Beispiel den Methodisten, die in Gott eine Art Über-Chef sahen. (Eine Zusammenfassung der Rede ist hier nachzulesen.)

Revolution des eigenen Alltags

All dies sind natürlich nicht unbedingt neue Erkenntnisse ebenso wie der darauffolgende Versuch, das Leben der mittelalterlichen Mönch- und Zunftgemeinschaften zu idealisieren. Diese Romantisierungen wurden schnell eingeschränkt durch sein Statement, dass es ihm mehr um die Frage ginge, ob wir in der Lage seien, unser eigenes Leben zu schaffen, und dass er es als wünschenswert sehe eine Revolution des eigenen Alltags im Rahmen des eigenen Alltags zu vollziehen, um ein Gegengewicht zum kapitalistischen Arbeitsbegriff zu schaffen. Und damit kam Hodgekinson einer der Kernfragen der Veranstaltung bedenklich nahe.

Sein Angebot zur Erreichung dieses Ziels versuchte er durch ein Manifest zu untermauern. Dieses enthielt unter anderem folgende Forderungen: „Tod dem Supermarkt, Backe Brot, spielt Ukulele, Tätigkeit ist aussichtslos, hört auf zu jammern, hört auf zu konsumieren, beginnt zu produzieren, zieht euch aufs Land zurück, liebe das Schöne, liebe die Armut, ignoriere den Staat, das Leben ist absurd, wir sind frei, freut euch des Lebens!“


Der Strand von 9to5; Photo: leralle

Risiko = Eintrittswahrscheinlichkeit x Schadenshöhe

Nach so viel Visionen zog es mich als nächstes zum eher pragmatischeren Teil der Veranstaltung. Im „Raum Bremen“, einem von der „mobile City“ gesponserten Raum werden die nächsten drei Tage eher praktische Fragen erörtert werden. So machte an diesem Tag Tim Pritlove vom CCC mit einem kurzweiligen und amüsanten Vortrag über das Problem der Sicherheit in WLAN-Netzen den Anfang. Viel Altbekanntes und allzu Unbequemes wurde hier angesprochen. Schließlich folgten jegliche Sicherheitserwägungen der einfachen Formel: Risiko = Eintrittswahrscheinlichkeit x Schadenshöhe. Neben dem Tipp mindestens einmal in der Woche backups zu machen, erteilt das Forum noch zahlreiche andere Tipps um das Risiko niedrig zu halten. Unverschlüsselte POP-Mail-Protokolle seien unbedingt zu meiden. Hier sollte man stets auf ein „S“ bei den besuchten Seiten achten, also beispielsweise immer https statt http! Ebenso ergeht der händeringende Aufruf unbedingt auf FTP zu verzichten, so man dieses noch in Anspruch nähme. Hier gebe es zahlreichere sicherere Alternativen. Hinsichtlich WLAN warnt Pritlove davor die Verschlüsselung WEP zu nutzen. Diese sei schon seit Jahren geknackt und ein aufreizendes Angebot für jeden, der nur halbwegs etwas von der Materie versteht. Bei WlNA-Netzen ist in jedem Falle angeraten die WPA-Verschlüsselung zu wählen. Diese würde in jedem Falle einen besseren Schutz bieten. Auf die häufig vorgebrachte Frage, dass „meine mails doch für keinen außer mich interessant wären“, entgegnet Pritlove, dass es weniger um die mails als um Identitätsdiebstahl gänge. Dieser Delikt wird mit Sicherheit zu den Hauptproblemen der nächsten Jahre gehören und daher wäre ein wenig Vorsorge in Sicherheitsfragen unbedingt vonnöten.

Machen, was noch keiner gemacht hat

Nach einer kleinen Entspannungspause am trägen Ufer der Spree schlenderte ich dann zu einem der kulturellen Höhepunkte des Abends. In der großen Halle fand eine Vorführung des Films „Watch the K Foundation“ statt. Einige der geschätzten Leser werden sich vielleicht an die Kunstaktion der, als KLF (Kopyright Liberation Front oder auch Kings of Low Frequency) bekannten Musikgruppe erinnern. Nachdem sie mit einigen Nummer-1-Hits eine Menge Geld eingenommen hatten, verließen sie das Musikbusiness und eroberten ein letztes Mal am 23.8.1994 die Schlagzeilen, als sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion eine Million Pfund Sterling verbrannten.

An diesem Abend sollte nun der Film gezeigt werden und als besonderer Gast war neben Krach, dem Roboter auch Gimpo zu Gast. Gimpo war der Kameramann, welcher die Ehre hatte, jene Kunstaktion damals zu filmen. Im Vorfeld beantwortete der sympathisch auftretende Engländer einige Fragen, wie zum Beispiel die nach dem Sinn dieser Aktion. Diese Frage, so Gimpo, sei wahrscheinlich einer der Gründe für Bill Drummond und Jimmy Cauty, für die Aktion ein 23jähriges Moratorium zu vereinbaren. Was sollte es hierfür schon für einen Grund geben?! Außer den, der die Kunst seit Jahrtausenden antreibt: Zu machen, was noch keiner gemacht hat! Nach seiner Meinung zu der Aktion gefragt, meint Gimpo verschmitzt, dass er schon mit dem Gedanken gespielt habe, die beiden Verrückten aus dem Auto zu werfen und die Polizei mit 200.000 zu bestechen, um das Geld zu retten. Letzten Endes kam dann aber doch alles wie geplant. Nachdem er noch bemerkte, dass die Asche der Million im übrigen hinterher zu einem Ziegelstein gepresst wurde und jetzt irgendwo in der Küche von Bill herumliegen würde, begann der Film. Zu den disharmonischen Klängen von Krach flackern nun eine knappe halbe Stunde die hypnotisierenden Aufzeichnungen der Geldvernichtung von der Leinwand.

Dannach war dann auch mal gut mit Informationsaufnahme und ich genoss den Rest des Abends zu den Klängen von Jacques Palminger und Justine Electra.

Nachtrag:

  • Die Aktion der Blitzpop-Leute kann tatsächlich als Erfolg betrachtet werden - innerhalb eines Tages wurde eine Band gegründet, ein Album aufgenommen und ein MySpace-Account (103 Freunde, Stand heute Morgen) eingerichtet. Die erste Single (”Es gibt keinen Fortschritt”) wurde noch am Abend von Radio 1 und Motor FM gespielt.
  • Von vielen Veranstaltungen werden hier podcasts angeboten

Photo Quelle/ Copyright: leralle, cc creative commons Namensnennung-NichtKommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 (via flickr)

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