Kind gefoltert, Pakistan und die USA und weitere Diskussionen um den Irak - Bürgerjournalismus weltweit

- Der 12 jährige Mohamed Mansoura mit seiner Mutter. Screenshot via Politikia and the Society
Dass auf ägyptischen Polizeistationen gefoltert würde, sei keine neue Schlagzeile, so D. B. Shobrawy auf Global Voices. Dass aber ein zwölfjähriger Junge eine Wache lebend betritt, mit einem gebrochenen Rücken wieder herauskommt und sein Körper Zeichen von heftiger Folter aufweise, sei kaum fassbar. Auf dem Blog von Wael Abbas war davon zuerst die Rede gewesen; der Blogger “IRC President” hat den schockierenden Bericht der Mutter, die von dem Hergang erzählt, ins Englische übersetzt und Fotos (für Minderjährige ungeeignet) beigefügt.
Die Bilder strafen die offizielle Stellungnahme des Innenministeriums Lügen, in der behauptet wurde, der Junge sei an Herzversagen gestorben – der Körper des Kindes ist mit Merkmalen von Elektroschocks, Brandmalen und Schlägen übersehen, und was als “Operation” durch die Polizei (!) galt, war offenbar schlicht ein grober Schnitt in die Flanke. Das Krankenhaus, in das der Junge später gebracht worden war, habe ihn nicht aufgenommen, “weil sein Rücken in der falschen Weise geöffnet worden war” und man habe ihn an einer Bushaltestelle abgesetzt. Ein freundlicher Mensch habe ihn auf einem TocToc (einer Art Motorradtaxi) nach Hause gebracht. Der Junge ist inzwischen gestorben.
Die Bloggerin Zeinobia verfolgt den Fall, der jetzt von offizieller Seite untersucht würde; bislang sei der erste Bericht des Innenministeriums widerlegt… Dass dieser Fall die Folterskandale in Ägypten, die in den letzten sechs Monaten zugenommen haben, an eine weitere Öffentlichkeit bringe, sei zu hoffen.
Zugreise durch Russland
Wie harmlos dagegen der Blogeintrag, der in der russischen Blogosphäre für Vergnügen gesorgt hat: The short end below berichtet von einer Zugfahrt, während derer man (wegen des Anschlags auf den Zug in der Nowgorodregion) lange stand. Eine zwanzigjährige, offenbar wohlhabende Mitpassagierin habe permanent ihre Mutter angerufen und ins Handy gejammert: “Mama! Ich weiß nicht, wo wir sind, Mama! Hier sind Zäune! Und Kuhställe! Mama, wir sind in der Hölle! Wir sind in der Hölle, Mama!”
Insgesamt 469 Kommentare habe es zu der weltfremden jungen Frau gegeben, Veronica Khokhlova hat einige der komischsten übersetzt – unter anderem den von mephistua: “Zehn Prozent der russischen Bevölkerung lebt in Moskau. Und die anderen neunzig Prozent arbeiten für Moskau”….
Aus Islamabad schreibt Umer Farooq, die der anti-amerikanischen Haltung vieler Regierungsmitglieder zwei Dinge zu Grunde legt: Zum einen die Aussage des Senators und Präsidentschaftskandidaten Barack Obama, der einen Angriff auf Pakistan nicht ausschließe, um Verstecke der Al-Qaida ausfindig zu machen, und zum anderen den Abschluss der Nuklearverhandlungen der USA mit Indien. Nachdem sogar in Regierungskreisen anti-amerikanische Rhetorik zu vernehmen gewesen sei, habe Pakistans Außenminister Khursheed Kasuri betont, dass Pakistan es sich nicht leisten könne, sich die USA zum Feind zu machen. Nicht alle seien dieser Meinung – so kritisiere der einflussreiche Minister Sher Afgan die USA in seinen Ansprachen scharf.
Nachhall der Wahlen in Kamerun
Yemti Harry Ndienla, der bereits vor einiger Zeit zu den Wahlen in Kamerun schrieb, greift heute noch einmal das Thema auf und berichtet von dem Statement Großbritanniens, den Niederlanden und der USA dazu: Kamerun habe eine Chance für eine Demokratisierung durch die Wahlfälschungen verpasst. Zu loben sei einzig, dass der Wahltag an sich relativ ruhig verlaufen sei.
Fragen um einen möglichen Rückzug der US Truppen aus dem Irak beschäftigen auch heute verschiedene Autoren auf der Bürgerjournalismusseite Agoravox. Matthew Iglesias setzt sich mit der Position von Mark Kleiman auseinander. Kleiman sagt, dass die Gefahr eines noch verheerenderen Bürgerkriegs im Irak nach Abzug der USA kein Grund für einen längeren Aufenthalt sein kann, solange nicht gewährleistet ist, dass in einem halben oder einem ganzen Jahr oder auch in fünf Jahren die Situation eine andere wäre. Solange wahrscheinlich ist, dass auch dann ein Abzug eine Verschärfung der bürgerkriegsähnlichen Situation bedeutet, ist jeder Tag des Bleibens nur ein Tag der Herauszögerns des Unvermeidlichen – mit einer sich täglich verschlechternden diplomatischen Konstellation und natürlich täglich steigenden Opferzahlen für und durch die US-Armee.
Aus Aufständigen werden Milizen.
Matthew Iglesias allerdings glaubt, dass dies nur die Hälfte der Wahrheit ist. Denn die momentane Politik der USA im Irak bedeutet seines Erachtens eine Verschärfung der Lage eben durch den Aufenthalt. So fahren die USA zur Zeit die Politik, Gruppen bewaffneter Männer anzuheuern. Die meisten von ihnen waren vorher vermutlich als Aufständische aktiv, andere möglicherweise gar Baathisten, also Mitglieder in Saddam Husseins Partei und damit ursprünglicher Feind. Die Strategie dahinter ist klar: Es sei weitaus einfacher, die Leute zu bezahlen als sie festzunehmen oder zu töten. Soweit so gut, für die US-amerikanischen Truppen ist dies sicherlich keine schlechte Strategie, so Iglesias. Auf lange Sicht jedoch ist genau dies ein hervorragendes Beispiel für das Problem, das ein verlängerter Aufenthalt der US-Truppen im Land zwischen Euphrat und Tigris mit sich bringt: Noch ist es so, dass die USA die mit Abstand am besten ausgerüstete Kriegspartei sei. Weder die irakische Armee, noch die Aufständischen, noch die neu angeheuerten Milizen würden über gleichwertiges Material verfügen. Nun ist es so, dass diese Milizen aus Sunniten bestehen, während Regierung und Armeeführung mehrheitlich von Schiiten gestellt werden. Der Nebeneffekt des Anheuerns der Milizen ist also, dass die beiden größten verfeindeten Gruppen von den USA mit Waffen und Knowhow ausgerüstet werden. Die anfänglich dargelegte Position, dass ein Bürgerkrieg durch ein längeres Verweilen nicht verhindert sondern nur verschoben wird, ist demnach, so Iglesias, also zu kurz gegriffen: Mit jedem Tag der US-amerikanischen Besatzung werden die Feinde besser ausgerüstet und ihr Wissen und ihr Waffenarsenal tödlicher.
Marie Naumann & Martin Stahlke
Photo: Screenshot via Politikia and the Society.











Readers Edition » Todesstrafe in Japan, Muslime in den USA und Hoffnung für Flussdelfin - Bürgerjournalismus weltweit
[…] Einen Überblick über die jüngsten Einschränkungen der Meinungsfreiheit im Internet hat Sami Ben Gharbia zusammengestellt, vier Länder deckt er dabei ab: Tunesien, wo das französische Videoportal Dailymotion gesperrt wurde, Ägypten, wo der Blogger Abdel Monem Mahmoud wieder die Verhaftung angedroht wird nachdem er das Video eines zu Tode gefolterten Kindes eingestellt hatte, China, wo diejenigen, die die chinesische Telekom nutzen, nicht an FeedBurner feeds gelangen und Thailand, wo zwar die Blockade von Youtube aufgehoben wurde, aber Veoh und Metacafe weiterhin gesperrt bleiben. […]