In Deutschland ist €žThe 11th Hour€œ noch gar nicht auf der Kinoleinwand erschienen. In den USA hingegen sorgt die Dokumentation, die am 17. August in New York und Los Angeles angelaufen war, bereits für Diskussionsstoff. Filmstar und Ex-Mädchenschwarm Leonardo DiCaprio mimt in €žThe 11th Hour€œ den Gastgeber, Experten aus Politik und Wissenschaft dozieren nebenbei über Klimawandel, Umweltverschmutzung und erneuerbare Energien. Zu Wort kommen unter anderem Stephen Hawking, Michail Gorbatschow und Wangari Mathaai, um nur einige zu nennen.
Richtig, ganz neu ist der Ansatz nicht. Denn Al Gore und die von ihm verkündete €žUnbequeme Wahrheit€œ waren ähnlich gestrickt, der frühere US-Vizepräsident erhielt für sein durchdachtes Werk gar einen Oscar. Durchaus erstaunlich daher, dass die amerikanische Presse nicht mit Ignoranz oder ätzender Kritik, sondern zumeist mit Wohlwollen auf “The 11th Hour” reagiert.
Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Streifen: €žThe 11th Hour€œ beschränkt sich nicht allein auf den Klimawandel. Vielmehr sei die Menschheit angesichts einer kaum noch überschaubaren Vielzahl von Umweltproblemen zum Handeln aufgefordert, noch könne das Raumschiff Erde in die richtige Spur gelenkt werden. Der Film macht auch Hoffnung, soll motivieren, zwar auch aufrütteln, aber nicht nur deprimieren.
Film-Guru Ebert stänkert
Das sehen auch die versammelten Rezensenten aus Amerikas großen Redaktionsstuben so. €žVielleicht wird der Film nicht Ihr Leben verändern. Aber er wird Sie an einen alten Slogan erinnern: €šWenn Du nicht Teil der Lösung bist, bist du Teil des Problems€™€œ, schreibt etwa Manohla Dargis von der New York Times. €œDer Film ist wesentlich unnachgiebiger als Al Gores Slide-Show€œ, so Wesley Morris vom Boston Globe.
Nelson Pressley von der Washington Post meint: €žTrotz der alarmierenden Daten verfällt die Tonlage des Films nicht in Hysterie, sondern bleibt in hohem Maße wissenschaftlich.€œ So richtig aus dem Rahmen fällt eigentlich nur Roger Ebert, ausgerechnet der wohl meistgeachtete Filmkritiker Amerikas. “Dieser Film ist ein Langweiler”, so Ebert, der für die Chicago Sun-Times schreibt: “Was im Film gesagt wird, wissen wir schon alles. Aber motiviert er uns zum Handeln? Nicht wirklich.”
Ab dem 15. November werden sich die deutschen Zuschauer ihr eigenes Bild über “The 11th Hour”, das bei den Filmfestspielen in Cannes im Mai uraufgeführt worden war, machen können. Dann läuft die Doku auch in Deutschland an.
(S.W.)
Kino-Trailer:
[youtube g_5dlqVJdBs]
Pressekonferenz:
[youtube VdioqIraSlk]
Leinwanddebüt:
[youtube Z0LCFNZ29YM]
Das rätselhaft widersprüchliche Zitat aus der Rezension von Manohla Dargis finde ich ebenso interessant wie das von “Filmkritik-Pabst” Roger Ebert. Die Frage, ob Kunst etwas bewirken kann, ist so alt wie aktuell. Sie hat es getan, indem sie Stimmungen bündelte und, oft auf lange Sicht und Umwege, Menschen anregte. Die beiden Kritiker scheinen es Dicaprios Film vorzuwerfen, dass er uns nicht noch das Handeln abnimmt, ich finde das absurd! Eberts verletzte Selbstzufriedenheit ist mir schon bei seinem Verriss des letztjährigen Films von M.N. Shyamalan, “The Lady in the Water”, unangenehm aufgestoßen: Ein Film, der sich übrigens eben dem Thema in Form eines Märchens für Erwachsene nähert: Unsere Trägheit, die akute Bedrohung unserer Lebensgrundlagen zu erkennen und uns aus unserer gleichgültigen Isolation zu einem tätiger Hilfsbereitschaft aufzuraffen. 76% der amerikanischen Kritiker verrissen den Film (laut Rotten Tomatoes): Es scheint heute zum guten Ton zu gehören, dass kritische Stimmen von einer gekränkten, vielleicht schuldbewussten Mehrheit verspottet werden. Ich bin jedenfalls gespannt auf Leonardo DiCaprios Bemühung und auf die Reaktionen, die hoffentlich konkret5es Umweltengagement bedeuten.
http://rogerebert.suntimes.com/apps/pbcs.dll/article?AID=/20060720/REVIEWS/60720002/1001
http://uk.rottentomatoes.com/m/lady_in_the_water/