Indien sucht den Superpolitiker

Anlässlich des sechzigsten Jahrestages der Staatsgründung Indiens hat sich die Times Group (der größte indische Medienkonzern) zu einer ganz besonderen Aktion entschlossen: Im Rahmen einer landesweiten Ausschreibung wird nach einem politischen Nachwuchstalent gesucht, das mit geballter Medienmacht auf die nationale Bühne gehoben werden soll. Die einzige Voraussetzung für die Beweber

likl.jpgAnlässlich des sechzigsten Jahrestages der Staatsgründung Indiens hat sich die Times Group (der größte indische Medienkonzern) zu einer ganz besonderen Aktion entschlossen: Im Rahmen einer landesweiten Ausschreibung wird nach einem politischen Nachwuchstalent gesucht, das mit geballter Medienmacht auf die nationale Bühne gehoben werden soll. Die einzige Voraussetzung für die Beweber ist, dass sie bisher noch nicht politisch aktiv gewesen sein dürfen, schließlich sollen sie Speerspitze einer Bewegung gegen die etablierten Parteien werden – denn die haben nach Meinung der Times Group versagt.

“India Poised” und “Lead India”

Der erste Teil der Kampagne stand unter dem Titel “India Poised” (Indien ist bereit). Mit dem populären Schauspieler Amitabh Bachchan als Zugpferd wurden die Stärken des Landes hervorgehoben und die Menschen zu Optimismus aufgerufen. Die Anzeigen und Werbespots von India Poised wurden von den verschiedenen Medien des Konzerns im gesamten ersten Halbjahr 2007 veröffentlicht und ausgestrahlt.
Der zweite Teil mit dem Namen Lead India (Führe Indien) wurde kurz vor dem sechzigsten Unabhängigkeitstag im August gestartet und führt die Idee von India Poised weiter. Ein zentrales Element ist auch hier wieder ein Werbespot mit einem beliebten Schauspieler, dem Bollywood-Star Shahrukh Khan (siehe unten). Statt auf die Politik zu vertrauen, werden die Inder aufgerufen selbst Politiker zu werden, und das im Rahmen eines Castings, bei dem aus allen Bewerbern “die” zukünftige Führerpersönlichkeit ermittelt werden soll. Dem Gewinner wird die Unterstützung der Times Group-Medien versprochen, mit deren Hilfe er es mindestens ins Parlament schaffen soll.

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Bollywood-Star Shahrukh Khan im Werbespot für Lead India

Medienmacht und Populismus

Wie groß die Chancen eines solchen gecasteten Politikers sind, dürfte schwer zu beurteilen sein, völlig unrealistisch ist ein Erfolg aber nicht. Mit den Zeitungen The Times of India, The Economic Times, Mumbai Mirror, Navbharat Times und Maharashtra Times sowie dem Fernsehprogramm Times Now und dem Sender Radio Mirchi verfügt die Times Group über eine erhebliche Medienmacht, zudem bedient sie mit ihrer Kampagne bereitwillig das Misstrauen der Menschen gegenüber der Politik, um sich als “Anwalt des kleinen Mannes” zu positionieren. In der Selbstdarstellung von Lead India werden den Politikern und der Verwaltung pauschal Korruption, Inkompetenz und Ideenlosigkeit vorgeworfen, und konsequent wird auch jeder, der bereits politisch aktiv war, vom Wettbewerb ausgeschlossen. Vor allem bei den Indern, an denen der wirtschaftliche Aufschwung vorbeigeht, dürfte diese Einstellung ankommen.

Vorgezogene Wahlen als Risiko

Zum unkalkulierbaren Risiko dieses Projektes könnte vor allem das kürzlich geschlossene Nuklearabkommen zwischen Indien und den USA werden, das zu einer Regierungskrise geführt hat, in der auch Neuwahlen nicht mehr ausgeschlossen scheinen. Sollten diese Wahlen vor dem Ende des Lead India-Castings stattfinden, wäre es vermutlich schwierig, dem Gewinner über eine ganze Legislaturperiode hin das Image des Anti-Politikers zu erhalten. Die Macher der Kampagne scheinen sich bereits darauf einzustellen. Der versprochene Parlamentssitz für den neuen “Indian Leader” wird mittlerweile kaum noch erwähnt.

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