Tja, das war doch mal wieder eine Sache… Kaum zurück aus dem tschechischen Hradec Kralove mit jeder Menge an Eindrücken vom spektakulären Rock for People Festival im Gepäck, hat sich die Redaktion am vorletzten Wochenende erneut aufgemacht, um Ihren Leserinnen und Lesern ein Stück Musikkultur an den heimischen Schreibtisch zu bringen. Von “Walls of Jericho” zu Jimmy Cliff €“ von einem ehemaligen Militärflughafen mit eher kühler Kulisse hin zu einer beschaulichen Wiese mit prächtiger Berglandschaft im Chiemgau – gegensätzlicher könnten die Stilrichtungen, aber auch die Lokalitäten kaum sein. Doch auch der 13. Chiemsee Reggae Summer an und für sich strotzte nur so vor Gegensätzen.
Angefangen von wilden Wetterkapriolen inklusive ordentlichen Schlammbädern, über Musiker, die von gemächlichem Roots Reggae bis hin zu gewagten Mischungen aus HipHop, Dancehall und so manch anderen Einflüssen alles aus ihren Instrumenten und Kehlen heraus holten, bis hin zu Festivalbesuchern, die schätzungsweise die gesamte Palette zwischen null und 99 Jahren abdecken konnten. Auch beim Schreiben dieses Artikels stellte sich die Frage: Wo anfangen und wo bitte aufhören? Gerecht werden kann man diesem Megaevent ohnehin nicht in wenigen Zeilen. So bleibt an dieser Stelle wohl nichts anderes übrig, als eine kleine aber feine subjektive Auswahl zu treffen, die vielleicht einen, wenn auch nicht adäquaten, aber dennoch rundum farbenfrohen Eindruck liefern kann.
Alter Hase trifft junges Reggae-Blut
Und so stürzen wir uns sogleich ins Getümmel…
Alter Hase trifft junges Reggaeblut: So in etwa könnte die Devise der Booking-Agentur bei der Zusammenstellung des diesjährigen Line Ups gelautet haben. Eine spannende und polarisierende Mischung ist da entstanden, die wohl keinen Genrewunsch der mehr als 22.000 Besucher offen lassen konnte.
Mit Stammgast Gentleman, der bei dieser Gelegenheit gleich sein neues Album “Another Intensity” vorstellte, Reggae-König Alpha Blondy von der Elfenbeinküste, Altmeister Jimmy Cliff, der bereits seit 1996 zur Chiemsee-Familie gehört, dem wiedervereinigten Freundeskreis, die zur Freude der Fans sogar Joy Denalane als Special Guest im Gepäck hatten, dem neuen Stern am Reggae-Himmel Jahcoustix, Ganjaman, die Berliner Ohrbooten, die das Festival justament zu einem Videodreh nutzten und Hans Söllner, dem Bayern mit der spitzen Zunge, der nach eigenen Angaben ein “vöööööllig unpolitischer Mensch” sei, trafen sich in diesem Sommer zahlreiche Größen der Szene – zum Teil schon zum wiederholten Male €“ auf den Bühnen des Festivals.
Auch die “Chiemsee-Neulinge” wie Legende Max Romeo, Capleton oder Winston Foster, vielen besser bekannt als Yellowman, wurden herzlich im Schoße der Festival-Familie empfangen. Die Liste an bekannten Namen, die jedem Liebhaber nur so auf der Zunge zergehen würden, könnte hier fast beliebig fortgesetzt werden. Traditionell traf sich also erneut das “who is who” der Szene im beschaulichen Übersee, um gemeinsam mit dem fröhlich ausgelassenen und vor allem vorbildlich friedlichen Publikum bis in die frühen Morgenstunden hinein auf dem neu strukturierten Gelände zu feiern und zu tanzen. Und war das Event im letzten Jahr noch durch den plötzlichen Tod von Legende Joseph Hill überschattet, hielt diesmal “nur” ein Brand am Rande des Geschehens die Menschen in Atem. Soweit also der kleine Rundumschlag.
Unvergessliche Momente…
Bleiben noch einige besondere Highlights zu erwähnen, die dem Publikum mit Sicherheit etwas länger im Gedächtnis haften dürften und sich ganz zur Freude der Befürworter des oben genannten jungen Blutes vor allem in deren Reihen abspielten. Und so gehörten gewiss unter anderem auch Mono & Nikitaman, die schon am Freitag nach dem Opener Stichie die Hauptbühne betreten durften zu dieser Reihe an unvergesslichen Momenten. Und dies Gott sei Dank noch rechtzeitig, stellte doch Frontman Nikitaman unumwunden fest: “So viele Bullen habe ich zum letzten Mal auf dem G8-Gipfel gesehen.” Was zur Folge hatte, das auch ein Bandmitglied sprichwörtlich bis auf die Knochen von obig erwähnten Herren untersucht wurde. Nun gut, da konnte ihnen auch keiner verübeln dann erst recht ihren Traum vom legalen Graskonsum in die Welt hinaus zu schreien. Ganz zur Freude des Publikums, die nicht nur diesen “Gassenhauer” vollends mitsingen konnten. So stimmte ihre energiegeladene Show letztlich sogar den unentschlossenen Wettergott gnädig und holte pünktlich zu “Solang die Sonne scheint” selbige hinter den Wolken hervor. Alles wurde also gut…
… und die dadurch entstandene Euphorie hielt an. Denn nach Capleton betrat pünktlich um 21.45 Uhr Freundeskreis mit Joy Denalane an ihrer Seite die Bühne. Fast alle Festivalbesucher schienen sich zu dieser Stunde vor der Mainstage zu versammeln, um gemeinsam die vergangenen zehn Jahre inklusive aller großen Hits wie “Mir dir“, “A-N-N-A“, “Esperanto” oder “Mein Song” erneut zu feiern. So harmonisch wie sie sich hier zeigten, stieg sicherlich die sehnsüchtige Hoffnung auf eine dauerhafte Wiedervereinigung in den Herzen der Fans an. Na, vielleicht erfüllen uns die Herrschaften ja den Wunsch doch noch? Die Readers Edition bleibt jedenfalls am Ball und wird des Weiteren ebenfalls im Auge behalten, ob sich unser bayrischer Bob Dylan, Hans Söllner, nach 20 Jahren vielleicht doch noch einmal zu einem neuen Programm aufraffen könnte. Was jedoch nicht heißen sollte, dass auch seine einschlägig bekannten Hits, gepaart mit ordentlich Kritikportionen im feinsten “Urbayerisch” nicht auch diesmal das Publikum begeistern konnten.
Apropos Begeisterung: Dass wirklich jede, auch noch so entfernte Stilrichtung bedient wurde €“ und das mit außerordentlichem Erfolg €“ bewiesen um halb drei Uhr am frühen Samstag morgen auch House of Riddim aus Österreich, denen gleich drei hochkarätige Begleiter zur Seite standen. Gemeinsam mit NattyFlo, Mellow Mark und Pyro Merz wurde fast zwei Stunden der anbrechende Tag begrüßt. Ganz tapfere Zeitgenossen mussten dann für Jahcoustix und Dubious Neighbourhood, die schon um zwölf Uhr am Samstag Mittag die Bühne stürmten, wieder am Start sein. Umso erstaunter zeigte sich da nicht nur das Journalistenvölkchen. Denn ganze Heerscharen holte der sonnige Sound der Jungs aus ihren Schlafsäcken. Am Abend waren es dann unter anderem auch Deichkind, die auf dem Kreuzzug wider dem tierischen Ernst und der Konsumgesellschaft den “Aufstand im Schlaraffenland” probten und dabei den Synthesizer gehörig huldigten. Kein Wunder, dass die Zeltbühne während ihres Auftritts eher einem brodelnden Hexenkessel als einem herkömmlichen Konzert glich. Die schrill-futuristische Bühnenshow gepaart mit ihrem unverwechselbaren Sound zog mehr Menschen an, als das ohnehin schon großzügig dimensionierte Zelt eigentlich zu fassen vermochte. Von allen Seiten strömten die Anhänger in die Arena und nutzen dabei zuweilen auch nicht immer den eigentlichen Eingang, um die teils in Schlamm gewälzten Akteure auf der Bühne zu bewundern. Alles in allem €“ sehr exotisch für ein Reggae-Festival mit parallelem Kontrastprogramm in Form von Macka B auf der Hauptbühne. Doch was will man eigentlich mehr!
Aufregend ging es dann auch bereits am nächsten Mittag weiter. Martin Jondo und seine Crew stürmten das Haus. Und zeigten, dass gute Partymusik auch bei Tageslicht zu wahren Begeisterungsstürmen hinreißen und einen Sänger dazu verleiten kann, kurzerhand die Bühne zu verlassen, um in der schier unglaublichen Fanmasse unterzutauchen. Ähnlich zu begeistern wusste unter anderem auch Sebastian Sturm, der seine musikalische Inspiration vor allem in den 70er und 80er Jahren fand und sich kurz nach seinem Konzert so beeindruckt zeigte, dass ihm teils schlicht die Worte fehlten. Mit einer solchen Resonanz habe er nie gerechnet, gab er ganz unverhohlen zu. An ihm komme man in der deutschen Reggae-Landschaft einfach nicht mehr vorbei, so das eindeutige Credo der Kenner €“ ein “Ritterschlag”, der ihn sichtlich rührte.
Ein Konzept, das nicht nur Wert auf gute Musik legt!
Doch Musik war an diesem Wochenende nicht alles. Die Veranstalter bemühten sich auch in diesem Jahr sichtlich um alle Annehmlichkeiten für ihre Gäste. Denn gefeiert wurde sozusagen fast in Vollkasko-Manier: Nicht nur das stetig verbesserte Sicherheitskonzept der Veranstalter ging vollends auf, auch das Auto konnte von den meisten an diesem Wochenende getrost zu Hause gelassen werden. Denn seit vielen Jahren schon existiert eine Kooperation mit der Bahn, die die Besucher aus fast ganz Süddeutschland und Teilen Österreichs für nullEURo zum Gelände chauffiert €“ immerhin reisen auf diesem Weg jedes Jahr rund zwei Drittel der Leute an. Ebenso existierte wieder ein Bus-Shuttle-Service, der die Gäste ebenfalls kostenlos transportierte. In Zeiten, in denen Industrie und Politik Pläne schmieden, die vielleicht in zehn oder 15 Jahren greifen könnten, hat der Chiemsee Reggae Summer bereits eine halbe Dekade aktiven Klimaschutz auf seinen breiten Schultern und das sollte an dieser Stelle ruhig einmal Erwähnung finden.
Zum guten Schluss wollen wir jedoch auch diesmal das geschriebene Wort angemessen unterstützen. Also, Reggae-Outfit aus dem Schrank holen, Schuhe aus, einen kühlen Drink gemixt und den Sommer-Sonne-Party-Sound genießen….
- Alpenglühen in bayrisch Jamaika
- “Spread some love” – Chiemsee Reggae Cruise mit Jamaram
- €œUp and down€ €“ Jahcoustix & Dubious Neighbourhood und Martin Jondo live at CRS 2007
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