“Seit 2005 steht der Vorschlag im Raum, die Herstellung von “Killerspielen” gesetzlich zu verbieten. Mit jedem jugendlichen Amoklauf flammt der Verdacht gegen die Spiele neu auf, und mit ihm Verbotsrufe.” heisst es im einführenden Skript zum Chat, der am Mittwoch von der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema “Verbotene Spiele” mit den Experten Mathias Mertens und Matthias Kleimann stattfand. Ist das Phänomen “Killerspiele” erklärbar? Einige Antworten finden Sie hier in einem Auszug aus der Online-Debatte.
Moderator: Wie ist Ihre Position zum derzeit diskutierten Verbot von so genannten “Killerspielen”?
Matthias Kleimann: Der Begriff Killerspiele ist – emotional aufgeladen wie er inzwischen ist – kein besonders guter Begriff. Dass gewaltbeherrschte Computerspiele manchmal verboten werden müssen, ist selbstverständlich. Allerdings ist das bereits jetzt nach dem geltenden Paragrafen 131 des StGB möglich. Meiner Meinung nach reicht dieser Paragraph vollkommen aus. Das Problem ist, dass er bisher von Staatsanwaltschaften und Gerichten nicht angewandt wird. Wir haben also kein Rechtssetzungsproblem, sondern ein Umsetzungsproblem auf Seiten der Institutionen.
Mathias Mertens: Verbote, das zeigt sich seit Jahrhunderten, bringen gar nichts, gehen am Problem vorbei, weil sie sich nicht damit auseinandersetzen, schaffen Anreize, sich überhaupt mit dem Verbotenen zu beschäftigen und erzeugen Parallelgemeinschaften.
Moderator: Wenn Kinder Doom spielen machen doch die Eltern was falsch und nicht das Spiel?…
Matthias Kleimann: Die Eltern machen etwas falsch, klar. Aber trotzdem gibt es einige Spiele, die derart gewaltbeherrscht sind, Gewalt als Selbstzweck zelebrieren, dass sie nach 131 StGB verboten sind.
Mathias Mertens: Die Eltern machen was falsch: Sie spielen selbst nicht Doom. Wäre nämlich eine interessante Erfahrung. Aber die Frage will doch eigentlich darauf hinweisen, dass Eltern für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich sind und nicht der Staat.
Moderator: Warum, ist es verwerflicher in “DOOM” ein virtuelles Alien zu erschießen, als sich in der TV-Serie “Charmed” anzusehen, wie sich echte Schauspieler gegenseitig erschießen bzw. sogar verbrennen?
Mathias Mertens: Weil man bei dem einen – der Fernsehsendung – jahrzehntelange Erfahrung mit solchen Darstellungen hat und sie in einen Gesamtkontext einordnen kann. Vor allem in den eigenen, den man hat als Politiker, Wissenschaftler oder Journalist selbst damit zu tun gehabt, ist damit aufgewachsen und kann die Effekte am eigenen Leib beobachten und begutachten. Das ist bei Computerspielen nicht unbedingt so. Und da muss man sich in die Gehirne von kleinen, unmündigen, weil noch nicht an gesellschaftlichen Entscheidungpositionen befindlichen Menschen hineindenken und dort das Schlimmste vermuten. Denn man weiß es nicht.
Matthias Kleimann: dass mit Fernsehgewalt inzwischen eine breite Erfahrung in der Elterngeneration existiert, mit Computerspielgewalt nicht. Wenn die Elterngeneration hier kompetenter ist, kann es sein, dass der offizielle Jugendschutz hier nicht mehr so stark aktiv werden muss, wie er jetzt sein sollte.
Moderator: Ist es wahr, dass es keinen erwiesenen Zusammenhang zwischen Computerspielen – insbesondere Killerspielen – und Gewaltverbrechen gibt?
Herr Kleimann?
Matthias Kleimann: Nein. Ein Zusammenhang existiert ohne Frage. Die Frage ist: Wie groß ist er und bei wie vielen Gewaltverbrechen tritt er auf, und: Ist dieser Zusammenhang kausal.
Moderator: Führt die Interaktivität der Spiele nicht dazu, dass ich ganz “weg” bin, dass ich mich mit der Gewalt in den Spielen nicht mehr kritisch auseinandersetzen, nicht mehr sofort Abstand nehmen kann wie bei einem Buch oder Film?
Mathias Mertens: So wie in dieser Frage Interaktivität verwendet wird, sind auch Bücher und Filme interaktiv, nämlich Medien, denen ich meine Aufmerksamkeit widmen muss, um ihre Inhalte rezipieren zu können. Das Phänomen der Versunkenheit habe ich bei ganz vielen medialen Situationen. Es ist auch absolut notwendig, denn sonst würde ich nicht daran teilnehmen. Wahrscheinlich steckt hinter dieser Interaktivität aber auch noch die Vorstellung, dass ich auf die Inhalte einwirke und sie verändere. Und das ist ein großer Mythos, der auf beiden Seiten – bei den Spielkritikern wie den -befürwortern – zu Mißverständnissen führt. Niemand hat jemals beim bloßen Spielen das Programm eines Spiels und damit den Ablauf der Geschehnisse verändert. Alle haben nur in mehr oder weniger gekonnter Weise diese Programme zum Ablauf gebracht. Und dabei haben sie immer und immer wieder Distanz aufgebaut, um ihre Strategien zu bewerten und zu verändern.
Matthias Kleimann: Sicher ist eine distnazierte Betrachtung von Gewalt im Computerspiel sehr schwer. Aber auch ein gut gemachter Film schafft es, sich mit einem Filmakteur, der gewalttätig agiert, zu identifizieren. Der Unterschied ist: Ein Film, z.B. ein guter Antikriegsfilm, kann eine Distanz zur Gewalt und ihren Akteuren schaffen, das geht im Computerspiel nicht oder nur sehr, sehr schwer. Zweitens fand ich den Beitrag von Herrn Mertens auf der BPP-Website sehr gut: Auch Spiele simulieren nur Interaktivität. Aber ich kann mich eben nicht frei entscheidne, wie ich handele, sondern kann nur zwischen vorgegebenen Handlungsoptionen wählen.
Moderator: So, wir sind kurz vor Schluss. Zeit für ein Schlusswort unserer Gäste.
Mathias Mertens: Spielen Sie. Spielen Sie viel. Kriegen Sie raus, was gut ist. Spielen Sie dann das, was gut ist.
Matthias Kleimann: Vergesst den Begriff “Killerspiele”. Aber: Macht nicht einfach den Job der PR-Leute von Rockstar-Games und EA. Seid kritisch, fordert bessere Spiele. Und lasstEURe Kinder nicht an jedem Scheiß heran.
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Das gesamte Transkript des Chats finden Sie auf www.bpb.de
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“und: Ist dieser Zusammenhang kausal.”
Tja- kann man von zwei Zuständen, die nicht kausal verbunden sind, eigendlich noch von einem Zusammenhang sprechen?