“Von Laien betriebene Vor- und Scheinformen von Journalismus in Gestalt sozialer Netzwerke und Weblogs erweisen sich als Bedrohung für den redaktionell betriebenen Journalismus.” So das Fazit der beiden Online-Journalisten Steffen Range und Roland Schweins in der Studie “Klicks, Quoten, Reizwörter” der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Wesentlich entspannter sah das Simon Waldman, Vertreter der Guardian Media Group. Er sprach gestern während der Veranstaltung “Wie das Web den Journalismus verändert” im Rahmen der Medienwoche über die Schwierigkeiten und Herausforderungen des Online-Journalismus, Herausforderungen, denen sich der Guardian mit riesigem Erfolg stellt €“ die britische Zeitung rangiert auf dem globalen Markt im Netz unter den meistgelesenen. Dass es für den Guardian dabei eine Selbstverständlichkeit ist, auch Leser zu Wort kommen zu lassen, beweist immer wieder die Rubrik “Comment is free“.
Experimentieren und Erneuern
Den Erfolg des Guardian erklärt Waldman in seiner Präsentation mit der Offenheit seines Verlagshauses gegenüber Neuerungen: Nur jene Verleger, die es wagten zu experimentieren und zu erneuern, würden und könnten in diesen außergewöhnlich aufregenden Zeiten weiterkommen. Dazu gehöre der Kontakt zu Bürgerjournalisten ebenso wie die Integration von Videos, Social Networking und das Bewusstsein für Such- und Aggregationsportale.
Die Bedeutung dieser Vorort-Berichte bestätigte auch Waldmans Nachredner Nick Wrenn vom CNN – Beispiele für hervorragendes Material seien die Bilder des Amoklaufs in der Virginia Tech Universität sowie des letzten Anschlags aus Glasgow: Alle wurden mit Handys von Amateuren aufgenommen. Vor allem Blogs seien, so das Fazit Waldmans oft wesentlich dichter am Journalismus, als häufig von Kritikern behauptet wird: Geschichten, Hintergründe, oft auch Expertentum und Augenzeugenberichte €“ alles sei dort zu finden.
Journalism First
Die Aufgaben der großen Redaktionen sei es demnach nicht, Blogs, Bürgerjournalismus und etablierten Journalismus gegeneinander aufzuwiegen, sondern vielmehr, die neuen Ressourcen zu nutzen, in Kontakt zu treten mit Bloggern, mit Augenzeugen, die durch die neuen Technologien und das Internet eben doch oft viel schneller seien, als ein Reporter, der erst an die Stelle des Geschehens geschickt werden müsse. Die Qualität einer Zeitung würde, wenn sie an dem Motto “Journalism first” festhalte, dabei nicht beeinträchtigt €“ im Gegenteil, solange die Sorgfalt für die Zusammenarbeit mit Bürgern die gleiche sei, wie für jeden anderen Bericht und auf genaue Nachrecherche und Quellenüberprüfung durch die Redakteure bestanden würde, könne man Qualität sichern.
Wenn nicht, dann passiere das, was neulich einem britischen Boulevard-Magazin geschah: Ein Leser hatte das Photo eines weißen Hais eingeschickt, den er angeblich vor der Küste Englands gesehen hätte. Dass die Zeitung aus der Meldung gleich die Schlagzeile “Weißer Hai bedroht Englands Strände” machen würde, damit habe er nicht gerechnet. Er habe lediglich einen Witz machen wollen; das Bild stammte in Wirklichkeit aus Südafrika.
Dass es demnach Qualität ist, die den Guardian zu einer der beliebtesten Nachrichtenseiten im Netz gemacht habe, davon ist Waldman überzeugt €“ und auch davon, dass es in der Zukunft des Journalismus im Internet noch viele Herausforderungen geben würde. Doch das sei Evolution und “Evolution ist schmerzhaft”…
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