1.August 2007. Die Bundesagentur für Arbeit verkündigt eine gute Nachricht: Zum Ferienbeginn gingen, so die Statistik, 636.000 Menschen mehr einer ‘Erwerbsarbeit’ nach als im letzten Jahr, und 671.000 weniger Menschen sind arbeitslos. Das lässt hoffen, unter anderen den Kopf der Bayern, Edmund Stoiber. Der sieht Deutschland nach dieser erfreulichen Nachricht auf dem besten Weg zur Vollbeschäftigung.
2. August 2007. Die schlechte Nachricht: Es ist ein Märchen. Diese Information wird nicht von Nürnberg aus verbreitet. Aber sie dringt durch die gut informierten Kanäle vor bis zu denkenden Gehirnen. Denn was heißt heute “erwerbstätig” und “Vollbeschäftigung“?
Knapp 40 Millionen Menschen in Deutschland gelten als “erwerbstätig”. Doch diese Zuordnung ist unabhängig von der Bedeutung des Ertrags ihrer Tätigkeit für den Lebensunterhalt. ‘Erwerbsarbeit‘, das bedeutet für die BfA-Statistik: Top-Manager, Ingenieur, Friseur, Würstchenumhängebudenverkäufer, Minijobber, Ich-AG-Anfänger, Ein-Euro-Job-Stühle-Schieber und In-Umschulungsmaßnahmen-Begriffene.
Verdächtig ist schon: Von 40 Millionen Erwerbstätigen beziehen 3,1 Millionen zusätzlich ALG II. Insgesamt arbeiten 4,96 Millionen in ausschließlich geringfügigen Beschäftigungen für unter 400 Euro im Monat, sind also nicht sozialversicherungspflichtig. Und: Ihre Zahl ist 2007 um 123.000 Menschen gestiegen.
Fast 27 Millionen Menschen stehen in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen, ihre Zahl ist seit 1992 von 75 auf 60 Prozent der Erwerbstätigen gesunken. Immerhin, so die Statistik, ist 2007 ein Zuwachs zu verzeichnen. Doch: Sozialversicherungspflichtig sind in Deutschland Lühne knapp über 400 Euro, und das schließt Niedriglühne unterhalb der Armutsgrenze mit ein: Lühne also, die nicht einmal das Existenzminimum sichern. Sie haben in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Patchwork-Arbeitsverhältnisse mit zwei bis drei Niedriglohnjobs sind die Folge. 60 Prozent sind nicht gleich 60 Prozent.
2,09 Millionen Erwerbstätige üben zusätzlich zu ihrer sozialversicherungspflichtigen Arbeit einen geringfügig entlohnten Nebenjob aus, davon 205.000 neu seit diesem Jahr. Geringfügig entlohnte Tätigkeiten sind im Allgemeinen für Politiker und Topmanager von eher geringem Interesse. Es ist davon auszugehen, dass der grüßte Teil der knapp zwei Millionen Menschen mit dem Nebenjob versucht, den Verdienst über das Existenzminimum heben.
Betrachten wir nun die 13,14 Millionen Menschen, die keiner sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachgehen, also – neben Beamten – die Selbstständigen, im Familienbetrieb arbeitenden Angehürige und geringfügig Beschäftigte. Dieses Jahr stieg die Zahl der Selbstständigen um 59.000 Menschen auf 4,46 Millionen. Ob sie überhaupt etwas verdienen und wie viel, die Statistik gibt darüber keine Auskunft. Dennoch zählen diese Menschen zu der Zahl der 636.000 neu Erwerbstätigen und bereinigen die Statistik, das goldene Kalb der Arbeitsmarktpolitik.
Genauso wie jene Menschen, die in millionenschweren, grüßtenteils vüllig unsinnigen Weiterqualifizierungsmaßnahmen feststecken. Würden Sie jemanden vüllig Fachfremden einstellen, den man im Schnellverfahren zum Webdesigner promoviert hat und der mit Leuten konkurriert, die eine dreijährige Ausbildung hinter sich und dadurch nicht nur mehr Übung haben, sondern auch wissen wie der Laden läuft?
Bis Juli 2007 hat die BfA übrigens 2,27 Milliarden Euro Überschuss erwirtschaftet. Die SPD fordert nun eine Ausweitung der Weiterqualifizierungsmaßnahmen für Langzeitarbeitslose. Man künnte sich sehr wundern, wenn einem das selige Vertrauen der Politik in Ausbildung nach dem Fastfoodprinzip nicht schon geläufig wäre. Aber zurück zum Thema. Wie erklärt sich eigentlich die Differenz zwischen Erwerbstätigen und Nicht-mehr-Arbeitslosen von statistisch immerhin circa 35.000 Menschen. Eine mügliche Erklärung: die demografische Kurve. Denn alle über 58-jährigen Arbeitslosen künnen nach dem Sozialgesetzbuch in den Vorruhestand gehen und fallen dann aus der Arbeitsmarktstatistik. Wie praktisch, endlich sind sie mal zu was nütze, die Alten in Deutschland. Und, Freude, es werden jedes Jahr mehr!
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Der Artikel erschien zuerst im Strassenfeger, einer Zeitung des MOB e.V. .
Hier hakt es an allen Ecken und Enden: Zum einen ist nicht jeder Minijobber ein Arbeitsloser, der nichts besseres findet: Hier sind auch etliche Schüler und Studenten dabei, die sich etwas dazuverdienen. Dazu kommt, dass wer hier “Schünrechnen” vorwirft, zum einen ignoriert, dass diese ganzen Faktoren auch schon im Vorjahr auf die Statistik zugetroffen haben -mithin keinesfalls eine Entwicklung suggeriert wird, die gar nicht existiert- und er ignoriert umsomehr, dass etliche dieser Leute bis vor einigen Jahren komplett unter den Tisch gefallen sind. Schindluder mit Statistik wird allenfalls vom Autor betrieben -eine Statistik muss IMMER mit dem Wissen gelesen werden, was genau gemessen wird. Das ist in diesem Fall Erwerbstätigkeit. Ob oder ob nicht diese Erwerbstätigkeit ausreicht, den Lebensunterhalt zu sichern, ist ein anderer Faktor. Der ist auch interessant, aber das ändert trotzdem nichts an der Erwerbstätigkeit. Dazwischen geworfene Sätze wie “Man künnte sich sehr wundern, wenn einem das selige Vertrauen der Politik in Ausbildung nach dem Fastfoodprinzip nicht schon geläufig wäre.” zeugen nur davon, dass hier lediglich konfus-verwirrter Frust von der Seele geredet wird, als wirklich fundierte Analyse -aber der Titel zeigt ja schon, dass man mit letzterem nichts zu tun haben will.
Wie wär’s damit: Man überlässt Statistiken Leuten, die damit umgehen künnen?