Arbeitsämter als Erfüllungsgehilfen für Schmarotzer?

Ich habe gelernt, dass in Deutschland Arbeitslose vom Arbeitsamt für Praktika vermittelt werden künnen. Die Idee: Die Arbeitslosen leisten beim interessierten und geneigten Arbeitgeber, vom Arbeitsamt vermittelt, eine Probezeit von x Wochen ohne Lohn, wobei ihnen für den Anschluss eine Festanstellung in Aussicht gestellt wird, wenn sie sich bewähren. Typischerweise

busfz.jpgIch habe gelernt, dass in Deutschland Arbeitslose vom Arbeitsamt für Praktika vermittelt werden künnen. Die Idee: Die Arbeitslosen leisten beim interessierten und geneigten Arbeitgeber, vom Arbeitsamt vermittelt, eine Probezeit von x Wochen ohne Lohn, wobei ihnen für den Anschluss eine Festanstellung in Aussicht gestellt wird, wenn sie sich bewähren.

Typischerweise handelt es sich dabei um Arbeitsverhältnisse, in denen Praktikanten nach kurzer Eingewühnungszeit schon vollwertige Arbeit leisten künnen, vor allem dann, wenn es Menschen sind, die das Messer eh schon am Hals haben. Das mügen Busfahrer sein, wie etwa hier im Focus-Artikel, oder zum Beispiel Jobs an Tankstellen.

Der Ablauf ist dabei ganz offensichtlich sehr häufig in absolut fataler Weise gleich…

Das Praktikum wird geleistet, z.B. für vier Wochen, dann gibt es einen Vorwand, weshalb die Festanstellung nicht erfolgen kann, und es kann durchaus ein zweiter “Test” für acht Wochen folgen. Oder das Spiel wiederholt sich mit einem neuen Praktikanten.

Unglaublich daran ist nicht nur die ausbeuterische Praxis der Arbeitgeber, sondern die Rolle, die das Arbeitsamt spielt: Es macht sich zum Handlanger der Unternehmen und schädigt seine Klienten gleich doppelt: Es raubt vor allem den Arbeitslosen, die schon Hartz-IV-Empfänger sind, die letzte Energie (es kann bei Nichteingehen eines solchen Praktikums auch noch die Kürzung der Grundleistungen von 30 Prozent drohen).Zudem stellen diese “Klienten” des Arbeitsamtes für herkümmliche Stellenbewerber eine unüberwindbare Konkurrenz dar.

Kein Arbeitgeber, der eine Stelle auszuschreiben hätte, wird sie fest vergeben, wenn er – wenn müglich bereits mehrmals – die Erfahrung gemacht hat, wie er unbezahlte Hilfskräfte bekommen kann. So macht das Arbeitsamt seinen Job doppelt falsch.

Es arbeitet gegen seine bestehenden Schützlinge und nimmt faktisch ein Stellenangebot vom freien Markt.

In ähnlicher Weise soll der “Report München” der ARD am 27.8.07 auch berichtet haben.
In der Schweiz diskutieren wir Arbeitseinsätze gegen geringes Entgelt von Sozialhilfe-Empfängern oder ausgesteuerten Arbeitslosen für gemeinnützige Aufgaben, z.B. in der Waldpflege oder für den Unterhalt von Spazierwegen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, denn hier wird Leistungsempfängern vom Leistungsgeber eine Gegenleistung aufgetragen – ohne dass ein privatwirtschaftliches Unternehmen als dritte Partei profitieren würde. Ein solcher Dienst kann das Selbstwertgefühl sogar steigern, anstatt es definitiv in den Boden zu treten.

Prompt kann es dann wohl geschehen, dass ein Gärtnereibetrieb müffelt, dass ihm auf diesem Weg ein Auftrag entgeht

Die in Deutschland offensichtlich um sich greifende haarsträubende Praxis scheint mehrheitsfähig zu sein – denn damit kann auch die Wirtschaft vordergründig gut leben. Die soziale Sprengkraft baut sich im Verborgenen auf. Mich treibt dabei ein Einzelschicksal um und bringt mich um den Schlaf. Was ja nicht selten sehr viel eindrücklicher ist als die Schilderung eines generellen Problems.

Keine Ahnung, was die Bloggerszene in Deutschland zu diesem Thema bewirken künnte. Sie ist ganz sicher stärker als die Schweizer Szene, aber schwächer als die franzüsische oder gar die amerikanische. Aber vielleicht ist der Zeitpunkt gekommen, dies neu zu testen und ein Blog anzuregen, in dem direkt Betroffene ihren Fall wahrheitsgetreu schildern künnen. Vielleicht entsteht so etwas Druck auf die Institutionen?! Schlussendlich ist dies ein politisches Problem, das mit rechtlich verbesserten Normen gelüst werden muss. Und die grüßte Macht kann immer noch vom Volk ausgehen – so das Volk und damit auch die Blogger es wollen!

Der hier geschilderte Fall geschah in diesen Tagen, also nach dem bereits geschilderten medialen Gewitterchen. Nur wenn das Thema wach gehalten wird, kann etwas geschehen. Die Praxis wird sich nicht auf Grund einzelner Artikel wie jenes im Focus ändern.

Mit dieser Anregung hürt dann wohl meine mügliche Einflussnahme auf – ich kann mich nicht erdreisten, jenseits des Zauns aufwischen zu wollen, aber etwas aufwirbeln muss schon sein – nur schon, um dem Gemüt meiner Bekannten etwas Gutes zu tun!

Mehr zum Thema:

- Arbeitslosenstatistiken – Opium fürs Volk
- Bildung für Ältere und Geringqualifizierte – Gespräch mit Dr. von Einem
- Lebenslanges Lernen in der Gesellschaft verankern
- Tagebuch – Mein Leben als arbeitsloser Akademiker
- Wo sind unsere Jobs bloß hin…?
- Per Minijob in die Armut

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  1. Wir brauchen einen “Medientaktiker,” der diesen wichtigen Aufruf in die richtigen Bahnen lenkt und für weit um sich greifende Publizität sorgt. Schimpfen allein genügt nicht. Vielleicht weiß einer der Leser, wie man das macht. Oder er kennt einen Fachmann, der zeigt, wie die Verbreitung so gut klappt wie das in Frankreich funktioniert!