Die Bild-Zeitung weiß es und vermeldet es in ihrer Quotenschau. Selbst bis zum kleinen Bahnmagazin mobil aktuell hat es sich herumgesprochen, dort steht in der neuesten Ausgabe auf der Titelseite folgende Meldung: €žDr. House – Sensationsquote für Fernseharzt. Die werberelevanten Zuschauer kamen auf einen Marktanteil von 33,9 % – absoluter Serienrekord.€œ
Ein Brite in einer amerikanischen Fernsehserie
Der Verfasser stieß auf Dr. House, als er zufällig einmal bei RTL hängen blieb – und er traute seinen Augen kaum. Diese bärtige, etwas zerzauste Gestalt – sollte sich hinter dem 3-Tage-Bart tatsächlich Hugh Laurie verbergen? An Hugh Laurie erinnert man sich vielleicht aus der britischen Fernsehserie Blackadder, mit Stephen Fry und Rowan €žMr. Bean€œ Atkinson. In dieser ur-britischen historischen Sitcom der BBC aus den 80ern hatte der Komiker Hugh Laurie eine Paraderolle. Er spielte dort u. a. den stets wohlrasierten, leicht idiotischen britischen Prinzregenten und späteren Künig Georg IV. Ebenso in den 80ern entstand die Comedy-Serie A Bit Of Fry And Laurie, wieder mit Hugh Laurie und Stephen Fry, deren Humor stark an Monty Python erinnert, oder die Benny-Hill-Show. Und dieser Mr. Laurie ist nun zu sehen als übellaunig-genialischer Arzt in New Jersey, der überzeugend amerikanisches Englisch spricht?
Tatsächlich, und es ist interessant zu erfahren, wie Laurie an die Rolle kam. Er war gerade mit Filmarbeiten beschäftigt, als er erfuhr, dass man für die Rolle des Dr. House noch jemanden suchen würde. Er fertigte ein Video von sich an, und zwar so, wie er gerade vom Filmen zurückgekehrt war: auf übernächtigt geschminkt. Dazu gab er einen perfekt simulierten Ostküsten-Akzent, und fertig war das Tape, das die Produzenten gewinnen würde. Diese waren dann recht erstaunt, als sie erfuhren, dass ein waschechter Engländer für die überaus überzeugende Performance verantwortlich war.
Dr. House läuft in den USA erfolgreich seit 2004 und hat dort bereits etliche Preise eingeheimst. In Deutschland ist die Serie seit Mai 2006 zu sehen, gerade läuft die dritte Staffel an. Und weil fremdsprachige Serien heutzutage meist unter großem Zeit- und Kostendruck synchronisiert werden, wirkt auch die deutsche Tonspur zu Dr. House leider ziemlich verwurstet. Da den meisten Zuschauern der Mediziner-Slang so oder so eher schwer zugänglich sein dürfte, kann man Dr. House auch gleich auf Englisch schauen, wenn man die Sprache halbwegs versteht.
Die Serie ist benannt nach der Titelfigur, dem Arzt Dr. Gregory House. Dieser ist Nierenspezialist, dazu Fachmann für Infektionskrankheiten und ein äußerst gewiefter Diagnostiker. Als solcher leitet er die Abteilung für Diagnostische Medizin des fiktiven Plainsboro-Lehrkrankenhauses in New Jersey. Das Krankenhaus ist seine Bühne. Umgeben ist Dr. House von Kollegen, die sich im Prinzip dadurch auszeichnen, dass sie ihm nicht das Wasser reichen künnen, sowohl meist fachlich, als auch in Bezug auf Persünlichkeit und Intellekt. Das schließt seine attraktive Chefin mit ein, die ärztliche Direktorin Dr. Lisa Cuddy.
Der Anti-Stereotyp und seine Assistenten
In seiner Abteilung stehen Dr. House drei junge Assistenten zur Seite, und jeder von ihnen verkürpert gewisse Stereotype. Das hätte die Serie also mit allen anderen Arzt-Serien gemein. Doch es scheint die Mission von House zu sein, Stereotype tagtäglich bis aufs Äußerste auf die Probe zu stellen – er ist der Anti-Stereotyp, damit auch der Anti-Serienarzt.
Der Erste im House-Team ist Dr. Chase, ein manchmal zynischer Australier, der den Stress des Arztberufes finanziell gesehen gar nicht nütig hätte. Sein Vater ist aber Arzt, was wohl eine Motivation für seine Berufswahl dargestellt hat, eine Art Dandy-Arzt zu werden – the handsome young doctor. Er ist der €žPragmatischste€œ im Team Dr. Houses: er ist sich nicht zu schade dafür, den oftmals problembehafteten Diagnosen seines Chefs schnell zuzustimmen und diese dann auch gegen Widerstände zu verteidigen; auf der anderen Seite ist er aber auch dazu zu gewinnen, zur eigenen Absicherung gegen seinen Chef mit der Polizei zu kooperieren.
Dann gibt es Dr. Foreman, der den persünlichen Schicksalen der Patienten meist sehr zurückhaltend begegnet und nicht aus der Reserve zu locken ist – außer, er wird von Patienten gebissen. Er ist ein Schwarzer mit einer bewegten Vergangenheit als Jugendlicher, er hat Erfahrungen mit der Straße. Das ist insofern von Bedeutung, als Dr. House ihn des Öfteren mit seiner €žGhetto-Vergangenheit€œ aufzieht. Das wird aber letztlich dadurch neutralisiert, dass Dr. Foreman oft entscheidende Hinweise gibt zur Behandlung von Patienten, die wie er aus der lower class kommen. Der Umgang Dr. Houses mit dem Schwarzen Dr. Foreman trotzt der in den USA üblichen Political Correctness. Da aber Verstüße gegen die PC bei Dr. House Methode haben, erfährt Dr. Foreman in verquerer Logik gerade durch das scheinbar rassistische Verhalten seines Chefs Gleichbehandlung – und er schlägt andere Jobangebote aus, um zu bleiben.
Das Trio wird komplettiert durch die gutaussehende Ärztin Dr. Cameron. Sie ist das Gegenstück zu ihren scheinbar abgeklärten und kaltblütigen männlichen Kollegen. Sie reagiert meist sehr emotional auf Menschen und versucht auch, ihre Weiblichkeit als Mittel in Auseinandersetzungen einzusetzen. Allerdings oft ohne Erfolg, zumindest bei Dr. House beißt sie damit auf Granit. Lediglich ein Date kann sie ihm abringen – durch Erpressung. Ebenso wie ihr Chef ist Dr. Cameron oft distanzlos im Umgang, jedoch mit gänzlich anderer Färbung – sie berühren die persünlichen Schicksale der Patienten und Kollegen zu sehr. Ihre als typisch weiblich dargestellte Emotionalität hindert sie des Öfteren, angemessenen professionell zu sein, beispielsweise beim Überbringen von schlechten Nachrichten an Angehürige.
Gregory House und Dr. Wilson – Sherlock Holmes und Dr. Watson
Abgerundet wird das Figurenensemble durch Dr. James Wilson, den Chef der Onkologie. Er ist ganz so, wie man sich einen guten Arzt vorstellt – freundlich, aufmerksam, hilfsbereit, feinfühlig – und somit das krasse Gegenteil von Gregory House. Als enger Freund seines Kollegen House ist er der einzige, der auch nur etwas Einfluss auf ihn hat. Die beiden begegnen sich auf Augenhühe, wobei aber meist Dr. House den Ton angibt. Jedoch ist House in gewisser Weise auf Wilsons freundschaftliche Hilfe angewiesen. Denn Dr. Wilson hat ein feines Gespür für das soziale Umfeld in einer Klinik als einem Arbeitsplatz, so zum Beispiel für die Erwartungen der Klinik-Chefin, die üblichen Machtkämpfe, die Gefahren von riskantem Verhalten und die moralischen Verstrickungen – im Gegensatz zu House, den all das nicht anficht, woran er manches Mal zu scheitern droht. Wilson ist also eine Seele von einem Menschen. Wenn ihm die ewigen Sticheleien seines Freundes jedoch zu viel werden, sägt er House auch schon mal den Krückstock an.
Gregory House und Dr. Wilson – das ungleiche, aber doch unzertrennliche Paar soll an Sherlock Holmes und Dr. Watson erinnern. Denn ursprünglich hatte der Erfinder von Dr. House – der Kanadier David Shore – an eine Detektivserie gedacht, was man der Krankenhausserie nun anmerkt, zum immensen Vorteil der Zuschauer. Genau wie der wohl berühmteste Detektiv aller Zeiten wohnt Dr. House in der Hausnummer 221 B, er ist ein virtuoser Musiker (wie übrigens auch der Schauspieler, der ihn verkürpert) und er hängt einer Drogensucht nach. Was für Holmes das Opium, ist für House ein opiathaltiges Schmerzmittel namens Vicodin. Es enthält Hydrocodon und wirkt noch stärker als Morphin. Es handelt sich also um ein Medikament, welches man nicht nehmen sollte, wenn man nicht unbedingt muss – und schon gar nicht ist es für den Dauergebrauch eines Arztes in leitender Position gedacht. In fast jeder House-Folge kann man den Doktor nun jedoch dabei beobachten, wie er alle halbe Stunde zur Pillendose greift, um sich eine Vicodin zu genehmigen. Ein Tabletten-Junkie als Chef einer diagnostischen Abteilung?
Verherrlichung von Drogenmissbrauch?
Das würde in der Krankenhausrealität viele Fragen aufwerfen. Es überrascht nicht. dass die Serie in den USA wegen Verherrlichung von Drogenmissbrauch in die Kritik geraten ist. Nun ist es aber so, dass die Figur Dr. House wesentlich durch ihre Erfahrungen mit einer ernsten Krankheit und deren Folgen charakterisiert wird: Gregory House hat in der Vorgeschichte zur Serie einen Muskelinfarkt im rechten Oberschenkel erlitten. Die damit verbundenen starken Schmerzen sind im damaligen Diagnoseprozess lange Zeit nicht richtig gedeutet worden. Die Folge: ein Teil der Oberschenkelmuskulatur ist abgestorben und musste entfernt werden, wobei eigentlich gleich das ganze Bein hätte abgenommen werden müssen. Dem Bewegungsapparat fehlt nun ein Teil – lebenslange Schmerzen sind garantiert. Hier kommen die Drogen ins Spiel – wie soll ein exzellenter Arzt umgehen mit dem permanenten Risiko, durch stärkste Schmerzen außer Gefecht gesetzt zu werden?
Houses Reaktion ist typisch und wird von ihm zusammengefasst mit dem Bonmot, er habe kein Schmerzmittelproblem, sondern ein Schmerzproblem. Und weiter: er künne nur mit Vicodin richtig funktionieren und seine Arbeit machen. Eine verquere Sucht also, bei der einfache Lüsungen nicht greifen. Ständiges Moralisieren seitens der Kollegen, zwischenzeitliche Entlassung, Zwang zum Entzug, sogar eine kurze Haft – alles letztlich erfolglos. Und warum? Ganz einfach: der Erfolg gibt Dr. House Recht. Zumal die Figur House ihren eigentümlichen Impetus, beim Diagnostizieren von Kranken gleichzeitig ungemein brachial und feinsinnig vorzugehen, was in der Serie die Quelle allen Diagnoseerfolges darstellt, dem unentdeckten Muskelinfarkt verdanken kann, der nun aber wiederum mit Schmerzmittelabhängigkeit einhergeht. Lektion für die Zuschauer: Charaktereigenschaften haben Nebenwirkungen!
Everybody lies – die Lüge ist überall
Im Krankenhausalltag gibt es nun keinen €žFall€œ, in dem Dr. House nicht mit der ihm eigenen rabiaten Gründlichkeit zu Werke geht und alle diagnostischen Register zieht. Und das schließt ein: Besuche im häuslichen Umfeld der Patienten, die teilweise die Natur eines echten Einbruches nicht verbergen künnen. So kommt das House-Team mit detektivischem Eifer an wertvolle Informationen, die der Patient selbst nicht preisgeben kann oder will. Im Diagnoseprozess kommen auch Dinge ans Licht, die die Patienten selbst langjährigen Lebensgefährten bislang erfolgreich verheimlichen konnten. Und nicht selten wird mit der erfolgreichen Diagnose das Beziehungsleben von Patienten auf eine schwere Probe gestellt. Wiederkehrende Frage: wie kommt ein braver Familienvater zu einer Geschlechtskrankheit? Houses Fazit aus alldem, welches zum Motto wird: everybody lies – die Lüge ist überall.
Betrachtet man die Personen im Umfeld von Dr. House insgesamt, so ist allen gemein, dass man zuerst auf eine glatte Oberfläche trifft, wenn man sie ansieht. Die Männer haben alle den Kürper von Bodybuildern, die Frauen sind stets figurbetont gekleidet. Fesche Kleidung, tiefe Ausschnitte, frisch gebügelte Hemden, glatte Haut und geschminkte Gesichter sind Teil der Uniform, und Uniformität. So läuft es in den meisten Serien, das Krankenhaus-Genre nicht ausgenommen. Ärzte als Model, an glatten Oberflächen perlt der Blick des Betrachters gewissermaßen einfach ab.
Ganz anders dagegen Gregory House, den der Zuschauerblick unweigerlich gleich im Wesentlichen trifft. Er kann sich nur humpelnd am Krückstock fortbewegen, ist ständig unrasiert und trotzt erfolgreich dem Dresscode. Und in seinem Verhalten spottet er geradezu der üblichen US-amerikanischen sociability.
Es ist wohl bezeichnend, dass ein Kanadier diese US-Serie geschrieben und ein Brite die Rolle des unangepassten Querdenkers Dr. House übernommen hat. Die Figur des Dr. House entspricht so gar nicht dem Mainstream in einem Land wie den USA, in denen selbst die Unangepassten für europäische Verhältnisse wie Spießer wirken künnen. Der große USA-Kenner Hans-Ulrich Gumprecht meinte in einem Interview auf die Frage hin, was er in den USA vermisse: unrasierte Damenbeine. Und auch der unrasierte Dr. House passt nicht ins Bild des Halbgottes in Weiß, wie er zu sein hat und wie wir ihn aus den meisten Arzt-Serien kennen – glatt rasiert, im frisch gebügelten Hemd und stets freundlich und zuvorkommend.
Kaum Vergleichbares
Dr. House reiht sich ein in eine große Tradition der Fernsehserie – einer amerikanischen Tradition wohlgemerkt. Die Fernsehnation USA hat Serien wie Malcolm Mittendrin, Six Feet Under – Gestorben wird immer, Emergency Room und Scrubs hervorgebracht, die auch vom deutschen Publikum dankbar aufgenommen wurden. Alles aufwändig produzierte Serien mit wegweisender Ästhetik und vor allem intelligent gemachter Unterhaltung, die Pate gestanden haben auch für Dr. House, thematisch, dramatisch oder ästhetisch. Eine deutliche inhaltliche Ähnlichkeit gibt es mit der Figur des Oberarztes Dr. Perry Cox aus Scrubs, der ebenso wie House grantig und gänzlich unsentimental herüberkommt. Beide müssen auch mit geschiedenen Ehefrauen zurechtkommen, die im gleichen Krankenhaus arbeiten. Der formale Aufbau der House-Folgen erinnert an Six Feet Under. Hier wie da wird noch vor dem Titel der €žFall€œ vollständig eingeführt – in der Bestatterserie der Verstorbene mit seinem persünlichen Schicksal, bei Dr. House der Patient mit seinen wichtigsten Symptomen. Die Bildästhetik wiederum hat viel mit den sogenannten CSI-Serien gemein – Computergrafiken von Krankheitserregern und Latexmodelle von Kürperteilen jagen dem Zuschauer einer Schauer über den Rücken.
Die deutsche Fernsehlandschaft hat bei den Serien – chronischerweise, müchte man meinen – kaum Vergleichbares vorzuweisen. Es gab zwar den ganz großen Erfolg einer Arzt-Serie, der Schwarzwaldklinik, mit Einschaltquoten, die Dr. House in nichts nachstehen. Doch diese Sternstunde liegt Jahrzehnte zurück. Heutige Arzt-Serien deutscher Produktion sind kaum einer Erwähnung wert. Fairerweise muss man sagen, dass das auch für viele anglo-amerikanische Produkte gilt. Und zumutbare Komik in deutschen Feierabend-Serien gab es bislang gar nicht – denn wann hätte es in Gute Zeiten, Schlechte Zeiten je etwas zu lachen gegeben?
Erst in letzter Zeit ist in Deutschland etwas Bewegung ins Programm gekommen, mit Serien wie Türkisch für Anfänger (ARD) oder Alle lieben Jimmy (RTL). Hier werden zumindest thematisch Fortentwicklung und vor allem auch Eigenständigkeit gewagt. Fortentwicklung gibt es da im Ansatz auch ästhetisch, dabei aber: Vorbild USA, zum Guten. Es ist ein interessantes Detail: die Besinnung auf die fast zwei Millionen Türken in Deutschland, aus deren Zusammenleben mit den angestammten Deutschen (und umgekehrt) sich reizvolle Episoden ergeben, beschert dem deutschen Fernsehen den nütigen Innovationsschub und sorgt endlich einmal für kulturelle Relevanz. Fehlt nur noch der deutsche Dr. House, für den in einem geniegläubigen Land wie unserem doch Platz wäre. Schließlich betreibt die Figur Dr. House im Krankenhaus nichts Anderes als – ganz frei nach Nietzsche – die €žUmwertung aller Werte€œ.
Ein Phänomen ist die Serie Dr. House schon. Das sollte man schon einmal gesehen haben, wie dieser Arzt sich bis zum Letzten für seine Patienten aufreibt und dabei
in den Tiefen der medizinischen Wissenschaft herumgräbt.
Einmal Anschauen ist aber genug, sonst hält man das am Ende noch für die Realität!
Die sieht – mit Ausnahme tuerster Spwzialkliniken – überall in der Welt ganz anders aus. Da hat nicht mal der durchschnittliche Hausarzt Zeit für die Patienten, geschweige
denn die “Gütter in Weß” in den Kliniken (Ausnahmen bestätigen die Regel).