Bürgerjournalismus – Versuch einer Begriffsbestimmung

Wer sich mit der Thematik «Bürgerjournalismus» befasst, stüßt früher oder später auf eine beinahe schon babylonisch anmutende Begriffsverwirrung. Buzzwords wie zum Beispiel «Citizen Journalism» oder «Pro-Am Journalism» brechen über den geneigten Leser auf vornehmlich englischen Seiten herein. Hilfreich sind diese fast täglich neu geschaffenen Modewürter selten – sie werden kaum

netz.jpg Wer sich mit der Thematik «Bürgerjournalismus» befasst, stüßt früher oder später auf eine beinahe schon babylonisch anmutende Begriffsverwirrung. Buzzwords wie zum Beispiel «Citizen Journalism» oder «Pro-Am Journalism» brechen über den geneigten Leser auf vornehmlich englischen Seiten herein. Hilfreich sind diese fast täglich neu geschaffenen Modewürter selten – sie werden kaum verstanden. Sind solche Worte einmal in die freie Wildbahn entlassen, wohnt ihnen eine Eigendynamik inne, die die Verwirrung nur noch weiter anwachsen lässt. Auf ihrer Reise durch die (elektronischen) Medien, von Sendern zu Empfängern, verändert sich zuweilen ihre Bedeutung. Ich will hier darum den Versuch einer kleinen Begriffsbestimmung unternehmen und so eine erste Orientierungshilfe für Interessierte leisten.

Citizen Journalism (Bürgerjournalismus)

Dieser Sammelbegriff lässt sich am einfachsten beschreiben als journalistisches Handeln einer Person, die mit Journalismus nicht ihren Lebensunterhalt bestreitet. Eine einfache Definition für einen nicht ganz so einfachen Überbegriff. Bürgerjournalismus in der einen oder anderen Form sind eben auch alle folgenden Begriffe.

Participatory Journalism (Pro-Am Journalism)

Dies ist die einfachste Form des Bürgerjournalismus, die von den professionellen Medien praktiziert wird. Die Konsumenten werden eingeladen, sich nach der Verüffentlichung eines Beitrags zum Beispiel in Form von Kommentaren zu beteiligen. Diese Beteiligung kann neue Fakten oder Facetten einer Story thematisieren, die dann ihrerseits wiederum in einen neuen Beitrag einfließen. Profis (Pro) kooperieren also mit Amateuren (Am), um ihre Arbeit weiterzuentwickeln.

Network Journalism

Diese Form des Bürgerjournalismus künnte man auch als kollaborativen Journalismus bezeichnen: Mehrere Individuen kommen auf einer Plattform zusammen, um gemeinsam an einer Story zu arbeiten. Dabei kommen die zwei Prinzipien «Wisdom of Crowds» («Weisheit der Vielen») und «Crowdsourcing» zur Anwendung. Ersteres besagt, dass das Wissen eines Netzwerks grüßer ist als die Summe des Einzelwissens der Mitglieder. Crowdsourcing in diesem Zusammenhang meint den Umstand, dass eine Gruppe eine Story effizienter bearbeiten kann als ein einzelner Journalist. Diese Form wird manchmal auch als «Distributed Reporting» bezeichnet.

Open Source Journalism

Hier wird es schwierig, ist doch Open Source ebenfalls ein Sammelbegriff außerhalb des Journalismus. Wie beim Network Journalism arbeiten auch hier mehrere Individuen kollaborativ zusammen. Allerdings unterscheidet sich die Form der Verüffentlichung. Während die Zusammenarbeit beim Netzwerkjournalismus in der Regel nach der Verüffentlichung endet, beginnt sie hier wieder von Neuem oder geht kontinuierlich weiter. Ganz im Sinne von Open Source ist nämlich der journalistische Prozess mit der Verüffentlichung nicht abgeschlossen. Dabei gibt es grundsätzlich zwei Müglichkeiten:

  • Ständige Neuverüffentlichung: Ähnlich wie bei einem Wikipedia-Eintrag liegt der Beitrag nie in einer abgeschlossenen, finalen Version vor; er kann kontinuierlich verändert werden und wird damit gewissermaßen ständig neu verüffentlicht.
  • Informationsaustausch: So wie Open Source-Software geistiges Eigentum ablehnt, verweigert der Open Source-Journalismus das Prinzip des Scoops, der exklusiven Story. Indem man die Exklusivität aufgibt und mit anderen teilt, erhalten alle Zugang zu einem grüßeren Pool an Informationen, die sich dem Einzelnen nie erüffnet hätten.

Open Source-Journalismus kann per definitionem nicht proprietär sein, sondern muss unter einer Creative Commons-Lizenz oder anderen alternativen Formen des (Nicht-)Urheberrechts verüffentlicht werden – Public Domain, Copyleft etc.

Crowdsourced Journalism

Auch hier haben wir es wiederum mit einem Sammelbegriff zu tun, der außerhalb des Bürgerjournalismus existiert. Am einfachsten kann man Crowdsourcing so definieren: Freiwillige übernehmen eine Arbeit, die sonst von einem Profi gemacht wird. Als Beispiel kann hier der aktuelle Logo-Wettbewerb von Mister Wong genannt werden.

Weil Crowdsourcing weniger eine Handlung sondern vielmehr ein Organisationsprinzip umschreibt, fällt eine Definition des Crowdsourced Journalism schwer. Vereinfacht gesagt, Crowdsourced Journalism ist nicht etwas, das man tut, sondern an dem man sich beteiligt. So gesehen sind alle oben beschriebenen kollaborativen Formen des Bürgerjournalismus auch Crowdsourced Journalism.

Wie eingangs betont, entstehen nahezu täglich neue Bezeichnungen, so dass es unmüglich ist, diese Thematik abschließend zu behandeln. Aber ganz im Sinn des Bürgerjournalismus haben hier ja alle Leser die Müglichkeit, sich an diesem Beitrag zu beteiligen.

Photo: Pepsprog via Pixelio.de

Zum Thema:

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  1. Pingback: medienlese.com » Blog Archiv » 6 vor 9