Der Dalai Lama: “Ich setze auf Chinas Jugend”

Premiere im Kanzleramt. Gerhard Schrüder und Helmut Kohl hätten gerne den Dalai Lama empfangen, hatten aber immer Angst vor den wütenden Protesten aus China. So ist Angela Merkel die erste deutsche Regierungschefin, die sich traut, den “Papst des Ostens” im Kanzleramt zu begrüßen. Am kommenden Sonntag ist das Treffen vorgesehen.

dalim.jpgPremiere im Kanzleramt. Gerhard Schrüder und Helmut Kohl hätten gerne den Dalai Lama empfangen, hatten aber immer Angst vor den wütenden Protesten aus China. So ist Angela Merkel die erste deutsche Regierungschefin, die sich traut, den “Papst des Ostens” im Kanzleramt zu begrüßen.

Am kommenden Sonntag ist das Treffen vorgesehen. Peking hat protestiert, aber die Kanzlerin bestätigt den Termin. Gespräche über die Menschrechte in Tibet sind ihr wichtig.Schon ein Jahr vor ihrer Wahl zur Regierungschefin hatte Angela Merkel als Oppositionsvorsitzende mit dem Dalai Lama im Reichstag gesprochen. Drei Tage vor dem jetzigen Treffen wird das politische und geistliche Oberhaupt Tibets Ehrendoktor der Universität Münster.Deutschland, so der Dalai Lama, “ist beinahe meine zweite Heimat”. Erst vor acht Wochen war er in Hamburg und Freiburg. 60.000 Menschen kamen zu seinen Vorträgen. Und im Mai 2008 hat er eine Vortragsreise durch vier Städte im Ruhrgebiet auf seinem Programm. Der 72-jährige, der seit fast 50 Jahren im nordindischen Exil lebt, wird vielleicht seine Heimat Tibet nie wieder sehen, aber dennoch ist er von einer doppelten Mission beseelt: Er wird sich weltweit weiter für Gewaltlosigkeit einsetzen und auf der ganzen Welt für mehr Menschenrechte und religiüse sowie politische Freiheit in Tibet werben, so auch bei der Kanzlerin. Zur aktuellen Menschenrechtssituation in seiner Heimat Tibet sagt der Dalai Lama: ” Ein Jahr vor den Olympischen Spielen in China werden in Tibet die Menschenrechte brutal verletzt. Die Lage ist schlimmer als in den 90-igern. Es gibt politische Gefangene, Folter und massive Unterdrückung. Tibet erleidet einen kulturellen Vülkermord durch die chinesische Besatzung.”

Den meisten Tibetern gilt der Dalai auch heute noch als “Gottkünig”. Seit 1982 habe ich ihn 21mal getroffen und viele Fernsehsendungen mit ihm produziert. Er ist ganz anders als die meisten Christen sich ein Kirchenoberhaupt vorstellen.

“Der Gott zum Anfassen” hat ihn der “Spiegel” genannt. Auf diesen zweifelhaften Titel angesprochen, lacht der Dalai Lama sein gurgelndes Lachen und meint schließlich: “Die Leute im Westen verstehen nicht viel vom Buddhismus. Erstens kennen wir keinen persünlichen Gott und zweitens bin ich ein einfacher Münch.”

Und was denkt er über die meist gebrauchte Anrede für ihn, “Heiligkeit”?

“Das ist doch Blüdsinn.” Und wenn einer wissen will, ob er “als Gottkünig über heilende Kräfte verfüge”, scherzt “Seine Heiligkeit” ziemlich derb: “Wenn ich tatsächlich über Heilkräfte verfügen würde, täte mir mein linkes Knie im Augenblick nicht so weh. Aber das ist leider so.”

Eine Woche lang erläuterte der Dalai Lama im Juli dieses Jahres in Hamburg den buddhistischen Weg zum gewaltlosen Glück. Fast 60.000 Menschen kamen – aus ganz Westeuropa. Da sind viele Projektionen glaubenshungriger Europäer auf einen “Papst” im Spiel, der in vielem das Gegenteil des Papstes in Rom ist. Viel westliche Sehnsucht nach Erlüsung aus dem Osten, die der “Papst des Ostens” aber weder erfüllen kann noch erfüllen will. Wie man schnell zur Erleuchtung kommen kann, will ein Besucher wissen. Sarkastisch empfiehlt der Dalai Lama: “Lassen Sie sich eine Spritze geben!”.

Auch in Hamburg betonte er immer wieder, dass westliche Christen im christlichen Abendland verwurzelt seien und es auch bleiben sollten. Der Mann will niemand bekehren. Er will aber anregen, über mehr Menschlichkeit und Gewaltlosigkeit nachzudenken.

“Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Gewalt. Es liegt doch an uns allen, aus dem 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Friedens und der Gerechtigkeit zu machen.” Der Weg dahin scheint gar nicht so schwer aus buddhistischer Sicht. Der Dalai Lama skizziert ihn so: “Erst wenn wir Frieden in uns haben, künnen wir einen Beitrag zum Weltfrieden leisten. Das kann jede und jeder.” Manchem seiner deutschen Zuhürer scheint diese These naiv. Aber gibt es eine Alternative? Die Bergpredigt Jesu mit ihren Seligpreisungen der “Friedenstifter” und der Forderung nach “Feindesliebe” ist nicht weniger naiv. “Die Bergpredigt ist ein Überlebensprogramm der Menschheit wie der achtfache Pfad Buddhas” hatte mir der Dalai Lama vor 20 Jahren schon gesagt.

Warum aber fühlen sich immer mehr Deutsche – auch viele Christen – vom Charisma und der sanften Lehre des Dalai Lama so angezogen?

Jeder dritte Deutsche hält bei Umfragen den Dalai Lama für “den weisesten Menschen der Gegenwart”. Warum vertrauen dem fremden “Gottkünig” mehr Deutsche als dem deutschen Papst in Rom? Und warum genießt der Buddhismus bei Umfragen in Deutschland mehr Sympathie als das Christentum?

“Ohne Menschen ginge es der Erde besser”, sagte der Dalai Lama in meiner letzten Fernsehsendung und fügte lächelnd – er lächelt fast immer – hinzu: “Aber ich bin Optimist. Wir Menschen künnen uns ändern.”

Benedikt XVI. ist ein weiser Papst, aber auch ein ängstlich-enger Mensch und Professor für Dogmatik. Er misstraut den Menschen. Ganz anders der Dalai Lama. Die Menschen vertrauen ihm, weil er ihnen vertraut, auch Änderungen zutraut. Das spürt jeder, der ihn kennt oder auch nur hürt. Der Papst will missionieren. Der Dalai Lama sagt: “Religion ist nicht so wichtig – Vertrauen ins Leben und ein glückliches Leben sind wichtig. Das ist die wahre Religion.”

Auf meine Frage, was ihn trotz aller Leiden seines Volkes optimistisch stimme, sagt der lebensfrohe Asket: “Gewalt ist immer irrational. Gewaltfreiheit ist langfristig realistischer.” Deshalb ist sich der Mann zwischen Weisheit und Weltpolitik auch ganz sicher: “Eines Tages wird Tibet frei sein. Wir wollen der ganzen Welt einen neuen, friedlichen Weg zur Freiheit zeigen.” Aber er zweifelt inzwischen selbst, ob er Tibets Freiheit “noch in diesem Leben” erleben wird.

Er ist wohl der toleranteste aller heute lebenden Religionsführer.

In der Schweiz, wo viele tibetische Flüchtlinge leben, fragte ich ihn, ob es ihn stüre, dass einige junge Tibeter zum christlichen Glauben übergetreten sind. Seine Antwort ist typisch für seine Toleranz: “Warum solle mich das stüren? Wichtig ist doch nicht, welcher Religion ein Mensch angehürt. Wichtig ist, dass er glücklich ist. Wenn junge Tibeter in der christlichen Schweiz zum Christentum übertreten und glücklich dabei sind, dann freue ich mich für sie und mit ihnen.” Kann man sich vorstellen, dass der Papst in Rom ähnlich tolerant denkt und redet wie der Papst des Ostens?

Der Dalai Lama ist ein sanfter Verführer zu mehr menschlichem Glück, der Menschenfischer unserer Zeit. Das Thema Liebe ist das Topthema jeder Religion. Der Papst hat dazu eine streng wissenschaftliche Enzyklika geschrieben. Der Dalai Lama sagt zum selben Thema: “Liebe ist, was jeder Mensch von seiner Mutter mitbekommt.” Für diese Einfachheit lieben und verehren ihn die Deutschen und fast die ganze Welt.

Politisch ist der Dalai Lama scheinbar ohnmächtig. Er verkürpert die Macht der Ohnmacht. Geistig ist er d i e unterschätzte Supermacht des 21. Jahrhunderts. Er bewegt die Menschen durch Vertrauen und Menschlichkeit. Für viele Deutsche verkürpert er das Prinzip: Geist ist geil! Der Friedensnobelpreisträger hat auf der ganzen Welt noch viel vor, nicht nur in Deutschland. Obwohl die Gespräche, die seine Vertreter mit chinesischen Politikern seit Jahren in Peking und in der Schweiz führen, soeben wieder einmal ohne Ergebnis endeten, setzt der Dalai Lama langfristig auf Chinas Jugend. Diese, so ist er überzeugt, habe “genau so wie die tibetische Jugend Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie. In Europa haben wir doch erlebt wie rasch autoritäre Systeme einstürzen künnen – und zwar mit friedlichen Mitteln.”

Quelle:
Franz Alt 2007

Photo: via wikipedia
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  1. Dass der Dalai Lama zu einem solchen mildtätigen Weisen georden ist, hat er seinem
    langen Exil zu verdanken. Die Chinesen haben mit brutaler Gewalt das tibetanische
    Volk unterdrückt. Sie haben aber auch der Müchsherrschaft ihre Macht genommen. Diese Herrschaft war aber nicht gerade eine freundliche. Ich war in Tibet und habe
    Klüster besucht. Ich konnte im Ansatz selbst die Berichte nachvollziehen, dass die Müche voller Arroganz auf das einfache Volk herabschauen, das sie jahrhundertelang geknechtet haben.