Die nächtliche Arbeit mit Sturmhaube und Autolacken ist eine künstlerische Guerillataktik, denn in einem halben Millimeter Sprühlack auf einer Hauswand überschneiden sich Definitionen von Öffentlichkeit und Eigentum. Abseits der Kunstwelt steht seit langem fest, dass es sich bei Graffitis um Sachbeschädigung handelt und es gibt kaum eine grüßere Stadt, deren Polizei nicht eine entsprechende Sonderkommission ausgegründet hätte. Von szenefernen Kritikern wird zudem nicht selten geltend gemacht, dass es sich bei den Graffitis um unschüne Schmierereien handle, die in der Öffentlichkeit eben auch aus ästhetischen Gründen nicht erwünscht seien. Dies gibt einen Hinweis darauf, dass im klassischen Graffiti hermetische Gestaltungsprinzipien Anwendung finden, die nur innerhalb der Szene fortgepflanzt werden. Hier wird die Formensprache des visuellen Hip Hop allgemein als Style bezeichnet. Style versteht man, oder eben nicht – die Unterscheidung verläuft entlang der Außengrenze einer Art gestalterischer Geheimgesellschaft die sich den Nicht-Initiierten lediglich in ihren unverständlichen Produkten offenbart.Anders die noch junge Street Art-Bewegung. Deren teils plakative Botschaften sind nicht nur leicht verständlich, auch wird an zum Teil modische Grafik angeschlossen. Benutzen das klassische Graffiti und Street Art auch den üffentlichen Raum als gemeinsamen Distributionskanal für Botschaften und Namen, so sind die Bewegungen doch unterschiedlich gelagert. Die Street Art-Bewegung hat sich vor allem von den strengen Gestaltungsvorschriften des Graffitis losgesagt.
Darin sieht der in Berlin lebende und arbeitende Grafiker Thomas Weyres grundsätzlich einen Zugewinn, obwohl er das pure Graffiti mit Respekt bedacht wissen will. Denn schließlich sei hier oft ein idealistischer Gestaltungswille am Werke, der sich auf die Sache an sich konzentriere. Die derzeit hippe Street Art-Bewegung hingegen sei eben auch ein Tummelplatz für karrierebewusste Nachwuchsgrafiker, die eindeutig darauf spekulieren, durch ein paar kleinere Street Art-Arbeiten ihre Portfolios aufzuwerten. Und das funktioniert sogar, denn Street Art ist nicht nur bei Grafik-Büros als potentiellen Arbeitgebern gerne gesehen – die kleinen Plakate und Schablonenarbeiten gelten als Sexy.
Viele Guerilleros, wenig Qualität
Während seines Grafikstudiums habe er das selbst beobachtet, erzählt Weyres, da träten dann Leute aus den abgelegensten Provinzstädten auf, die sich nach zwei Semestern die Kappe schief aufsetzten und sich plützlich als Rächer des üffentlichen Raumes geben – ein paar Schablonen mit geklauten Motiven sind schnell hergestellt und Plakate lassen sich relativ gefahrlos und letztendlich meist Straffrei anbringen. Unter solch vergleichsweise geringem Aufwand profitieren zahlreiche Produzenten von Street Art nicht nur von dem gestalterischen Know-how, das sich in der Graffitiszene über Jahrzehnte herausgebildet hat, sondern eben auch von dem kriminellen Charme des ungefragten Bildes in der Öffentlichkeit, der durch idealistische Sprayer immer wieder erneuert wird.
Dass dies Weyres in gewisser Weise ärgert ist verständlich, denn der 29jährige hatte bereits vor 15 Jahren in Aachen angefangen mit der Sprühdose an die Wand zu gehen und genießt in der Graffitiszene unter dem Namen PAW einige Beachtung. Fotos seiner Arbeiten wurden zahlreich in den szeneinternen Zeitschriften und Büchern abgedruckt.
Dabei hatte Weyres in den Anfängen mit Hip Hop nichts am Hut. Lächelnd erinnert er sich, dass er im Hintergrund Westernhagen hürte, während er seine ersten Skizzen malte. Auch aus diesem Grund sieht Weyres Hip Hop und Graffiti nicht als strikt aneinander gebundene Phänomene und begrüßt die freieren Formen, die Street Art im üffentlichen Raum findet. Allerdings ist er der Meinung, dass es eben zu viel minderwertiges davon gebe, sowohl aus der Perspektive des Grafikers, als auch aus der des Graffitimalers. Letztendlich, so Weyres, kämen die Leute die qualitativ hochwertige Street Art produzierten doch ursprünglich vom klassischen Graffiti. Hierzu nennt er Namen wie Obey, Zevs oder Banksy, in denen er gleichsam verschiedene Typen von Street Art sieht.
So steht Obey für ein Branding im üffentlichen Raum, ohne dabei klaren Inhalt anzubieten (Foto 1 der Tokio-Strecke). Zevs hingegen gehürt zu jenen Street Art-Künstlern, die stark ortsbezogen arbeiten und deren Aktionen an verwandte Phänomene wie das Adbusting erinnern. Im Jahr 2002 schnitt Zevs das Modell aus einer haushohen Fassaden-Reklame des Kaffeeherstellers Lavazza am Berliner Alexanderplatz aus und setzte auf die Reste des Plakats den Schriftzug €žVisual Kidnaping – Pay Now!!!€œ. Einen Finger des Modells schickte er mit einer Lüsegeldforderung von 500000 Euro an die Mailänder Konzernzentrale.
Neue Öffentlichkeit – neues Graffiti
Gesellschaftskritische Experimente ähnlichen Zuschnitts finden sich auch im Oeuvre des unbestrittenen Stars der Street Art Szene Banksy. So wurden in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Museen der internationalen Spitzenkategorie Opfer von Aktionen des Künstlers, als dieser deren Ausstellungen ungefragt um eigene Werke erweiterte. Unbemerkt hingen die Bilder teils für mehrere Tage.
Im Street Art-Kontext fiel Banksy zunächst durch seine Schablonen-Graffitis (Stencils) auf, durch die er bald eine Ratte als sein Markenzeichen etablierte. Es scheint, als kämmen in Banksy die unterschiedlichen Formen von Street Art zur Einheit, denn Banksys Stencils zeichnen sich zusätzlich zum gelungenen Branding durch einen einfallsreichen und intelligenten Umgang mit den Orten an denen sie erscheinen aus (Vgl. London-Strecke).
Als Beispiel hierfür kann auch eine Reihe von Bildern gelten, die von Banksy im Jahr 2005 auf der Grenzmauer zwischen Israel und der West Bank angebracht wurden. Hierin allerdings wird nicht allein Banksys ortsbezogener Umgang mit politischen Themen deutlich, sondern auch dessen professioneller Umgang mit den Medien. Banksys Arbeiten erscheinen oft im medialen Zentrum der Aufmerksamkeit. Auch hierin sieht Thomas Weyres einen Unterschied zwischen dem klassischen Graffiti und Street Art-Konzepten. Zwar sei es durchaus so, dass auch klassische Graffitimaler seit jeher prominente Orte der Öffentlichkeit für ihre Arbeiten wählen, die neue Street Art allerdings schließe deutlich medienbewusster an zeitgenüssische Marketingkonzepte an In diesem Sinne kann Banksy auch als der Graffitimaler einer neuen Form von Öffentlichkeit verstanden werden. Denn während die meisten Graffitimaler noch auf die Publizierung ihres Namens allein im Stadtraum setzen, ergreift Banksy das üffentliche Auge dort, wo es auch wirklich massenhaft hinschaut.
Analog zum Umgang mit den Medien weist Weyres darauf hin, dass auch die Produktionsweisen der Street Art-Künstler besser an die Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts anschließen, als diejenigen der traditionellen Graffitimaler. War auch in den 80er Jahren die Sprühdose noch das ideale Mittel um schnell im üffentlichen Raum zu agieren, so stehen heute mit dem Computer und den verbreiteten und günstigen Vervielfältigungsmüglichkeiten für Plakate zusätzliche Materialien zur Verfügung. Diese werden in der Street Art auffallend vielfältig genutzt. Sind also Street Art und klassisches Graffiti in ihren Erscheinungsformen teils stark voneinander unterschieden, so lässt sich dennoch festhalten, dass Street Art strukturell auch eine Fortsetzung der Guerilla-Taktiken des Graffitis mit zeitgemäßen Mitteln bedeutet.
No sell out, no hostages
Eingedenk aller sinnvollen Impulse und hochwertigen Arbeiten, die Street Art teils liefert, sollte nicht verkannt werden, dass um Street Art zurzeit ein großer Hype betrieben wird, gibt Weyres zu bedenken. Das dabei dann eine riesige Menge von Müll entstehe sei vüllig klar. In Anbetracht von großzügigen Artikeln quer durch die illustrierte Presse, die allesamt in einen positiven Tenor zum Phänomen Street Art einstimmen, sei der selbstorganisierte Graffitimaler, der idealistisch sein nicht massenkonformes Projekt verfolgt, schon fast sympathischer, findet Weyres.
Dass sich die Berührungspunkte zwischen institutionalisierter Kunst und Street Art derzeit rasend schnell entwickeln ist spätestens offensichtlich, seitdem Banksy im Jahre 2006 eine vielbeachtete Ausstellung in einem Lagerhaus in L. A. veranstaltet hat und in Zeitschriften wie dem New Yorker mit umfangreichen Artikeln bedacht wird. Spätestens seit nun vor einigen Tagen sechs Leinwände von Banksy beim renommierten Londoner Auktionshaus Sotheby’s unter den Hammer kamen und Preise von bis zu 153000 Euro erzielten, hat der Name Banksy Eingang in die etablierte Kunstwelt gefunden. Zieren wird er nun wahrscheinlich den Kaminsims eines solventen Kunstsammlers. Von Seiten Banksys ist eine Kommerzialisierung allerdings nicht zu befürchten, da beim großen Mann der Street Art der Graffiti-Ethos so weit geht, dass er das verdiente Geld in die ungefragten Street Bombings reinvestiert. Wie es die vielen Street Art-Künstler damit halten, die zu Graffiti kaum Kontakt hatten, bleibt dahingestellt.
Photo: Tim Chocrane, copyright: PlayMusicMagazine.com
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