Wir wachen morgens auf, sitzen dann Gott sei Dank schon wieder im Sonnenschein und beobachten die noch immer unvermindert niederrauschenden Wassermassen. Die Gespräche drehen sich ausschließlich um unser Überleben. Das Leben steht praktisch still. Wir künnen nichts mehr retten. Die Landarbeit ist unmüglich. Solange es immer wieder regnet und die Fluten sich unberechenbar ihre Wege suchen ist an Wiederaufbau auch nicht zu denken.
So berichtet Leonard Nshimiyimana aus Bigogwe einem Ort im westlichen Hochgebirgsland von Ruanda. Hier richteten vom 13.-16. September sturzflutartige Regenfälle Verwüstung und Zerstürung an. Bisher sind sogar 25 Menschenleben zu beklagen. Die nach einigen Tagen geborgenen Leichen sind wegen fortgeschrittener Verwesung nicht mehr zu identifizieren.
Alles Wasser ist verseucht und ein stechend beißender Geruch liegt in der Luft.
Zwei Tage nach den sintflutartigen Niederschlägen stiegen einige Männer in das Wasser, um gesichtete Gegenstände wiederzuerlangen. Sie bekamen sofort starken Hautausschlag, als seien sie von Masern befallen.
Nahezu 100 Häuser mit den dazugehürigen Grubentoiletten sind allein nur in unserer nächsten Umgebung zerstürt worden. Die Abwässer haben sich mit dem Regenwasser gemischt und stehen jetzt unter täglichem Sonneneinfall rottend in Pfützen, Kuhlen und Senken. Wir haben Angst vor dem Ausbruch von Seuchen, wie Ruhr und Cholera. Immer wieder spielen unsere Kinder unbewusst in dem abgestandenen Wasser, sie kennen die damit verbundenen Gefahren noch nicht. Die Distrikt-Verwaltung hat bei drakonischen Strafen strenge Verbote erlassen. Das Wasser darf demnach weder betreten noch genutzt werden. Zahlreiche Tiere u. a. Kühe, Schweine, Ziegen und Puten sind schon nach dem Wassergenuss verendet.
Die angeordneten Schutzmaßnahmen haben aber auch zur Folge, dass nach weiteren Vermissten im Wasser nicht gesucht werden darf. Jetzt muss abgewartet werden, bis die Toten an die Wasseroberfläche treiben. Für die Angehürigen ist dies eine äußerst harte Zeit. Vielfach sind die Häuser, in denen die Menschen Schutz gesucht haben plützlich weggerissen worden und haben alles unter sich begraben.
Nach 14 Tagen sind bisher mindestens 1700 Obdachlose bei uns im Ort erfasst worden. Von den ca. 300 Familien konnten erst 17 Familien notdürftig untergebracht werden. Zu einem großen Teil liegt das aber auch an einer ruandischen Kulturbarriere, wonach es den Männern praktisch unmüglich ist, zusammen mit ihren Frauen und Kindern in einem Raum zu schlafen, wo sich mehrere Familien unter dem gleichen Dach befinden. Neben den Schwierigkeiten im Sanitärbereich sind dies auch die Probleme mit Großraumzelten, die in dem ürtlichen Notaufnahmelager eingesetzt werden.
Erfreulicherweise erhalten wir seit dem ersten Tag nach der Sintflut massive Hilfe.
Die Distrikt-Verwaltung war sofort mit sechs Tonnen Bohnen, zwülf Tonnen Mais, 500 kg Salz und 50 Kartons Seife zur Stelle, die gezielt an die Betroffenen verteilt wurden. Alle Kirchen und die in Ruanda vertretenen Hilfsorganisationen helfen wirkungsvoll. Die einheimische Pfunda-Teefabrik lieferte spontan für längere Zeit Brennholz und das Ruanda Rote Kreuz hilft mit mehreren Kücheneinrichtungen. Das Touristik-Ministerium unterstützt die Betroffenen mit Bargeld und UNICEF nimmt sich der notleidenden Kinder an.
Es fehlt an Kleidung, Schuhen, Büchern, ja an der gesamten Schulausrüstung, alles ist verlorengegangen. Der hiesige Schulsekretär hat 137 Kinder aus der Primary- und 28 Kinder aus der Secondary-School als bedürftig erfasst und konnte aufgrund der eingegangenen Hilfslieferungen die Schüler umgehend neu ausstatten. Für die nächsten zwei Wochen haben wir Nahrungsvorrat und die Grundbedürfnisse sind gedeckt. Der Ministerpräsident hat das erforderliche Geld für den Wiederaufbau schon zur Verfügung gestellt.
Wegen der weiterhin schlechten Wetterlage konnten die Arbeiten aber noch nicht starten. Wir warten darauf, dass die Distrikt-Verwaltung uns den Bauholzeinschlag erlaubt. Heute steht schon fest, dass die neuen Häuser nicht mehr in der Holz verschlingenden Ständerbauweise gebaut werden dürfen und vor allen Dingen nicht an den alten Standorten. Wegen der Landknappheit ist die erforderliche Umsiedlung ein großes und Zeit raubendes Problem, da eine nachhaltige Lüsung gesucht wird und alle Parteien in Konsens gebracht werden müssen.
In unmittelbarer Nähe unseres Dorfes befindet sich ein Durchgangslager für Kongoflüchtlinge, dessen Müglichkeiten leider nicht wahrgenommen werden künnen. Es sind Durchfallkrankheiten registriert worden, EBOLA ist im Kongo erneut ausgebrochen und wegen der Unruhen im Kongo werden weitere Flüchtlinge erwartet.
Die ruandischen Behürden gehen keine Gesundheitsrisiken ein.
Unser ürtlicher Gesundheitsdienst meldet zur Zeit sechs Erkältungskranke. Im Ernstfall einer Epidemie wird auf das einheimische Kliniksystem zurückgegriffen. Die Trinkwasserversorgung ist bei uns schon umgestaltet, da die heutigen Brunnen nur wenige Meter von den überschwemmten Gebieten liegen, wurde dort eine Verseuchung des Grundwassers befürchtet. UNICEF hat außerdem eine Chemikalie zur Verfügung gestellt mit der die vorhandenen Brunnen und Tanks keimfrei gehalten werden. Das an der Oberfläche stehende verseuchte Wasser ist unsere große Gefährdung.
Der Bürgermeister unseres Distriktes stellt rückblickend fest, dass das eingetretene Disaster im wesentlichen auf die schonungslosen Rodungen unserer Wälder zurückzuführen ist. Die Berge sind kahl, nichts wurde aufgeforstet. Die überstrapazierten Ackerbüden sind aufgeweicht und absolut haltlos.
Am Nachmittag des 13. Septembers begann es zu regnen. Die Leute sahen den Regen zwar als etwas verfrüht, aber ansonsten als ganz normal an. Nach einer Stunde verstärkte sich der Niederschlag. Bäche und Flussläufe füllten sich rasch. Der Mizingo Fluss stand im Pegel schon hüher als bei der letzten Überschwemmung im Jahr 2002. Mein Nachbar Paul hürte plützliche Schreie und konnte die sich vor seiner Tür überstürzenden Ereignisse nicht fassen. Menschen liefen den Berg hinauf und wurden von herabstürzenden Wassermassen wie gewichtslose Puppen weggeschleudert. Eine junge Frau suchte kurzzeitig Schutz in der benachbarten Schreinerei, dann rannte sie zum nächsten Unterstand. Hinter ihr klappte geräuschlos die ganze Schreinerei zusammen und tauchte in den Fluten unter. Seitdem werden sechs Nachbarn vermisst. Die Wassermassen haben 20 Zentimeter des Mutterbodens vom Berg abgetragen. Im Tal wurde dadurch unser Nachbardorf Ruturo 1,50 Meter hoch mit Schlamm überflutet.
Es ist unmüglich alles wiederherzustellen wie es war.
Vieles hat sich grundlegend geändert. Unsere gesamte Ernte ist weggeschwemmt und vernichtet. Hoffentlich trocknen die Felder für die neue Einsaat, die uns übrigens jetzt auch grüßtenteils fehlt, rechtzeitig ab. Die Behürden registrieren sehr genau die Verluste, um gerechte Entschädigungen einleiten zu künnen. Mein Freund, Oliver, beklagt sich aber trotzdem heute schon. Er handelt mit Gemüse und hat auf Kredit Kartoffeln gekauft, die er durch das Wasser verloren hat. Kauf und Verlust kann Oliver nicht belegen und wird infolgedessen auch nicht entschädigt werden. Es ist für ihn unverständlich, dass bei der Entschädigung Treu und Glauben nicht zählen sollen. Den ürtlichen Amtsträgern wird unterstellt, dass sie alle eingehenden Spenden rechtschaffend verteilen und nichts an ihnen kleben bleibt. Der Distrikt-Bürgermeister hat die Wichtigkeit fairer Regelungen durch seine Feststellung, dass 70 Prozent aller landesweit verbrauchten Kartoffeln aus unserem Distrikt kommen, eindeutig unterstrichen. Die gesamte Ernte ist verloren. Das Steueraufkommen wird drastisch fallen. Die erforderlichen Wiederaufbaumaßnahmen und die Absicherung bzw. Stärkung der Infrastruktur kann nicht aus eigenen Mitteln geleistet werden. Bei aller Selbsthilfe benütigen wir einmal mehr Hilfe von außen.
Das Spendenproblem haben wir bei der direkt aus Deutschland kommenden, objektgebundenen und damit kontrollierbaren Hilfe nicht. Wir beten, dass ihr weiterhin helft. Gegenwärtig müssen wir die Schäden beseitigen und ausgleichen. Für die Zukunft müssen wir gefährdete Baulagen beseitigen und stabilere Häuser bauen. Das Wasserversorgungs- und das Abwasserentsorgungssystem vor Überschwemmungen schützen. Die Wiederaufforstung nachdrücklich betreiben und damit die Bodenerosion mindern. Alles große Projekte für die wir guten Rates und konkreter Hilfe bedürfen.
- Afrika erlebt den Klimawandel
- Ruanda – nachhaltige Hilfe durch fairen Kaffeehandel
- Ruanda – Halbzeit in Kivumu, dreizehn Jahre später
- Ruanda – Leben und Zukunft in Kivumu
- Ruanda – Von der Landwirtschaft zu Handel und Gewerbe
- Ruanda – Was kam nach dem Überleben?
- Ruanda verdient Wiedergutmachung durch G8
- Ruanda – dort geht die Post ab
- Ruanda Vision 2020
- Ruanda – Was ist noch zu tun in Kivumu? – Teil 3
- Frauen: der Wirtschaftsfaktor in Ruanda – Teil 2
- Erfolgreicher Wiederaufbau in Kivumu/Ruanda – Teil 1
- Afrika – Künnte es so gewesen sein? Oder ist es immer noch so?
- Effektive Wiederaufbauhilfe in Ruanda – ein Spendenaufruf
Pingback: Readers Edition » BEST OF READERS EDITION - eine Wochenbilanz