Gespräch zum 3. Oktober: “Emotionale Verklärung wird es immer geben.”

Vorabend des dritten Oktobers. Tag der Wiedervereinigung: Menschen blättern in den Zeitungen, stübern im Internet oder sehen fern. Nicht nur heute und morgen, sondern spätestens seit gestern steht sie wieder im Raum. Die Frage aller Fragen, die pünktlich zu diesem Ereignis durch die Medienlandschaft der augenscheinlich nur auf dem Papier

rgdgde.jpgVorabend des dritten Oktobers. Tag der Wiedervereinigung: Menschen blättern in den Zeitungen, stübern im Internet oder sehen fern. Nicht nur heute und morgen, sondern spätestens seit gestern steht sie wieder im Raum. Die Frage aller Fragen, die pünktlich zu diesem Ereignis durch die Medienlandschaft der augenscheinlich nur auf dem Papier geeinten Republik geistert. Inwieweit kann man heute eigentlich von einer tatsächlichen deutschen Einheit sprechen?

Nimmt man die gestern erschienene, von N24 in Auftrag gegebene Emnid- Umfrage mit 1000 Befragten als repräsentativ für die Gesamtbevülkerung Deutschlands zur Hand, dann spräche wohl einiges gegen eine harmonische Beziehung zwischen Ost und West. Immerhin sehen sich die Menschen im Osten laut Aussagen der Probanden immer noch als Bürger zweiter Klasse. 74 Prozent der Ostdeutschen, so die Studie, glauben sich im Vergleich mit ihren Mitbürgern im Westen benachteiligt. Knapp ebenso viele Menschen im Westen (73 Prozent) allerdings sehen Ostdeutsche nicht in schlechteren Verhältnissen als sich selbst. 18 Prozent der Westdeutschen und 21 Prozent der Ostdeutschen hätten die Mauer gern zurück. Wäre am nächsten Sonntag Bundestagswahl, würde Die Linke in Ostdeutschland mit 31 Prozent stärkste Partei.

Doch was steckt dahinter?

Was geschieht da in den Küpfen und mit der Wahrnehmung in den augenscheinlich nun doch zwei Teilen Deutschlands? Um diesen brennenden Fragen auf den Grund zu gehen wurde jetzt an kompetenter Stelle nachgefragt…

Die Readers Edition sprach mit:

Hagenah1.jpg.Dr. Jürg Hagenah, Geschäftsführer des Medienwissenschaftlichen Lehr- und Forschungszentrums der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Küln

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wessels.jpg.Priv.-Doz. Dr. Bernhard Wessels, Privatdozent am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin, Institut für Politikwissenschaft.

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RE: Ist die Einheit gescheitert?

Hagenah: Nein, sie ist sogar ein großer Erfolg. Sie entsprach in den Anfangsjahren nach der Wiedervereinigung nur nicht den Erwartungen vieler Menschen, was aber wiederum daran liegt, dass die Erwartungen unrealistisch waren. Die blühenden Landschaften gibt es, aber eben nur punktuell in Leipzig, Dresden oder vielleicht Jena. Aber das war auch nicht anders zu erwarten. In der Bundesrepublik gab es beispielsweise immer schon ein Nord-Süd-Gefälle, das allerdings viel langsamer gewachsen ist.

Wessels: Der Einheitsprozess ist ein langwieriger Prozess. 1990 prognostizierten z.B. einige Wirtschaftsforschungsinstitute, dass es 25 Jahre oder mehr dauern würde, bis sich die wirtschaftlichen Verhältnisse angeglichen hätten. Gesellschaftliche Entwicklung ist da nicht unbedingt schneller. Edeltraud Roller, Dieter Fuchs und ich haben vor ein paar Jahren die These von der “Spaltung der Deutschen” vertreten und publiziert. Die Gründe für Differenzen liegen auf der Hand: a) immer noch hat ein beträchtlicher Teil der Bürger in den neuen Bundesländern einen anderen Sozialisationshintergrund als die Westdeutschen; b) immer noch gibt es deutliche Unterschiede in der wirtschaftlichen Lage und der Situation auf dem Arbeitsmarkt zwischen beiden Regionen. Damit einher gehen verständlicherweise unterschiedliche Interessen. Die PDS und jetzt die Linke sind in Ostdeutschland so etwas wie regionale Interessenparteien. Derartiges gibt es auch in anderen Ländern ohne dass jemand unterstellen würde, die Einheit der Nation sei gefährdet.

Was die Frage des Benachteiligungsgefühls angeht: Den Ostdeutschen sind blühende Landschaften vom damaligen Bundeskanzler Kohl versprochen worden. Immer noch sind die Unterschiede zwischen Ost und West in Bezug auf die wirtschaftliche und infrastrukturelle Situation aber beträchtlich. Die Ostdeutschen fühlen sich vor diesem Hintergrund relativ benachteiligt, was nicht weiter verwundert. Die Westdeutschen hingegen haben nur eine geringe Vorstellung davon, was es bedeutet, in einer Kleinstadt oder einem Dorf zu leben, aus dem die Jungen verschwinden und die Arbeitslosigkeit über 30 Prozent erreicht. Sie sehen die großen Transferleistungen von West nach Ost und künnen daher eine Benachteiligung nicht nachvollziehen. Es ist ja auch keine Benachteiligung im eigentlichen Sinn, da sie ja nicht aktiv betrieben wird, sondern genau das Gegenteil. Was zu einem Gefühl der relativen Deprivation führt, sind die lang anhaltenden Unterschiede. Dass das Grundgesetz gleichartige Lebensbedingungen verlangt, liefert für Deprivationsgefühle den normativen, angesichts der katastrophalen Ausgangslage der neuen Bundesländer aber auf lange Zeit wenig realitätstauglichen Maßstab.

RE: Weshalb sind Selbst- und Fremdbild der Ost- und Westdeutschen so verschieden?

Hagenah: Weil beide Gruppen aus unterschiedlicher Perspektive zwei Dinge vermischen. Man muss stärker trennen zwischen Personenchancen und Chancen für Regionen. Regionen sind immer schon benachteiligt gewesen, was das Ansiedeln von bestimmten Wirtschaftszweigen anbetrifft. Menschen künnen aber ihren Interessen entsprechend umziehen. Einzig die schulischen Chancen müssen überall gleich sein.

Wessels: S.o. Weiterhin: unterschiedliche Systemerfahrungen tragen auch dazu bei, dass eine unterschiedliche politische Kultur existiert, die in unterschiedliche Interessen eingebettet und mit unterschiedlichen Interessen verbunden ist. Dieter Fuchs hat zeigen künnen, dass die Vorstellungen von dem, was eine Demokratie leisten soll, sich stark zwischen Ost und West unterscheiden. Im Durchschnitt erwarten die Ostdeutschen eine stärker schützende Rolle des Staates im Bereich wirtschaftlicher, sozialer und gesundheitlicher Risiken.

RE: Wieso gibt es 17 Jahre nach dem Wegfall der Mauer noch immer so eine Kluft zwischen Ost und West in den Küpfen?

Hagenah: Worin besteht denn eigentlich die Kluft? Ist sie nicht viel grüßer zwischen dem katholischen Bayern und dem protestantischen Hamburg?

Wessels: Die “Kluft”, wie Sie es nennen, ist zunächst einmal nichts anderes als Interessenunterschiede. Das ist legitim und auch nicht problematisch, solange Interessenkonflikte mit friedlichen Mitteln und mit rechtsstaatlichen demokratischen Regeln ausgetragen werden. Dass es gute Gründe dafür gibt, unterschiedliche Interessen zu haben, ist bei der unterschiedlichen Situation in Ost und West wohl nachvollziehbar. 17 Jahre sind für gesellschaftlichen Wandel nicht besonders viel.

RE: Wie sieht denn die Realität eigentlich aus, inwieweit sind Ostdeutsche noch benachteiligt gegenüber dem Westen?

Hagenah: Die Bildungschancen sind gleich und das ist das Entscheidende.

Wessels: Wie oben angemerkt, handelt es sich nicht um eine Benachteiligung, die ja aktiv wäre. Reale Unterschiede bestehen in der Wirtschaftskraft der beiden Regionen, damit verbunden dem durchschnittlichen Bruttosozialprodukt pro Kopf, lange Zeitunterschiede im wirtschaftlichen Wachstum, was sich vielleicht gerade zum positiven wendet und ein gewaltiger Unterschied in den Arbeitslosenquoten. Mehr Details ließen sich anführen, aber allein die Implikationen dieser Differenzen reichen aus, um der Wahrnehmung von Unterschieden auf Seiten der Ostdeutschen nicht eine gewisse Realität abzusprechen.

RE: Immerhin ein knappes Fünftel aller Menschen wünscht sich die Mauer zurück. Sollte dies ein Alarmsignal für die Politiker sein?

Hagenah: Vier Fünftel wollen die Mauer nicht wiederhaben, die anderen vermischen ihr persünliches Schicksal mit Gesamtdeutschland-Bewertungen.

Wessels: Ich betrachte es als Signal dafür, dass weder die Ostdeutschen noch die Westdeutschen vollständig zufrieden sind, welche Folgen die Einheit hatte. Im Osten wird davon ausgegangen, dass nicht genug getan wird, im Westen davon, dass alles zu teuer ist. Letztendlich hat die Vereinigung die deutsche Volkswirtschaft enorm belastet und es ist nur der enormen Wirtschaftskraft zu verdanken, dass sich alles so relativ gut entwickelt
hat und derzeit auch die Aussichten, wieder den europäischen Anschluss in der Wirtschaftsentwicklung zu schaffen gegeben sind. Wirtschaftlich schwächere Länder wären von einer derartigen Belastung der Volkswirtschaft müglicherweise sehr viel stärker und länger betroffen gewesen. Vielleicht hätten die Politiker, allen voran Kanzler Kohl den Menschen mitteilen sollen, dass die Vereinigung nicht kostenlos zu haben ist und dass es 20 Jahre des Aufbaus braucht, die finanziert werden wollen.

RE: Ist zu erwarten, dass im Osten aus dem Satz “Es war doch nicht alles schlecht” bald ein “Es war vieles besser” wird / Wird sich die emotionale Spaltung in Deutschland noch vertiefen?

Hagenah: Emotionale Verklärung wird es immer geben. Das ist aber ein Prozess, der auch mit ganz normalen Gehirnfunktionen zu tun hat. Menschen müssen Schmerzen und peinliche Momente bspw. besser verarbeiten als persünliche Erfolgsmomente, sonst würden sie ja auch krank werden. Wenn jedoch sachlich tiefer in die Vergangenheit geschaut wird, sieht das Bild realistischer aus. Nur das wird eben kaum gemacht.

Wessels: Das hängt letztendlich maßgeblich von der zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung ab. Verläuft sie positiv verliert sich auch die Nostalgie.

RE: Ihre Prognose: Wann wird die Mauer aus den Küpfen raus sein?

Hagenah: Sie ist ja schon viel kleiner geworden und wird mit der letzten DDR-Generation ganz verschwinden.

Wessels: Es handelt sich um langfristige Prozesse, die letztendlich nur durch Generationenwechsel vollendet werden. Wenn die letzten noch in der DDR sozialisierten Generationen ausgestorben sein werden, wird die “Mauer” aus den Küpfen verschwunden sein, wenn Ostdeutschland wirtschaftlich nicht “abgehängt” wird.

RE: Würden Sie den Ostdeutschen raten, einfach etwas positiver zu denken?

Hagenah: Menschen sollten generell versuchen, positiv zu denken. Das gilt gleichermaßen für arbeitslose Menschen im Pott wie für Menschen in Brandenburg.

Wessels: Es geht nicht um positives Denken. Natürlich macht es für die Beurteilung von Umständen einen Unterschied. So lange es jedoch deutliche Unterschiede in der wirtschaftlichen Situation in Ost und West gibt, ist es legitim, diese Unterschiede zu thematisieren und zu fordern, dass sie zum Verschwinden gebracht werden.

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Die Readers Edition ist auch an Ihrer Sicht über Ost und West interessiert. Schreiben Sie uns Ihre Meinung.

(INTERVIEW: FELIX KUBACH & NICOLE OPPELT)

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