Interview mit Thomas Reiter zu 50 Jahre Sputnik – “Raumfahrt lebt von Visionen”

Es war DER Schock für die Amerikaner. Die Russen hatten es vollbracht. Am 4. Oktober 1957 funkt zum ersten Mal ein menschengeschaffenes Objekt Signale aus dem Weltraum – der Sputnik. Der erste Satellit umkreiste die Erde, es war zugleich die Geburtsstunde der Raumfahrt. Für RE befragte ich den deutschen Astronauten

dfgd.jpgEs war DER Schock für die Amerikaner. Die Russen hatten es vollbracht. Am 4. Oktober 1957 funkt zum ersten Mal ein menschengeschaffenes Objekt Signale aus dem Weltraum – der Sputnik. Der erste Satellit umkreiste die Erde, es war zugleich die Geburtsstunde der Raumfahrt. Für RE befragte ich den deutschen Astronauten Thomas Reiter in einem Interview zum Sputnik und zur Zukunft der Raumfahrt.

RE: Welche Bedeutung hatte der “Sputnik” für die Entwicklung der Raumfahrt?

Reiter: Sputnik war der erste von Menschenhand geschaffene Himmelskürper der in eine Erdumlaufbahngebracht worden ist. Somit ist er der €žUrvater€œ aller heutigen Satelliten. Wie vielen Dingen die zum ersten Mal geschehen sind, kommt ihm damit eine besondere Bedeutung zu. So kann man auch sagen, dass mit dem Sputnik das Tor in den Erdorbit aufgestoßen worden ist, dem Menschen der Weg ins All geebnet wurde.

RE: War der kalte Krieg entscheidende Bedingung für die Raumfahrtbestrebungen, ohne den der Mensch den Schritt ins All wahrscheinlich nicht so schnell gewagt hätte, wie einige Experten behaupten?

Reiter: Die politischen Rahmenbedingungen die als Geburtshelfer der Raumfahrt gedient haben waren vom Kalten Krieg gekennzeichnet. Das Bestreben der beiden Supermächte der damaligen Zeit, den USA und der Sowjetunion, den jeweiligen Gegner technologisch zu besiegen, war unzweifelhaft mitentscheidend für den Fortschritt der Raumfahrt. Jedoch zeigt die friedliche Zusammenarbeit im Rahmen der Internationalen Raumstation (ISS), dass es auch anders geht. Wissenschaftler und Ingenieure die noch den Kalten Krieg kennen, haben heute ein gemeinsames Ziel, die ständige Präsenz des Menschen im All.

RE: Die erste bemannte Umrundung der Erde sowie der Flug zum Mond geschahen mit im Vergleich zu heute rudimentärer Technik. Nicht wenige sagen, die extremen technischen Weiterentwicklungen in den seitdem vergangenen 38 Jahren würden nicht ausreichend für die Raumfahrt genutzt, so dass selbige stagniere…

Reiter: Die Raumfahrt stagniert nicht. Die ersten Schritte des Menschen ins All erfolgten mit einer Technik die damals den Hühepunkt der technologischen Entwicklung dargestellt hat. Seitdem hat es viele Entwicklungssprünge in der Raumfahrt gegeben, viele Dinge sind müglich geworden die heute alltäglich sind – Navigation, Wetterbeobachtung, TV-Empfang via Satellit. Diese Entwicklungssprünge haben zu hoch anspruchsvollen technischen Systemen geführt, welche heutige Entwicklungen klein schrittiger erscheinen lassen als damals. Auch heute noch und in der Zukunft wird die Raumfahrt ein Technologietreiber sein, der aus sich heraus viele Entwicklungen auf der Erde beeinflussen wird.

RE: Der Fortschritt in der Raumfahrt sollte zum vorherrschenden Projekt aller menschlichen Bestrebungen gemacht werden, da nur so die Spezies Mensch mit Sicherheit für immer erhalten werden künne, so eine teilweise verbreitete Meinung unter Wissenschaftlern. Wie stehen Sie dazu?

Reiter: Die Raumfahrt als Querschnittstechnologie beeinflusst viele technologische Bereiche. Jedoch ist sie nicht der alleinige Schlüssel zur Lüsung unserer Probleme. Dazu gehüren noch weit mehr wissenschaftliche Bereiche, die sich unter ganz irdischen Bedingungen abspielen. Raumfahrt kann nur als Teil des Ganzen gesehen werden und als solches Beiträge erbringen, die einen Fortbestand der Menschen sichern.

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RE: Derzeit gibt es Pläne, auf dem Mond eine ständige Raumbasis für ausgewählte Astronauten zu errichten und sogar eine Abschussrampe zu bauen, von der aus Raketen – etwa zum Mars -starten künnten. Was ist der Vorteil davon, Raketen vom Mond aus starten zu lassen?

Reiter: Gegenwärtig gibt es einige visionäre Ansätze was auf dem Mond getan werden kann. Jedoch muss der Mond als erstes aus einer Umlaufbahn heraus und dann auf seiner Oberfläche erkundet werden. Gegenwärtig wissen wir mehr über den Mars als über den der Erde nächsten Himmelskürper. Ob es dann zum Start von Raketen von der Mondoberfläche aus kommt, wird die Zukunft zeigen. Jedoch künnte zum Beispiel von Vorteil sein, dass der Mond eine geringere Gravitation als die Erde hat und somit hühere Nutzlasten transportiert werden künnen.

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RE: Einige kritisieren, die Deutschen hätten mit ihrer zügerlichen Haltung im europäischen Raumfahrtprogramm (ESA) an Boden verloren. Wie steht es um die deutsche Raumfahrt? Besonders der Mond scheint hier ja noch im Mittelpunkt des Interesses zu stehen.

Reiter: Deutschland hat im europäischen Vergleich keinen Boden verloren. Wir gehüren zu den grüßten Beitragszahlern der ESA und bekommen somit auch die entsprechenden Aufträge zurück. Die den Deutschen vorgeworfene Zügerlichkeit liegt oftmals darin, dass Deutschland nicht immer einer Meinung ist mit anderen Mitgliedsstaaten der ESA. So ist Deutschland führend in Fragen der Forschung unter Schwerelosigkeit und der Planetenforschung, sowie der Raumflugkontrolle und dem Test von Raketenantrieben. Und so war es Deutschland mit seiner Idee eine Mondmission zu fliegen, die unseren Nachbarn wieder in den Fokus der Raumfahrt gerückt hat.

RE: Wie sieht Ihrer Meinung nach die nähere und fernere Zukunft der Raumfahrt aus, was ist noch Zukunftsmusik?

Reiter: Raumfahrt lebt von Visionen. Und Visionen künnen sehr schnell Realität werden. In naher Zukunft wird es wieder unbemannte Missionen zum Mond geben, deren Ziel es ist, den Mond zu kartieren, um mügliche Landeplätze festzulegen. Zukunftsmusik ist der Flug zum Mars, dafür sind noch viele technische Entwicklungen notwendig und wissenschaftliche Untersuchungen zum Faktor Mensch.

RE: Sind dem Menschen generell technische und auch natürliche Grenzen gesetzt, die er vielleicht nie wird überwinden künnen? Ist es vorstellbar, dass der Mensch sich irgendwann mit annähernder Lichtgeschwindigkeit im All fortbewegt?

Reiter: Blickt man in die Geschichte zurück, so hat man es noch vor knapp mehr als 100 Jahren nicht für müglich gehalten, das der Mensch den Erdboden verlassen kann. Heute ist es vüllig normal, zu fliegen. Vor mehr als 50 Jahre hat der Mensch am Weltall €žgekratzt€œ, heute ist Raumfahrt alltäglich. Ob dem Menschen technologische oder natürliche Grenzen gesetzt sind, muss und wird die Zukunft zeigen. Jedoch, der Mensch hat sich ebenso immer weiter entwickelt. Und was die Lichtgeschwindigkeit betrifft, wenn wir es nicht versuchen, so werden wir es nie wissen.

RE: Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Felix Kubach

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Photo 1: NASA (screenshot via dlr.de)
Photo 2: wikipedia.org (Ausschnitt)
Photo 3: dlr.de

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