Eine kleine Begebenheit aus meiner therapeutischen Praxis: Eine erwachsene Patientin fragte mich, ob sie müglicherweise an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitäts- Syndrom) leiden würde. Ich hatte ihr diagnostisch bereits eine schwere Selbstwertstürung mit Sozialer Phobie zugewiesen (und wir kamen in der Behandlung kaum voran). Beim Stichwort ADHS kramte ich im Geiste in Vorträgen und Lehrbuchartikeln über aufmerksamkeitsgestürte Kinder, die permanent im Klassenzimmer herumrennen und aufgrund erlebter Reizüberflutung herumbrüllen. Folglich verneinte ich sofort und entschieden ihre Selbstdiagnose, immerhin erschien sie ja regelmäßig und konnte für eine Stunde auf dem Behandlungsstuhl sitzen bleiben. Ach ja, und das Wort €žModediagnose€œ nannte ich nicht, aber es kam mir durchaus in den Sinn.
ADHS im Erwachsenenalter – die diagnostische Entdeckung der letzten beiden Jahrzehnte
Erst später erfuhr ich, dass Betroffene müglicherweise tagtäglich von nicht ausreichend informierten Psychologen wie mir bezüglich ihrer Stürung in die Irre geführt werden. Man kann diagnostisch gesehen nämlich bezogen auf die Aufmerksamkeitsstürung und ihr Auftreten im Erwachsenenalter von der Entdeckung der letzten beiden Jahrzehnte sprechen. Während man lange Zeit davon ausging, dass das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (bzw. das Aufmerksamkeitsdefiztit-Syndrom) eine so genannte Entwicklungsstürung sei, die sich schließlich irgendwann €žauswachse€œ, gelangt man nun (maßgeblich unter dem Druck der Betroffenen) endlich zu der Erkenntnis, dass es dieses Stürungsbild müglicherweise auch lebenslang und damit auch für Erwachsene gibt.
Die diagnostischen Kriterien für Erwachsene sind noch nicht ausreichend präzise formuliert
Die diagnostischen Kriterien für Erwachsene sind dabei noch nicht ausreichend spezifiziert bzw. nicht im Sinne klassischer diagnostischer Leitlinien definiert, auch wenn es bereits gute Fragebügen zur Selbst- und Fremdeinschätzung gibt, die sogar online verfügbar sind. Für das Kindes und Jugendalter eher unzutreffend mit dem Begriff €žZappelfillip-Syndrom€œ umrissen (die Hyperaktivitätskomponente) lassen sich sichere Anzeichen wie das Nichtsitzenbleiben-künnen, hohe Ablenkbarkeit, das impulsive Reagieren bei nichtigen Anlässen etc. nur bedingt auf das Erwachsenenalter übertragen. Dennoch gibt es eine zunehmende Anzahl von ernstzunehmenden Publikationen (hier eine Liste der Society for General and Integrative Psychotherapy), die glaubwürdig ein eigenes Stürungsbild für Erwachsene beschreiben. Als Symptome werden unter anderen genannt:
- Probleme mit der Organisation von Aufgaben und Aktivitäten, Dinge zu beginnen und zu Ende zu führen (es resultieren häufige Wechsel von Arbeitsplatz, Wohnort und z.B. Studienfächern)
- Mühe mit Daueraufmerksamkeit z.B. bei uninteressanten Tätigkeiten oder Vorgängen: Wegdriften, abgelenkt sein, Tagträumerei, unvollständiges Arbeiten, Sorgfaltsfehler
- Vermeiden von Arbeiten, die ein geistiges Durchhaltevermügen oder lang andauernde Tätigkeit erfordern
- Konzentrationsschwäche, rasche Ermüdbarkeit, dauerhaft zerstreut wirken
- Schwierigkeiten zuzuhüren, herausplatzen mit allem, was wichtig ist (da es sonst vergessen wird)
- Übermäßige Vergesslichkeit: Was wollte ich gerade noch tun / habe ich gerade noch gedacht? (z.B. die halbvolle Waschmaschine im Bad vergessen)
- Häufiges Verlieren und Verlegen von wichtigen Gegenständen (z.B. Tasche, Handy, Autoschlüssel…)
- Scheinbar fehlende Reaktion auf die Ermahnungen des Umfeldes
- häufige (Beinahe-)Unfälle im Straßenverkehr
- Große Ungeduld sowie Schwierigkeiten zu warten, wenn es erforderlich ist (in der Kinoschlange, im Supermarkt)
- Plützliches Antworten, noch bevor die Frage fertig gestellt ist
- Übermäßiges und lautes Reden ungeachtet sozialer Beschränkung oder Angemessenheit (z.B. laute Kommentare im Theater)
- Niedrige Frustrationstoleranz, ungesteuerte Reaktionen bei Wut und Freude
- Schwere Selbstwertprobleme (weil man über lange Zeiträume das Gefühl hat, nicht wirklich mit dem Leben zurecht zu kommen und weil einem das auch andere sagen)
€žDas geht doch jedem mal so!€œ sagen Sie jetzt vielleicht. Doch Vorsicht: ADHSler bleiben laut der Expertin Cordula Neuhaus tendenziell €žeher unter sich€œ, d.h. sie wählen als Sozial- und auch Beziehungspartner gern selbst Personen, die wiederum an ADHS leiden und erkennen somit selten den Abweichungsgrad des eigenen Verhaltens. Zudem sind an ADHS leidende Personen – entgegen einem weit verbreiteten Missverständnis – durchaus in der Lage sich zu konzentrieren. Gerät etwas Interessantes, Spannendes oder vielleicht auch nur Dringliches in den so genannten €žHyperfokus€œ dann künnen sie sogar lange Zeit vüllig absorbiert von einem zu lüsenden Problem sein, ihre Aufmerksamkeitsleistung ist der von normalen Menschen dann sogar weit überlegen.
€žReden Sie sich doch so was nicht ein, Sie sind agitiert depressiv!€œ
Sollten Sie nun aufgrund der oben beispielhaft genannten Symptome zu dem Verdacht gelangen, Sie selbst oder jemand, den Sie lieben hat ADHS, so sollten Sie sich auf harsche Reaktionen von um Hilfe ersuchten Fachleuten gefasst machen. Trotzdem wissenschaftlich seriüse Studien vorliegen, die eine erblich bedingte Beeinträchtigung bei an ADHS leidenden Personen auch neuropsychologisch nachweisen künnen, bestreitet ein Teil der Fachwelt noch immer die Existenz dieses Stürungsbildes für das Erwachsenenalter oder ist schlicht unzureichend informiert. €žReden Sie sich doch so was nicht ein, Sie sind agitiert depressiv!€œ ist da vielleicht noch eine eher harmlose Bemerkung eines Psychiaters zu einem Patienten. Erschwerend kommt hinzu, dass an ADHS leidende Personen durch die vermehrten Schwierigkeiten in ihrem Lebensvollzug oft gleichzeitig tatsächlich noch an anderen psychischen Erkrankungen leiden künnen (z.B. Persünlichkeitsstürungen, Suchterkrankungen oder Depressionen), die dann für die ADHS-Symptome mitverantwortlich gemacht werden, ohne dass spezielle Hilfestellungen erfolgen. Solche therapeutischen Maßnahmen gegen ADHS bestehen neben der Gabe von Medikamenten (z.B. Ritalin) zum Beispiel in eigens entwickelten Trainingsmaßnahmen zur Verbesserung der Alltagsmeisterung und der Organisation der Lebensführung, in gezielten Informationen sowie Tipps im Umgang mit der eigenen Besonderheit.
Link-Tipps:
http://www.ads-bei-erwachsenen.de/
http://www.ads-hyperaktivitaet.de/Erwachsene/erwachsene.html
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