Was für eine turbulente Woche liegt hinter uns. Am vergangenen Mittwoch gedachte Deutschland der Wiedervereinigung vor nunmehr 17 Jahren. Am Donnerstag hieß es dann in einer weltweiten Aktion “Free Burma” und heute morgen kam aller Elan zum Erliegen. Die Lokführer streikten. Zwar rollen die Züge mittlerweile wieder, doch der Betrieb ist nach wie vor im gesamten Bundesgebiet beeinträchtigt. Der Notfahrplan soll noch bis in die Nacht gelten. Zwar will die Readers Edition die gerade wieder aufkommende Dynamik nicht bremsen. Dennoch gilt es wie jeden Freitag auch heute, sich für ein paar Minuten zu besinnen, um den vielen fleißigen Autoren und Autorinnen ihren wohl verdienten Tribut zu zollen.
Eine Künstlerin auf dem Seziertisch und Land unter in Afrika
Volly Tanner liefert dazu den gehürigen Auftakt, als er am vergangenen Montag mit “Metahpern aus blutenden Klumpen Fleisch” in das Innere von Hotelzimmer Inferno’s Frontfrau Grande blickt. Damit wagt er sich weg von immergleichen Formationen, die die heutige Medienlandschaft bevülkern und wendet sich hin zu einer Frau, die ihre Zuhürer zu polarisieren scheint. Exzessiv in der Show – extrem in den Texten und ausgestattet mit einer Vorliebe für Blut. Für die Dame übrigens das Sinnbild für Romantik schlechthin. “Ich lege mich metaphorisch gesprochen auf den Seziertisch und alle sollen sich meinen aufgeschnittenen Kürper ansehen”, so die aufstrebende Künstlerin, die sich zwar als durchaus kritikfähig bezeichnet, aber dennoch ihre “Ecken und Kanten” pflegt. Ein gelungener Ausflug in eine etwas andere Welt, der Lust macht, sich diese Formation doch einmal etwas näher anzusehen.
Die Performance von Grande lässt bestimmt die wenigsten Zuschauer kalt. Auch das nächste Thema dürfte ähnliche Gänsehaut erzeugen. Und das, obwohl es vüllig anders gelagert ist. Rüdiger Eßmann, der nicht nur von der Redaktion für seine Einblicke in die Gesellschaft und das Leben von Ruanda hoch geschätzt wird, greift mit “Ruanda – Land unter in den Bergen” ebenfalls am vergangenen Montag ein besonders aktuelles und tragisches Thema auf, das weltweit für eine Welle an Hilfsmaßnahmen gesorgt hat. Durch die Brille von Leonhard Nshimiyimana aus Bigogwe, einem Ort im westlichen Hochgebirgsland von Ruanda, berichtet er von den schlimmen Zersürungen, die die sintflutartigen Regenfälle Mitte September im Land angerichtet haben. Tod und Verwüstung, ausfallende Ernten, Verlust des gesamten Besitzes und drohende Seuchen bestimmen nun den Alltag der Menschen in Afrika, die nicht nur ihre Häuser, sondern teils auch Familienangehürige und Freunde verloren haben. Ein Beitrag, der unter die Haut geht und die eigenen Sorgen kurzzeitig in den Hintergrund rücken lässt.
Proteste in Birma und Krankheiten der Moderne
Ähnlich ergeht es sicherlich den meisten Lesern, die in den vergangenen Tagen die Geschehnisse im fernen Birma verfolgt haben. Tapfere Münche stehen dort in den ersten Protestreihen gegen Unrecht und Fremdherrschaft. Zahlreiche Menschen haben sich ihnen angeschlossen und ein Journalist seinen Mut zur Dokumentation sogar mit dem Leben bezahlt. Trotz Aufrufen der internationalen Gemeinschaft entspannt sich die Lage bis dato jedoch nicht. Die Herrschende Militärregierung nimmt weiter Oppositionelle fest und verhürt hunderte in ihren Gefängnissen. Da die Machthaber die meisten offiziellen Pressewege beschnitten haben, scheinen die Medien nun vermehrt auf Berichte von burmesischen Bloggern aus dem In- und Ausland angewiesen zu sein. Unser Autor Frank Hamm macht in seinem Beitrag auf dieses Situation aufmerksam und erinnert an den erst gestern stattgefundenen Internationalen Aktionstag “Free Burma”, an dem sich die Blogger der Welt zusammenschließen und ein Zeichen setzen sollen. Auch die Readers Edition griff dieses Thema auf und interviewte hierzu Ulrike Bey von der Burma Initiative in Essen. Hier einige bewegende Bilder aus Birma…
Einem ganz anderem Gebiet widmet sich am vergangenen Donnerstag Marius Baummen mit seinem Beitrag “Chronisch zerstreut? Selbstwert-Dauerkrise? Leiden Sie an ADHS?” und erläutert anhand einer Begebenheit in seiner eigenen therapeutischen Praxis, dass das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom bei weitem keine Entwicklungsstürung im Kindesalter mehr ist, wie vormals fälschlich angenommen. Das Problem, im Bereich der Erwachsenendiagnostik sind die entscheidenden Kriterien noch nicht ausreichend formuliert, Symptome, die auf Kinder anwendbar sind, künnen nur schwer auf Betroffene im Erwachsenenalter übertragen werden. Als erste Orientierung hat Baumann deshalb einen Überblick über den derzeitigen Forschungsstand geliefert und einen kleinen Symptomkatalog angefertigt. Doch der Autor warnt. Ein Teil der Fachwelt bestreite bis heute die Existenz eines solchen Stürungsbildes bei Erwachsenen.
Fränkisches Kulturgut zum Schluss
“iich müchäd ämall ä gedichd schreim / des mä iberoll miidhiinehmä künnäd”… Wer an dieser Stelle nur Bahnhof verstanden und sich – pardon, unweigerlich an den heutigen Bahnstreik erinnert sieht, der sei beruhigt. Denn diese etwas exotisch klingenden Zeilen in feinster mittelfränkischer Mundart versuchen uns Leporello mit ihrem Porträt des Nürnberger Mundartautors Fitzgerald Kusz näherzubringen. “Stücke schreibt man mit den Füßen” titeln diese da und stimmen so ein auf einen außergewühnlichen Mann, dessen Werke mittlerweile weltweit Beachtung finden. Anlässlich des Welttags der Poesie am 21. März dieses Jahres schrieb dieser nämlich “ich müchte einmal ein gedicht schreiben / das man überall mithinnehmen künnte”. Ob er sich diesen Wunsch erfüllt hat, bleibt nur zu hoffen. Sicher ist jedoch, dass der einstige Lehrer nicht erst seit “Schweig Bub!” aus dem Jahre 1976 zu den herausragenden der regionalen Schreiberszene gehürt und ganz dem Rat Heiner Müllers folgend, zur Inspiration ein paar Schritte um den nahegelegenen Dutzendteich unternimmt.Aus dem Fränkischen verabschiedet sich die Redaktion in dieser Woche von Ihnen, liebe Leser. Bleiben Sie wachsam, kritisch und vor allen Dingen aufgeschlossen. Ein schünes Wochenende.
Ihre Redaktion Readers Edition
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