“Running Mic” am Alex… Wenige Meter vor dem Turm am Berliner Alexanderplatz bewegt sich eine illustre, kleine Truppe durch die Stadt. Unter der Weltzeituhr macht sie halt. Auf einem umgedrehten Bierkasten steht ein junger Mann und spricht in ein Mikrofon, das zu einem Autobatterie-betriebenen Verstärker im mitgebrachten Fahrradanhänger führt. “Wir sind Poeten, die mit einem offenen Mikrofon die Poesie zu ihnen bringen.”
Wie an weiteren Orten in der Berliner Innenstadt folgen Gedichte oder Kurzgeschichten über die begeisternde neue oder verletzende verflossene Liebe, über Neonazis, Kapitalismus oder Armut, über Nonsense oder Sinn des Lebens.
Und hin und wieder wird gesagt, dass die Aktionskunst “Running Mic” Teil eines großen Festivals ist: Den deutschsprachigen Meisterschaften des Poetry Slam, die von 3. bis 6. Oktober in Berlin stattfanden.

Poetry Slam?
In einer Dokumentation von Rolf Wolkenstein, die im Kino Central läuft, werden die Hintergründe erläutert: Hinter dem englischen Wort versteckt sich eine Idee von Marc Smith, der im Chicago der Achtziger erstmals einen Poetry Slam durchführte. Das Prinzip ist einfach: Jeder kann mitmachen und seinen selbstgeschrieben Text präsentieren, anschließend oder schon währenddessen wird er vom Publikum durch Applaus oder Pfiffe sowie eine Jury bewertet. Wer von der Jury die meisten Punkte bekommt, gewinnt. Einzige Regeln: Kein Gesang, keine Kostüme und eine Zeitbeschränkung. Von dort aus trat Poetry Slam seinen Siegeszug durch die USA und schließlich über die ganze Welt an. Einen Grund für den Erfolg künnen die Organisatoren der Poetry Slams benennen: Durch den hohen Anteil an Performance und die Bewertung durch das Publikum grenzte man sich von einer “intellektuellen” Poesie ab, die bisher ein Monopol in diesem Bereich hatte.
Vorrunden in Kreuzberg
Szenenwechsel, zurück in Deutschland: In einem der drei Clubs in Kreuzberg findet eine Vorrunde der deutschsprachigen Meisterschaften statt, an der also Teilnehmer aus Deutschland, Schweiz und Österreich teilnehmen. Auf der Toilette erklärt ein Aufkleber die Supermarktware zum Allgemeingut, auf der Bühne beschreibt ein Poet, wie die Polizei seine Wohnung durchsucht, weil er Mikrowelle und Wecker besitzt. Die Jurytafeln gehen auf Kommando der Moderatoren in die Luft. Während die Moderatoren die Noten langsam vorlesen, werden sie per Beamer auf die Rangliste übertragen und das Gesamtergebnis wird errechnet. Hierzu werden beste und schlechteste Note gestrichen. Vorne links eine sechs: Pfiffe aus dem Publikum. Es folgen eine Neun und eine Acht, spannende Stille. Schließlich wird eine Zehn verlesen, das Publikum applaudiert. Auf diese Weise werden in allen acht Vorrunden die Gewinner ermittelt, in drei Halbfinalen die Finalisten. Poeten, Poetinnen und Teams konnten sich durch zwei Müglichkeiten für die Meisterschaften qualifizieren: Zum einen durch die so genannten Wildcards, also die Rangliste für alle deutschsprachigen Slams, zum anderen durch direkte Nominierung der Slams. Neu ist, dass die eigene Meisterschaft der Kategorie “U20“, also für Poeten und Poetinnen unter 20 Jahren, ebenfalls im Rahmen des Festivals ausgetragen wird. Diese hat durch zahlreiche Schulprojekte in der Vergangenheit neuen Wind bekommen.
Junge Slammer beweisen Tiefe
Am Samstag findet das Finale in beiden Kategorien statt. Von Kreuzberg wechselt das Festival nach Berlin-Mitte, in den 1750 Sitzplätze starken Admiralspalast. Vorbei an den Ständen der Sponsoren geht es in den festlichen Saal, wo Musik vom Flügel die Wartezeit unterbricht. Der Slam beginnt mit Gastbeiträgen der Rap-Crew “Tumult-Entertainment” sowie der “Young Chicago Authors“, einer Gruppe von amerikanischen Poetry Slammern, die das gesamte Festival begleitet haben. Hier wird die internationale Dimension des Poetry Slams klar: Die jungen Autoren bezeichnen in Anlehnung an die Geschichte Berlins sogar Poetry Slam als Bewegung, die “Mauern niederbricht”. In der Themenwahl stechen auch die “U20″-Slammer durch erstaunlich harte Themen hervor: Ein Rap der “West-Tübinger” Hanna und Raffael Jakob rechnet mit illegalen Machenschaften von Coca Cola ab. Robert Stripling stellt trotz des fast ausverkauften Saales das Mikrofon zur Seite und reduziert seine Worte am Mikrofon auf wenige Zeilen, weil sein Liebesgedicht noch zu sehr von Zweifeln durchdrungen ist. Auch unverstärkt bleibt der Saal trotzdem ruhig. Es gewinnt schließlich Julian Heun, wie üblich bei den Finalrunden durch fifty-fifty von Publikums-Jury und Applausometer. Mit “U-Bahn-Terkan” philosophiert er über Großstadtdepressivität: “Sag an, Terkan, woran kann man noch glauben?”. Mit diesem Preis verbunden ist eine Reise nach San Francisco, wo er im Rahmen der dortigen Meisterschaften mehrfach auftreten darf.
Finalrunden enden mit Gau für Hauptsponsor
Am späteren Abend beginnt schließlich das Finale der deutschen Meisterschaften. Im Gegensatz zu den Vorrunden und Halbfinalen kämpfen nun die zwei verbliebenen Teams in einem eigenen Wettbewerb um den Titel. Für Stimmung sorgen zuvor noch die Düner-Wortspiele des Teams “Agrar Berlin“, die außer Konkurrenz das Finale einleiteten: Düner-Wetter. “SMAAT“, nach eigenen Angaben die erste Boyband im Poetry Slam, bringen zu fünft Gottes “Poesiemaschine” in Gang und setzen sich gegen das Team “Word Alert” durch, das – Gerüchten zufolge – sich im Laufe des Tages erst einen Text aus den Fingern gesogen hat.

Ins Einzelfinale haben es zehn Finalisten geschafft – und eine einsame Finalistin: Pauline Füg, die für Ansbach antrat. Gleich zwei Poeten beschreiben Lebensmittel: Heiner Lange über Wurstherstellung – der das Publikum anheizte mit “Wurst, Wurst, Wurst!” das Werk zu untermalen – und Maik Martschinkowsky lies seine geballte Wut über Tomaten heraus. In einer ersten Runde künnen drei Poeten Publikum und Jury auf ihre Seite bekommen: “Scharri“, der über philosophische Extremfälle wie gleichzeitiges Abstürzen von Toast verbunden mit Katze nachdenkt, “Sebastian 23“, der das Universum als eine einzige Übertreibung herausstellt, sowie Marc-Uwe Kling, der die überzogenen Methoden der Werbeindustrie und die Auswüchse des Konsums. Gegen den heftigen Protest des Publikums wird die viertplatzierte Pauline Füg nicht mit ins Finale genommen, so dass es ein Männerfinale bleibt. In diesem kann sich schließlich Marc-Uwe Kling, der auch Titelverteidiger des Vorjahres ist, durchsetzen, was in der Geschichte des Slams die erste Titelverteidigung überhaupt ist. Wie bereits seine Gedichte angekündigt haben, hält er jedoch nicht viel von der “Redefreiheit”, die der Hauptsponsor mit seiner Handy-Flatrate verspricht. Mit den Worten “das ist Redefreiheit” hält er das Goldene Mikrofon in den Händen, die Flatrate schenkt Kling wahllos einem Besucher im Publikum. Nachdem so seitens der Poeten die Seele des Poetry Slam nochmals klargestellt wurde, verabschiedet sich Wolf Hogekamp, Begründer des ersten deutschen Poetry Slam, und wünscht gutes Gelingen für die nächsten deutschsprachigen Meisterschaften in Zürich 2008.
Übrigens, ein persünliches Fazit findet sich auch im Blog des Slammers Ko Bylanzky. Und wie das Ganze live aussah, das ist hier zu sehen…
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