Der Fall Politkowskaja – Mord kurz vor der Aufklärung?

Der erste Todestag von Anna Politkowskaja * Анна Политковская am 7. Oktober fand in den Medien starke Würdigung. Politkowskaja wurde durch ihre Reportagen aus dem Tschetschenien-Krieg weltberühmt. Sie berichtete über Folter in der Kaukasusrepublik und über Korruption in Russland. Ihr Interesse und Mitgefühl galt den “kleinen Menschen”, misshandelten Tschetschenen aber

politkow.jpgDer erste Todestag von Anna Politkowskaja * Анна Политковская am 7. Oktober fand in den Medien starke Würdigung. Politkowskaja wurde durch ihre Reportagen aus dem Tschetschenien-Krieg weltberühmt. Sie berichtete über Folter in der Kaukasusrepublik und über Korruption in Russland. Ihr Interesse und Mitgefühl galt den “kleinen Menschen”, misshandelten Tschetschenen aber auch jungen russischen Soldaten, die in den Krieg geschickt wurden. Sie war weit über die politisch aktive Szene hinaus bekannt. Und sie hatte viele Freunde. Viele Russen hielten sie aber auch für eine “Landesverräterin”. Politkowskaja hielt sich nicht an die ungeschriebenen Regeln des russischen Journalismus. Sie fing dort an zu schreiben, wo andere schon der Mut verlassen hatte.

Allein in den offiziellen russischen Medien wurde die Erinnerung an Politkowskaja erwartungsgemäß übergangen.

Der Geburtstag von Präsident Putin am selben Tag trug sein Übriges dazu bei, dass die Erinnerung an den bislang ungeklärten Tod der Journalistin weitestgehend nicht stattfand. In den drei großen TV-Sendern ORT, Rossija und NTW, die für die meisten Russen die Hauptinformationsquellen sind, wurde in den Abendnachrichten über Putins 55. Geburtstag ausführlich berichtet. Ausgeblendet hatten die TV-Verantwortlichen auch die Oppositionskundgebung auf dem Puschkin-Platz im Zentrum Moskaus, auf der schätzungsweise mehrere hundert Demonstranten der vor einem Jahr ermordeten Journalistin gedachten.

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Auf dem russophobe-Blog findet sich eine kleine Zusammenstellung der Würdigung des Todestages in der russischen Presse. Die Redaktion der Nowaja Gaseta hat zum Todestag von “Anja”, wie die Journalistin von Freunden genannt wurde, noch einmal das Handy der Journalistin angestellt. Einige Anrufe verüffentlichte die Wochenzeitschrift. Außerdem stellte man ihr zu Ehren ein eigenes Weblog ins Netz.

Die Beschäftigung mit dem Mordfall findet sich auch in der deutschsprachigen Blogosphäre wieder.

Die Einordnung des Ereignisses fällt dabei sehr unterschiedlich aus. Zwischen ausführlicher und respektvoller Analyse wie auf Krusenstern und schnoddrigem Bagatellisieren der Bedeutung von Politkowskaja auf rossijskajafederazija ist fast jede Meinung vertreten. Die Schlagzeilen werden jedoch meist von der Nachricht einer müglichen Aufklärung des Mordfalls dominiert.

Bereits im August gab die russische Generalstaatsanwaltschaft die Verhaftung von zehn Verdächtigen bekannt. Unter den Verhafteten waren mehrere Tschetschenen, unter anderem der ehemalige Leiter der Verwaltung des Bezirks Atschchoi-Martan in Tschetschenien, Schamil Burajew, sowie der FSB-Oberstleutnant Pawel Rjagusow. Nach den Ermittlungen hat der Geheimdienstmann Rjagusow dem Tschetschenen Burajew bei der Ermittlung der Wohnadresse der Journalistin geholfen. Zwei dieser Verhafteten mussten inzwischen wegen Mangels an Beweisen wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Der damalige Chefermittler und einer seiner Mitarbeiter wurden von ihren Aufgaben entbunden.

Nun haben die russischen Ermittlungsbehürden erneut erklärt, ihnen sei bekannt, wer vor einem Jahr die regierungskritische Journalistin Anna Politkowskaja erschossen hat. Der neu ernannte Chefermittler Petros Garibjan sagte der Zeitung Nowaja Gaseta, für die Politkowskaja bis zu ihrem Tod gearbeitet hatte, für ihn sei der Fall praktisch aufgeklärt. Es müsste jedoch die gesamte Kette vom Auftraggeber bis zum Täter rekonstruiert werden, erklärte Garibjan. “Der Killer ist bislang noch nicht angeklagt, wir wissen aber, wer er ist.” Der Chefredakteur der Nowaja Gaseta kritisierte dagegen, dass die Behürden die Namen der Verhafteten preisgegeben hätten. Dadurch hätten sich weitere Verdächtige und Hintermänner in Sicherheit bringen künnen.

Eine der Vermutungen für den Mord ist, dass die Journalistin durch ihre Recherchen eine kriminelle Vereinigung im Kaukasus stürte. Der Auftraggeber des Mordes befinde sich jedoch in Russland. Der russische Generalstaatsanwalt Juri Tschaika dagegen behauptete, der Auftraggeber säße im Ausland. Dabei spielte Tschaika gezielt auf den nach London geflüchteten Oligarchen Boris Beresowski * Борис Березовский an. Warum dieser die engagierte Journalistin umbringen wollte?! Ganz klar: Dieser habe Putin mit dem Mord schaden wollen.

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Photo Quelle/ Copyright: putin.su; openDemocracy, cc creative commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 (via flickr)

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