Nonnen vs. Staatsmacht – Zwangsräumung eines Klosters

Polizeieinsatz in der südüstlichen Provinz Polens – Hubschrauber kreisen über einem Anwesen, Krankenwagen stehen bereit, gepanzerte Fahrzeuge blockieren die Zufahrtsstraßen. 150 bestens ausgerüstete Spezialeinsatzkräfte der polnischen Polizei blasen entschlossen zum Sturm. Was ist geschehen? Ein konspiratives Treffen der russischen Wurstmafia? Dreharbeiten für die unter Homosexualitätsverdacht stehenden Teletubbies? Nichts davon. In

kloster.jpgPolizeieinsatz in der südüstlichen Provinz Polens – Hubschrauber kreisen über einem Anwesen, Krankenwagen stehen bereit, gepanzerte Fahrzeuge blockieren die Zufahrtsstraßen. 150 bestens ausgerüstete Spezialeinsatzkräfte der polnischen Polizei blasen entschlossen zum Sturm. Was ist geschehen? Ein konspiratives Treffen der russischen Wurstmafia? Dreharbeiten für die unter Homosexualitätsverdacht stehenden Teletubbies? Nichts davon. In der polnischen Stadt Kazimierz Dolny ist eine seit zwei Jahren besetzte Klosteranlage geräumt worden.

Mehr als zwei Jahre hatten sich 65 revoltierende Ordensschwestern in einer Klosteranlage verschanzt. Im Disput mit dem Vatikan um ihre umstrittene Oberin griff nun die weltliche Justiz ein. Rund ein Dutzend Radio- und Fernsehstationen berichteten live über die erste Zwangsräumung eines Klosters in der neuzeitlichen polnischen Kirchengeschichte. Auch die Zeitungen Polens berichteten ausführlich über den erstmaligen Eingriff weltlicher Macht in die Befugnisse der Geistlichkeit. (Gazeta Wyborcza, Dziennik)

Apokalyptische Visionen

Die Geschichte hatte vor mehr als zwei Jahren ihren Anfang genommen. Damals hatte die Kongregation der €žSchwestern der Familie von Bethanien€œ die Oberin Jadwiga Ligocka abberufen. Grund waren Aussagen der charismatischen Frau, dass sie eine €žOffenbarung€œ gehabt habe und fortan diesem neuen Wort Gottes folgen werde. Die apokalyptische Visionen der Oberin sprachen von der nahenden Herrschaft des Teufels, die weder ihr Orden, noch die polnische katholische Kirche, noch der Vatikan anerkennen wollten. Die Nonnen stellten sich hinter die Oberin und brachen den Kontakt zum Orden ab.

Die Kongregation der €žSchwestern der Familie von Bethanien€œ wurde in Polen 1930 gegründet. Sie ist dem Kapuzinerorden angegliedert. Nach ihrer Absetzung rief die charismatische Äbtissin Ordensschwestern aus ganz Polen zu sich ins Kloster nach Kazimierz, von wo aus sie einen «Kirchenfrühling» organisieren wollte.

Der Konflikt eskalierte, als der Vatikan im vergangenen Dezember die aufständischen Nonnen aus dem Orden ausschloss. Das war das Zeichen zur offenen Revolte. Die Frauen verbarrikadierten Fenster und Türen, verstreuten Glassplitter auf den Wegen des Hofes und bauten das Kloster so zu einer Art kleinen Festung aus. Da die Kirche die Grenzen ihrer Müglichkeit erkannte, wandte sich die Ordenszentrale im nahen Lublin an die weltlichen Gerichte. Die entschieden in diesem Frühjahr, dass das Kloster geräumt werden müsse. Der erste Termin im September verstrich, da entschloss man sich zum Sturm auf das Gebäude.

Angst vor kollektivem Selbstmord

Der Einsatz sei sehr heikel gewesen, da befürchtet worden war, die Frauen künnten kollektiven Selbstmord begehen, begründete ein Sprecher der Polizei den martialischen Großeinsatz. Den bewaffneten Einsatzkräften bot sich allerdings ein beschauliches Bild. Als die Klosterpforte aufgebrochen wurde, saßen die Nonnen beisammen und sangen Lieder, begleitet von Gitarren-Klängen. Bei der Erstürmung des Klosters hat sich keine der Frauen wirklich gewehrt, die meisten von ihnen lächelten nur verklärt. “Gott hat mich zur Nonne berufen”, erklärte eine junge Frau. “Ich diene ihm, nicht dem Erzbischof oder dem Papst.” Ewa Czaczkowska, eine Kirchenexpertin, erklärte, dass der Vatikan nur selten Marien- oder Jesus-Erscheinungen anerkenne. “Eine solche Revolte hat die katholische Kirche Polens noch nicht erlebt. Auf die einstigen Nonnen wartet nun eine lange psychotherapeutische Behandlung”.

Die ausgewiesenen Nonnen haben nun versucht wieder in das Klostergebäude zu gelangen. Laut Janusz Wójtowicz, dem Sprecher der Polizei in Lublin hat jedoch keine gegen das Recht verstoßen. €žUnter der Umzäunung des Gebäudes sind ein paar Personen aufgetaucht und haben mit den Wächtern gesprochen. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren es die ausgewiesenen Nonnen. Die Polizei hat nicht eingegriffen, da kein Hausfriedensbruch verübt wurde.€œ so Polizeisprecher Janusz Wójtowicz.

Der Regierungschef Jaroslaw Kaczynski ließ die Gelegenheit nicht aus, mit der Räumung des Klosters von Kazimierz Dolny Wahlpropaganda für seine konservative Partei €žRecht und Gerechtigkeit€œ zu betreiben. Es handle sich hier um eine ganz gewühnliche Angelegenheit der Gerichtsvollzieher, sagte Kaczynski. «So ist das Recht, und wir setzten es durch», erklärte er.

Photo Quelle/ Copyright: Gazeta Wyborcza (screenshot)

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