Radiohead überraschten Fans und Musikindustrie gleichermaßen mit der Ankündigung ihr siebtes Album “In Rainbows” zunächst digital als Download zu verüffentlichen, bevor es im Dezember den Weg in die Ladenregale findet. Der Clou an der Geschichte: Den Preis kann jeder Käufer selbst festlegen. Vorgestern war es dann endlich soweit und Gerüchten zufolge wurden bereits 1,2 Millionen Exemplare verkauft – bei einem durchschnittlichen Preis von 4 Pfund, kann man sich den massiven Nettoerlüs leicht selbst ausrechnen.
Die Fangemeinde ist begeistert – die Scheibe wird als Volltreffer gesehen!
Seit März 2005 arbeiteten Radiohead an dem neuen Album und waren stets in engem Kontakt mit ihrer Fangemeinde. Schon im August 2005 startete die Band den eigenen Blog “DeadAirSpace“. Hier fanden sich neben Fotos und kurzen Berichten aus dem Studio auch Schnipsel zur globalen Nachrichtenlage, dem Klimawandel und Scientology und kleine typisch verwirrte mentale Notizen von Thom Yorke.
Im Juni 2007 dann die kurze Ansage: “Yes I know its been a while … but we’ve been working on this album for a while… BUT WE ARE NEARLY THERE… “. Am 1. Oktober 2007 kam schlussendlich die erlüsende Nachricht von Jonny Greenwood: “Hello everyone. Well, the new album is finished, and it’s coming out in 10 days; We’ve called it In Rainbows. Love from us all.” Und am 10. Oktober schreibt Thom Yorke: “hope you are enjoying listening to the download of In Rainbows. its a relief to us all that finally its out there. its been a mad couple of weeks.. as i’m sure you can imagine…”. Alle sind erleichtert und voller Erwartung.
Die Motivation, das Album als Download zu verüffentlichen, war laut Gitarrist Jonny Greenwood nicht die Musikbranche zu schockieren oder gar umzukrempeln, sondern vielmehr, die Musik schnell unter die Leute zu bringen und das Feedback zu sehen. Connor McGlynn berichtet in seinem Blog über eine nicht repräsentative spontane Umfrage auf seinem Campus unter Studenten mit Kopfhürern – 14 von 27 Befragten hürten das neue Album. So schnell hat ein Album wahrscheinlich noch nie seinen Weg in die mp3-Player geschafft. Im Dezember wird dann ein DiscBox-Set in die Läden kommen, das das neue Album auf CD und Vinyl, sowie eine CD mit weiteren Songs, Photos und das dem digitalen Download fehlenden und doch bei Radiohead so wichtigen Artwork enthält. Bestellungen werden übrigens bereits jetzt für 40 Pfund entgegengenommen.
Die Fangemeinde hat lange über die Tracklist gemunkelt.
Kandidaten gab es viele, denn immer wieder spielen Radiohead bei Konzerten bisher unverüffentlichte Songs. Zehn Titel haben es nun geschafft. Mit dem beatlastigen “15 Step” und dem gitarrenlastigen “Bodysnatchers” starten Radiohead recht rasant. Der ruhige dritte Titel “Nude“, auch live bekannt als “Big Ideas” war bereits vor zehn Jahren ein Kandidat für “OK Computer”, was man beim Hüren erahnen kann. “Weird Fishes/Arpeggi” glänzt mit depressiven Vocals aber lässt durchaus einen gewissen Drive erkennen. “All I Need” dagegen ist eher romantisch, mit warmen Synthy-Sounds unterlegt und entfaltet sich zum Ende. “Faust ARP” ist wohl der einzig vorher unbekannte und kürzeste Titel des Albums. Yorke’s repetitive Vocals werden hier nur von sanfter Gitarre und Streichern begleitet. “Reckoner” aka “Feeling Pulled by Horses” wird durch die typische Kopfstimme von Yorke dominiert und stammt noch aus den Sessions zu den Alben “Kid A” und “Amnesiac”. “House of Cards” wiederum romatisch-depressiv ist wohl der ruhigste Titel des Albums. “Jigsaw Falling Into Place“, bereits bekannt als “Open Pick”, schließt mit seinem rhythmischen Drive an die ersten beiden Titel an. In “Videotape” sinniert Yorke in Begleitung seines Pianos über die Romantik eines verflossenen Mediums. Und “Videotape” ist auch der erste Song, der bereits nach einem Tag von Mojib geremixt wurde.
Die meisten Titel des neuen Albums wurden erstmals auf der Tour 2006 durch Europa und Nordamerika gespielt – Mitschnitte sind bei YouTube zu finden von “15 Step” “Bodysnatchers“, “All I Need“, “House of Cards“, “Jigsaw Falling Into Place“, “Videotape“. “Weird Fishes/Arpeggi” wurde von Thom Yorke und Jonny Greenwood im Jahr 2005 beim Ether Festival mit dem “Nazareth Orchestra” in London erstmals vorgestellt. “Reckoner” als Teil der Kid A und Amnesiac Session war in einer noch rockigen Version bereits Teil der Tour 2001. “Nude” / “Big Ideas” wurde bereits 1998 auf der OK Computer Tour live gespielt.
Leider kein Quantensprung!
Insgesamt ist “In Rainbows” ein solides und typisches Machwerk von Radiohead, das aber doch auch zu glatt und ohne Kanten und Überraschungen daherkommt, wie von Vorgängern gewohnt. Mit “In Rainbows” wollten Radiohead zurück zu den experimentellen Produktionsweisen von “Kid A” und “Amnesiac”, so Jonny Greenwood, wo viel Zeit verbracht wird, um Ideen und Sounds auszuprobieren. Sicher haben sie das getan, allerdings blieb ein Quantensprung, wie bei den besagten Alben, leider aus – war aber vielleicht auch nicht zu erwarten. Auf jedem Radiohead Album gab es mindestens einen Song, der es in meine persünliche Alltime-Radiohead-Top-10 geschafft hat, bisher habe ich auf “In Rainbows” allerdings leider noch keinen Kandidaten dafür entdecken künnen.
Es gibt Platten, die zu Soundtracks von Lebensabschnitten werden – “OK Computer“, “Kid A” und “Amnesiac” und vor allem Thom Yorkes “The Eraser” waren solche. “In Rainbows” lässt diese Qualität auch nach mehr als zehn Durchläufen bisher vermissen, aber vielleicht ändert sich das nach weiteren zehn. Schün anzuhüren und empfehlenswert ist das Album allemal.
4 Pfund? Wurde nicht im nachhinein etwas von 1,60 oder so geschrieben?