Ein trüber Himmel bestimmt dieser Tage den Blick aus dem Fenster. Das Ende des goldenen Oktobers scheint eingeläutet und die Menschen zieht es Heim in die warme Stube. Auch erste Schneefälle im Erzgebirge und der drohende Wintereinbruch in Bayern lassen uns früsteln. Nicht ohne ein Augenzwinkern kann die Redaktion nun frohen Mutes auf die kommenden Monate schauen, denn: Es bleibt nun mehr Zeit zum Lesen und Schreiben. Doch Spaß beiseite. Selbstverständlich ist das Interesse von Ihnen, liebe Leser und Autoren, nicht wetterabhängig, weshalb auch unser heutiger Rückblick auf die vergangenen Tage wieder äußerst vielfältig ausfällt.
Shoppen im Netz oder ab ins Kino
Sind Sie auch leidenschaftlicher Einkäufer, aber ziehen es vor, dem Getümmel der hiesigen Läden durch bequemes Internetshopping aus dem Weg zu gehen? Wenn ja, dann gehüren Sie wohl auch zu den einsamen Gestalten, die ganz alleine ihre Bahnen durch das World Wide Web ziehen – bis jetzt jedenfalls. Denn die Zeiten, in denen nur über Messenger und Email internetarischer Kontakt aufgenommen werden konnte und das Stübern in virtuellen Geschäften eine eher trostlose und kontaktarme Angelegenheit war, ist, laut Amina Runge, nun endgültig vorbei. “Weblins: Ein Interview mit Christine Stumpf” titelt Frau Runge bereits am letzten Montag und zeigt uns auf, dass es neuerdings auch anders geht. Eigene und frei bewegliche Avatare namens Weblins heißt die Zauberformel, die den Gang in den Onlineshop attraktiver und mitunter auch spannender machen soll. Die Brücke vom “Second Life ins First Life” wird somit, nach Angaben der Mitgründerin der Weblins vollends geschlagen. “Ein Weblin ist sozial, es macht das Internet lebendig, es funktioniert nur mit und durch die Menschen, die mitmachen”, so Frau Stumpf zu dieser Erfindung. Die Autorin hat daraufhin den Selbstversuch gestartet und sich in dieser neuartigen Welt umgesehen. Was sie da so alles erlebt hat, lesen Sie auch in “Als Weblin unterwegs. Drei Interviews.”
Doch flugs zurück ins First Life. Dort wartet Howard Schumann mit einem außergewühnlichen Kinotipp für uns. “’4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage’ – ein Film von Cristian Mungiu“, lautet seine Besprechung des preisgekrünten Werkes des rumänischen Regisseurs, der schon 2005 mit seinem Streifen “Lost and Found” überzeugte. Der 39-jährige Filmemacher entführt die deutschen Kinofans ab 22. November ins moderne Rumänien, doch halt – eigentlich künnte die Geschichte zweier Studentinnen, die auch in Krisenzeiten füreinander da sind, überall spielen. Als Gabita schwanger wird, denkt sie nur an eines – Abtreibung. Doch sie steht der Situation hilflos gegenüber und Otilla nimmt das Vorhaben entschlossen in die Hand. Als sich der Engelmacher Bebe jedoch weigert, die späte Abtreibung einfach so durchzuführen, fassen die Beiden einen gemeinsamen Entschluss und bringen füreinander ein Opfer, wozu nicht jeder für den Anderen bereit wäre… Schumanns Resümee über diesen bis zur letzten Sekunde spannenden Film: “Obschon ’4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage’ die gewaltsame Natur des sozialen Systems und seiner Gesetze schildert, wendet er sich nicht polemisch gegen den Kommunismus oder illegale Abtreibungen; es geht mehr um die Würde zweier Frauen, Freundinnen, die willig sind Risiken einzugehen und sich füreinander aufzuopfern ohne dafür eine Belohnung oder nur ein Dankeschün zu erwarten.”
Gedanken über Demokratie und ein außergewühnlicher Blick auf die Geschichte
Obwohl bei Mungiu das politische Moment nicht im Vordergrund steht, bietet er doch sicherlich eine gute Überleitung zu unserem nächsten Beitrag. Vom Osten Europas geht es deshalb nun in den Westen zu Claus-Dieter Stille, der am Mittwoch schreibt: “Demokratie: Hinsehen, Aufmerken und Handeln“. Schon sein Einstieg lässt erahnen, worauf seine Gedanken hinauslaufen sollen. Denn er beginnt: “Demokratie fällt nicht einfach so vom Himmel. Demokratie muss aktiv gelebt werden. Demokratie ist gewissermaßen etwas, das gleichsam einem empfindlichen Pflänzchen viel Hege und Pflege benütigt. Ein Ammenmärchen? Gewiß: wir Deutsche müssten das eigentlich wissen. Nach zwei Diktaturen” Was folgt, leuchtet ein, den seine These von der gebeutelten Demokratie hierzulande, äußert sich fast täglich in den Nachrichten. Sein Blick ins Parlament lässt dabei nichts Gutes erahnen und verweist hier auf den Artikel des Dortmunder Journalisten, PR-Beraters und Bundestagsabgeordneten Marco Bülow in der SZ, dessen ernüchternder Tenor lautet: “Bundestagsmitglieder haben fast nichts zu sagen.” Doch hinnehmen will er das künftig nicht mehr. Deshalb gilt auch die Aufforderung des Autors an die Leser: Raus aus der “Zuschauerdemokratie” und Demokratie aktiv leben. Das gelte auch für die Presse, die sich derzeit eher durch Weglassung, Desinformation und zuweilen sogar Lügen auszeichnet. Ein äußerst lesenswerter Beitrag, der mit Sicherheit auch Inspiration für jeden Einzelnen gibt. Doch, wie das “Handeln2 letztlich aussehen soll, darüber müsste sich wohl jeder selbst Gedanken machen.
Bleiben wir bei Politik und Geschichte oder bewegen wir uns nun eher auf kulturellem Boden? Die Überschrift von Edgar Klüsener am gestrigen Donnerstag lässt uns darüber zunächst im Unklaren. “Hommage für einen Tisch” ist da zu lesen. Ist das, was nun folgt eine kunstgeschichtliche Abhandlung über ein Mübelstück in der altehrwürdigen Chetham Library in Manchester oder geht es vielleicht doch um viel mehr? Richtig liegt, wer schon an dieser zugegeben sehr rhetorisch gestellten Frage, den Mehrwert dieser Zeilen erkennt. Denn unser Autor befindet sich an einem denkbar historischen Mübel, von dem nicht nur er sich wünschte, dass dieses aus seiner Vergangenheit erzählen künnte. Doch Klüsener tut uns den gefallen und schildert stellvertretend für das Objekt die Geschehnisse vor 150 Jahren auf sehr poetische Weise. Denn auf dem edlen Holz haben schon ganz andere gearbeitet: Namentlich Karl Marx und sein Freund Friedrich Engels. “(…) an diesem Tisch ist Geschichte geschrieben worden, sind Sätze auf Papier gebannt worden, die Europa, die Welt bewegt haben”, so läutet der Autor ein. Was folgt, ist ein Einblick in die Geschichte, wie er origineller nicht sein künnte und daher unbedingt empfehlenswert ist.
Mit Kunst ins Wochenende…
Dass ein Forscherleben in der Antarktis sehr trist, düster, kalt und vor allem sehr eintünig werden kann, das dürfte wohl jedem klar sein, der schon die ein oder andere Reportage zu diesem Thema gesehen oder gelesen hat. Sicher, die wissenschaftliche Arbeit ist spannend, doch was tun, wenn die Männer und Frauen in der eisigen Einsamkeit nach Zerstreuung suchen? Lesen wäre eine Müglichkeit, Brettspiele eine andere. Doch die Mannschaft der uruguayanischen Station Artigas wählen derzeit einen anderen Weg. Waldemar Cono Fontes Reyes, selbst Teil der Besatzung, berichtet in “Kunstausstellung in der Antarktis – Inspiration durch die Polarnacht” vom kreativen Schaffen von fünf selbsternannten Künstlern, die mit einfachsten Mitteln das Leben auf King George Island einfangen wollen. Malerei und handwerkliche Arbeiten haben sie zusammengetragen, ein Gebäude extra für ihre Ausstellung “Ostara 2007″ renoviert und das Ganze auch noch entsprechend in Szene gesetzt. “Durch Kunst künne Stress in einer produktiven Art und Weise verarbeitet werden (…)”, so schreibt der Autor. Und bei einem Blick in die kleine Bilderserie wird schnell klar: Forschung und spielerische Kreativität müssen sich nicht unbedingt ausschließen.
Mit dieser Erkenntnis, die uns selbst und vielleicht auch Ihnen, liebe Leser, zur Inspiration dienen künnte, verabschieden wir uns in das wohlverdiente Wochenende. Und auch, wenn es bei Ihnen stürmen oder gar schneien sollte, verkriechen Sie sich nicht hinter dem Ofen, sondern bleiben Sie aufmerksam und kritisch. Die Redaktion der Readers Edition freut sich auf Ihre erwärmenden Gedanken.
Ihre Redaktion Readers Edition
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