Von der Schlachtbank in den Karton?

Gestern streikte wieder die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Dass die GDL innerhalb der Deutschen Bahn AG nur eine einzelne Sparte vertritt, veranlasste Maybrit Illner offenbar ihre abendliche ZDF-Talkshow unter das Motto “Arbeitskampf als Ego-Trip?” zu stellen. Gekommen waren die Schriftstellerin Daniela Dahn, der stellvertretende Vorsitzende der GDL, Claus Weselsky, Klaus

Wie die Schafe zur Schlachtbank?Gestern streikte wieder die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Dass die GDL innerhalb der Deutschen Bahn AG nur eine einzelne Sparte vertritt, veranlasste Maybrit Illner offenbar ihre abendliche ZDF-Talkshow unter das Motto “Arbeitskampf als Ego-Trip?” zu stellen. Gekommen waren die Schriftstellerin Daniela Dahn, der stellvertretende Vorsitzende der GDL, Claus Weselsky, Klaus Wiesehügel, von der IG Bauen-Agrar-Umwelt, Laurenz Meyer (CDU) und Florian Gerster, Präsident des Arbeitgeberverbandes der Privaten Postzusteller.

Ego-Trip als Grundprinzip des Kapitalismus?

Ungeachtet dessen, dass es sicher vernünftiger wäre, alle bei der DB AG Beschäftigten würden von einer starken Gewerkschaft vertreten, stellt sich freilich die Frage, wie es zu solchen bei Illner “Ego-Trips” genannten Arbeitskämpfen im Alleingang kommt. Bei der GDL sind sicher die Gründe in den teils anders gelagerten Interessen der anderen Bahngewerkschaften GDBA – vor allem aber – der Transnet zu suchen. Letztere dürfte sich ihren fast reibungslos erstrittenem Tarifvertrag wohl damit “erkauft” haben, weil deren Vorsitzender Hansen Bahnchef Mehdorn brav bei dessen – nebenbei bemerkt für unser Gemeinwesen vüllig unakzeptablen, weil Verschleuderung von Volksvermügen bedeutenden – Bürsenplänen unterstützt.
Gilt denn nur noch das Motto “Jeder ist sich selbst der Nächste”, fragte Frau Illner. Wenn das wirklich so wäre, dann fragt sich auch: Woher kommt solches Denken eigentlich? Liegt einer solchen Einstellung nicht sogar das Grundprinzip des ungebremsten Ur-Kapitalismus zugrunde? Eines Raubtier-Kapitalismus, wie er sich offensichtlich nach dem Bankrott des falschen Sozialismus krakenartig und zunehmend immer unverschämter agierend breit machen konnte. Und inzwischen nur deshalb abermals frühliche Urständ feiern kann, weil er dabei ist, das bisher erfolgreich praktizierte Modell “Soziale Marktwirtschaft” plattzumachen, dessen entgültiges Aus er vielleicht schon vor den gierigen Augen hat.

Gegen Dumping- und Hungerlühne

Die politisch-sozial engagierte Schrifstellerin mit DDR-Wurzeln, Daniela Dahn nannte die Ergebnisse dieser “neuen” kapitalistischen Gangart: “Reiche werden immer Unverschämter – Arme immer Verschämter.” Und Gewerkschafter Klaus Wiesehügel (SPD) wies auf eine Müglichkeit hin, diesen gefräßigen Kapitalismus wenigstens wieder etwas an die Kandarre zu nehmen. Denn es gibt nicht nur Beschäftigte, die letzter Zeit enorme Reallohnverluste verkraften mussten, sondern auch vermehrt solche, die unter Dumping- und Hungerlühnen, bei gleichzeitig hüher werdenden Kosten zum Lebensunterhalt zu leiden haben. Der IG-Bau-Chef sprach sich für Einführung eines Mindestlohnes aus, wie es ihn in seiner Branche inzwischen bereits gibt.
Speziell mahnte er den Mindestlohn auch für die Beschäftigten der privaten Brief- und Zustelldienste an. Das leuchtet ein. Denn, wer kann schon von “Lühnen” von 1000, 900 oder gar noch weniger Euro im Monat existieren, geschweige denn eine Familie ernähren? Bei der Deutschen Post sind unterdessen Mindestlühne vereinbart.

Dubiose Gewerkschaft demonstriert gegen Mindestlohn

Deren Konkurrenten, wie etwa die PIN Mail AG, halten nichts davon. Mitglieder der quasi über Nacht aus dem Hut gezauberten Gewerkschaft der Neuen Brief- und Zustelldienste (GNBZ) gingen sogar kürzlich gegen den Mindestlohn auf die Straße.
Es bestehen allerdings große Zweifel, ob es sich bei der GNBZ wirklich um eine richtige Gewerkschaft handelt. Ein im Maybrit-Illner-Studio anwesender bei verd.i organisierter Betriebsrat der PIN Mail AG, hält die GNBZ für ein in Wirklichkeit von den Arbeitgebern geschaffenes Konstrukt. Ähnlich der “Gewerkschaft” AUB im Hause Siemens. Klaus Wiesehügel kennt solche zahmen arbeitgeberfreundlichen “gelben” Gewerkschaften aus Mexico. Auch der Fachsekretär für die neuen Briefdienste beim ver.di-Landesvorstand Berlin-Brandenburg sieht die GNBZ in einem Gespräch mit “Neues Deutschland” (heute) kritisch: “Die ganze Gründungsgeschichte ist dubios”. Mitgliedsbeiträge künnten erst Ende des Monats eingehen, aber es gäbe schon Büros, hauptamtlich Beschäftigte und sogar einen Vorstand. Dabei wählen Gewerkschaften normalerweise ihre Vorstände auf Delegiertenkonferenzen, zu denen sechs Wochen vorher eingeladen wird.

Florian Gerster: rote Ohren statt Aufklärung

Die bestehenden Zweifel konnte auch der Arbeitgeber-Präsident der privaten Postfirmen, Florian Gerster nicht ausräumen. Er bekam nur rote Ohren. In dem Moment bedauerte man, dass er an keinen Lügendedektor angeschlossen war… Jedenfalls sollen die ersten Informationen über die neue Gewerkschaft ausgerechnet von ihm gekommen sein! Florian Gerster hatte von 1974 – 2004 zahlreiche Ämter auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene inne. Der “falsche Sozialdemokrat”, wie ihn einige nennen, der die Bundesanstalt für Arbeit, wie es hieß, gleich einem kleinen “Sonnenkünig” und ziemlich unsensibel als Vorstandsvorsitzender regierte, stolperte über nicht üffentlich ausgeschriebene Beraterverträge und verlor sein Amt. Später schrieb er u.a. Bücher, wie “Die Dimension des Sozialen muss kleiner werden” und “Gesellschaft mit beschränkter Haftung – Gewinner und Verlierer im Sozialstaat”. Gerster ist ein strammer Verfechter von Schrüders Agenda 2010 und Mitbegründer der “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft”.

Steter Tropfen hühlt das Soziale

Das hürt sich nach einer tollen Organisation an, die uns in eine gerechte, soziale Gesellschaft mit stabiler wirtschaftlicher Zukunft zu führen gedenkt, ist aber so ziemlich das Gegenteil davon. Jedenfalls, was das Soziale angeht. Der von der Wirtschaft gesponserte Verein tritt Kampagnen los und liefert druck- und sendefertige Beiträge in Redaktionsstuben und an elektronische Medien, worin einer effizienteren Wirtschaft, dem schlanken Staat und dem selbst vorsorgendem Bürger das Wort geredet wird, und das Soziale nur als lästiger Kostenfaktor vorkommt. Das alles ist nicht so plump gemacht, wie die letzten Endes gefloppte Du-bist-Deutschland-Kampagne. Wirkung tritt durchaus ein. Denn es wird listig nach der Methode “Steter Tropfen hühlt den Stein” verfahren.

Wie die Schafe zur Schlachtbank

Vieles von dem und anderen frei nach diesem Gusto Abgesonderte hat im Verlaufe der letzten Jahre seine Wirkung im Volke nicht verfehlt. Nicht wenige Menschen wagen kaum noch etwas zu fordern. Vom Arbeitgeber. Vom Staat. Die Gewerkschaften haben die verhängnisvolle Entwicklung verschlafen oder aus falscher Rücksichtnahme zu lange zugewartet, verloren deshalb viele ihre Mitglieder an die Arbeitslosigkeit und wurden so geschwächt. Natürlich wäre auch zu fragen, warum sich die Menschen in Deutschland so viel gefallen ließen, und sich im Grunde genommen – geduldig wie die Schafe – zur Schlachtbank führen ließen. Der Antworten wären viele.

Dahn: Rappeln im Karton nütig

Dass trotz Ärgers über den Bahnstreiks die Sympathie für die Lokführer noch groß ist, künnte damit zu tun haben, dass viele Menschen insgeheim Freude darüber empfinden, dass endlich einmal eine Gruppe gegen Mißstände aufsteht. Es künnte andere ermuntern auch etwas zu tun. Das hofft offenbar auch Daniela Dahn. Zum Ende der Sendung sagte sie in Anspielung auf die anfangs der Talksshow von Maybrit Illner gemachte Bemerkung, die GDL streike auch, damit ein bisschen mehr Geld in deren Lohntüte raschele, sinngemäß: Eigentlich wäre es an der Zeit, dass es angesichts der Zustände in Deutschland einmal richtig rappele im Karton. Daraufhin schaute Laurenz Meyer ein bisschen besorgt drein. Und die Ohren Florian Gersters glühten nun feuerrot…

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