Der Blick vom Galataturm über die Stadt Istanbul, aufs Goldene Horn, über das unendlich anmutende Häusermeer der auf zwei Kontinenten fußenden Millionenstadt, die gen Himmel ragenden Minarette, bis hin zum Bosporus weit draußen, ist einzigartig schün. Doch er verklärt auch. Denn die Betrachter – in der Mehrzahl Touristen aus aller Welt – sind dort oben in luftiger Hühe ein wenig abgehoben vom vor Menschen nur so wimmelnden Moloch zu ihren Füßen. Es weht eine erfrischende Brise. Der chaotische Verkehr samt Abgasgestank sind fern. Das nie ersterbende Lärmen der Stadt erreicht die Aussichtsplattform nur als Dauerrauschen. Man sieht Istanbul und es ist wahr, doch das wahre Istanbul bleibt einem verborgen. Das ist es viel zu facettenreich. Hübe man sich aber ab vom Galataturm und flüge geschärfteren Blickes über die riesige Metropole hinweg, ließe die Postkartenmotive des alten und die Hightech-Fassaden des modernen Istanbul hinter sich und stieße stattdessen wo anders wieder herab – man bekäme anderes unter die Füße, träfe auf andere Welten…
Beispielweise die archaische, arme Anatoliens. Eine Gesellschaft von Dürflern, die Arbeit und Glück in Istanbul suchen.
Sinnloser Terror
Darunter viele Kurden. Von insgesamt 30 Millionen Kurden leben allein 14 Millionen in der Türkei. Viele dieser Kurden wurden vom Jahrzehnte währenden Krieg zwischen der PKK und dem türkischen Staat vertrieben. Nicht selten wurden sie Opfer der PKK und der Armee. Schließlich sympathisiert nicht jeder Kurde automatisch mit der PKK. Im Inneren der Türkei führte die PKK einen Krieg gegen die Regierung, um mehr Freiheit und Rechte für die Kurden, der jedoch letztlich immer nur Tod und Leid für beide Seiten brachte. Seit 1984 starben 37 000 Menschen. 3000 Dürfer zerstürte die türkische Armee, um der PKK jeglichen Halt zu entziehen. PKK-Chef Abdullah Öcalan wurde verhaftet, vor Gericht gestellt. Er erhielt die Todesstrafe, die unterdessen in eine lebenslange Haft umgewandelt wurde, die der Kurdenführer auf der Marmara-Insel Imrali absitzt. Die meisten PKK-Kämpfer haben sich seitdem in die Kurdengebiete des Nordirak zurückgezogen. In letzter Zeit dringen PKK-Separatisten aber wieder üfters von dort auf türkisches Staatsterritorium vor und verüben tüdliche Anschläge. Zuletzt griffen in der Nacht zum vergangenen Sonntag in der Provinz Hakkari zwischen 100 und 200 PKK-Terroristen türkische Soldaten auf zwei befestigten Hügeln mit schweren Waffen an. Andere PKKler sprengten eine Brücke, um die 120 angegriffenen Soldaten von eventueller Verstärkung abzuschneiden. Es starben 12 Soldaten, 16 wurden verletzt. Andere sollen von den kurdischen Terroristen entführt worden sein. Die türkische Armee griff die PKKler mit Hubschraubern, Kampfflugzeugen und Artillerie an, um ihnen den Rückweg zur fünf Kilometer entfernten Grenze zu versperren. Dabei sollen 32 PKKler ums Leben gekommen sein. Flammt der sinnlose Terror wieder auf?
Erdogan von PKK-Terror unter Druck gesetzt
In der türkischen Gesellschaft brodelt es. Wie viel unschuldige Tote soll es noch geben? Das fragen inzwischen nicht nur die Hinterbliebenen getüteter Armeeangehüriger. Ein hartes Durchgreifen seitens des Militärs wird gefordert. Da und dort wird die nationale Karte gezückt. Die ansonsten glücklose Oppositionspartei CHP (Republikanische Volkspartei) versucht aus der Krise politisches Kapital zu schlagen. In 13 Städten der Türkei gingen die Menschen auf die Straße. Auf dem Taksim-Platz in Istanbul verlangte die Menge gar die gewählten kurdischen DTP-Abgeordneten aus dem Parlament zu entfernen. Der aus den letzten Wahlen gestärkt hervorgegangene Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan geriet durch die terroristischen Anschläge der PKK-Separatisten unter Druck. Andererseits muss er dem Militär gegenüber eine gut Figur machen. Zwar fordert Erdogan seit langem schon vehement die quasi als Schutzpatron der Kurden im Nordirak auftretenden USA auf, dem Treiben der PKK endlich Einhalt zu gebieten. Jedoch blieb diese berechtigte Forderung bis heute unerfüllt. Inzwischen beschloss das türkische Parlament, die Regierung zu ermächtigen, die Armee in den Nordirak einmarschieren zu lassen, um PKK-Stellungen anzugreifen.
Die Türkei zeigt sich kampfbereit
Die USA baten die Türkei mit einem solchen Schritt noch zu warten. Offenbar will man nun doch etwas gegen die PKK unternehmen. Aber auch aus dem eigenen Land kommen Warnungen. Der ehemalige Botschafter der Türkei im Irak, Sünmez Küksal, etwa erinnerte an frühere Versuche, der PKK im Nordirak Herr zu werden. Während die türkische Armee die Berge bombardierten, hätte die PKK 20 Meter unter der Erde in ihrem perfekten Verstecken musiziert. In der Tat brächte ein solcher Einsatz kaum etwas. Das Gebiet ist äußerst unzugänglich. Und die Kurden, kennen sich seit eh und je in den Bergen aus. Ein kurdisches Sprichwort kündet davon: “Die Berge sind unser einziger Freund”. Womüglich verübten die PKK-Terroristen den Anschlag auch, um die Türken zum Einmarsch zu provozieren. Die Situation ist jedenfalls brenzlig. Die türkische Armee zieht seit Tagen Truppen an der Grenze zum Irak zusammen. Und von der Militärbasis Diyarbakir starten vermehrt Kampfjets.
Noch stehen die Zeichen auf Diplomatie und kleine Nadelstiche
Heute reiste der türkische Außenminister Ali Babacan nach Bagdad, um mit seinem irakischen Amtskollegen Hoschjar Sebari und dem irakischen Präsidenten Dschalal Talabani über die Krise zu sprechen. Die Türkei lehnt die Vereinbarung einer Waffenruhe mit einer Terrororganisation wie der PKK ab. Bagdad verspricht laut jüngsten Agenturmeldungen den Türken Beistand gegen die PKK. Sollten dieser Bekundung keine Taten folgen, dürfte die Türkei vor einem Einmarsch erst zu anderen Mitteln greifen. Beispielsweise künnte die Türkei den Kurden im Nordirak die Elektrizitätslieferungen kürzen, bzw. verteuern. Schließlich kostet der türkischen Industrie eine Kilowattstunde 9,2 US-Cent (6,4 Eurocent), den Kurden dagegen nur 4,2 US-Cent. Auch, heißt es, künne am täglich von ca. 2500 LKW frequentierten Grenzübergang Harbur, die Bürokratie zunehmen. Oder türkische LKW’s künnten über Syrien in den Irak geschickt werden. Das gefiele sicherlich Kurdenführer Massud Barsani und 118 Unternehmern aus seinem Umfeld gar nicht. Barsani selbst soll nämlich an jedem LKW im grenzüberschreitenden Verkehr 100 US-Dollar verdienen. Es scheint, dass die türkische Regierung zunächst weiter auf diplomatische Bemühungen setzt. Jedenfalls äußerte sich Ministerpräsident Tayyip Erdogan heute beim Besuch seines britischen Kollegen Gordon Brown in London in diese Richtung. Sollte allerdings die PKK weitere Anschläge in der Türkei verüben, nähme der Druck auf die Regierung in Ankara dermaßen zu, dass ein Einmarsch in den Nordirak früher oder später unvermeidlich würde.
Erdogans Trumpf
Vom Galataturm aus gesehen sind all die Probleme klein und fern. Vielleicht auch gar nicht da für manchen. Die Touristen fahren sowieso wieder nach Hause. Da sehen sie sich dann die schünen Bilder an. Von Istanbul. Vom Goldenen Horn. Aber unten in der Stadt, im ganzen Land am Bosporus, da brodelt es in diesen Tagen. Nicht nur in den Küpfen. Hier da entlud sich die Wut auf PKK-Terror bereits. Büros der prokurdischen Partei für eine demokratische Gesellschaft (DTP) wurden angegriffen. Türken und türkische Kurden sollten sich indes einig sein: jeglicher Terror ist von Übel. Und US-Präsident Bush sollte Worten endlich Taten folgen lassen. Etwas Hoffnung besteht allemal: Handelt er nicht, droht auch noch der halbwegs stabile Nordirak in Chaos und Gewalt zu versinken. Die Türken jedenfalls werden weiter Druck machen. Schon deshalb, weil die Sicherheit im eigenen Land auf dem Spiel steht. Anfang Novemeber trifft sich Erdogan in Washington mit Bush. Erdogan hat noch einen Trumpf im Ärmel: Das Gros des US-amerikanischen Nachschubs für den Krieg im Irak wird über die Türkei abgewickelt…
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Der Artikel beleuchtet gelungen die verschieden Facetten, in denen heutiges türkisches Leben pulsiert. Blickt man noch etwas tiefer, wird man ernüchtert feststellen, dass die Türkei selbst nicht wenige seiner Probleme mitgeneriert hat.
Politisches Lüsungshandeln hat über Jahrzehnte in einer Stagnation gesteckt, aus der man sich nun mit Hilfe eines müglichen Krieges zu entstricken sucht.
Die Türkei muss erkennen, dass nicht nur ihre Bündnispartner in einer gewissen, aber nicht uneingeschränkten Abhängigkeit zu ihr stehen, sondern vor allem die Türkei selbst auch in hohem Maße paktgebunden ist.
Mit ihrem vermeintlichen ius ad bellum würde sie sich auch im eigenen Land Unzufriedene schaffen, allem voran die Wirtschaft. Inzwischen herrscht ein derart reges und dicht verflochtenes, reziprokales Wirtschaftstreiben zwischen dem kurdischen Nordirak und türkischem Unternehmertum, dass dieses prosperierende Netz durch einen Einfallskrieg in fremdes Staatsterritorium zerstürt würde. Auch zum Schaden abertausender türkischer Unternehmer und Wirtschafttreibender. Allein tausend türkische Baugesellschaften operieren im Nordirak im Rahmen von Mega-Projekten, die gehobeneren Supermärkte verkaufen Waren aus der Türkei, das Transportwesen erlebt einen nie zuvor dagewesenen Aufschwung, etc.
Die Hintergründe für diese Kriegsidee gegen die PKK liegen vielschichtig und tief. Was man in jahrzehntelangen vergeblichen Strategien nicht geschafft hat, nämlich des PKK-Terrorismus ledig zu werden, wird auch einem emotional geführten Coup über fremde Grenzen hinweg nicht gelingen. Eine Alternative wäre eine politische Strategie der Vernunft auf der Basis demokratischer Überlegungen, nämlich wie ein bislang ungeliebtes und geknechtetes Staatsbürgervolk erfolgreich in den Staatsverband zu integrieren sei, damit der Terrorismus keinen Boden mehr hat, sich über nicht wegleugenbare Missstände zu autorisieren.