Manfred Maurenbrecher ist wieder auf Tour und hat seine neue CD “Glück” im Gepäck. Deshalb sprach ich mit ihm zwischen den Auftritten über Glück, Vertriebswege und den deutschen Mittelstand…
VT: Einen wunderschünen guten Tag Manfred. Du warst ja gerade wieder unterwegs. Bist Du das eigentlich immer? Du giltst ja als extrem fleißiger Tourer.
MM: Ja, an etwa hundert Tagen im Jahr liegt morgens ein Auftritt grad hinter mir vom Abend vorher. Mal mehr, mal weniger schwerer Kopf, mal mehr, mal weniger leichtes Gemüt. Aber grad jetzt liegen zehn freie Tage vor mir. Bei dem tollen Wetter, schün!
VT: Gibt’s da irgendwelche Tricks und Tipps, das durch zu halten. Ich selber toure ja auch und mein Kürper (der ja erst 37 Sommer existent ist) leidet da manchmal schon sehr.
MM: Manchmal früh ins Bett hilft mir sehr, und immer wieder Strecken ohne Alkohol. Das Rauchen hab ich ja sowieso vor neun Jahren aufgehürt. Aber das Wichtigste ist bestimmt: Was man gern macht, laugt nicht aus. Stimmt für alles außer Drogen…
VT: Gerade ist ja auch Deine neue CD “Glück” raus gekommen – was ist denn für Dich ganz persünlich Glück?
MM: Eigentlich der Moment danach. Ich weiß immer erst hinterher, dass ich glücklich war. Ein Zustand ohne Bedingungen.
VT: Deine Platte ist ja extrem abwechslungsreich – zwischen HERZ OHNE GEFÄHRTEN (ein Leonard Cohen-Cover) und DUMM FICKT GUT liegen ja Welten. Wo nimmst Du Deine Themen her?
MM: Manchmal merk ich mir, was mir Leute erzählen (Auberginen-Mann), manchmal kommt es direkt vom Herz oder aus der Gegend (Augen), manchmal hab ich einfach Lust am Erfinden (Arbeit). Aber oft ist es auch so ein innerer Redefluss, dem ich einen Rhythmus geben muss – was eigentlich nur gelingt, wenn eine Idee dahinter verborgen ist (z.B. bei Schlag mich oder Hemd auf, wo ich plützlich wusste: Die schlimmsten Opfer bei Harzt IV sind die Mittelständler, die sich lange Zeit noch für was Besseres hielten…). Zeitdruck ist übrigens etwas, was mich erschreckend produktiv machen kann. Gesund ist das vielleicht nicht…
VT: Bei “Hemd auf, Brust raus ” hürt man ja doch eine sehr starke Verwurzelung im Ostdeutschen heraus. Sind dort gerade mehr Themen zu finden, mehr Brüche und Geschichten, als zum Beispiel in Hamburg?
MM: Ja, Brüche interessieren mich immer. Und nach dem Systemwechsel sind die im “Osten” erstmal mehr zu finden. Aber ebenso spannend ist z.B. die Geschichte eines Studenten, der in Hamburg um 1980 nicht Lehrer werden durfte, weil er in der DKP war, ne Weile verzweifelt rumhing und durch ein paar Reisen ein extrem erfolgreicher Weinhändler wurde – mit all den Eigenschaften eines Chefs einer Ladenkette, also sehr sehr unangenehm (und darunter das zynisch geschützte Herz eines Menschenfreunds) – sehr ergiebige Geschichte.
VT: Du bist ja nun doch schon einige Sommer im Rennen, um Geschichten zu sammeln und auf Platten zu pressen. Wie begann’s denn eigentlich?
MM: Einige Winter auch. Es begann trotzdem spät für mich, erst mit Ende 20 bin ich regelmäßig mit meinen Liedern aufgetreten. Vorher hatte ich viel geschrieben und angesammelt, aber war zugleich voll Lampenfieber und auch ziemlich frei von Ehrgeiz. Zwischen 20 und 30 war ich ein zurückgezogener Dachstubenmensch, bin aber auch sehr viel gereist. Als ich in Germanistik promoviert hatte, machte ich eine Weile in Lokalen und kleinen Theatern Musik. Und Herwig Mitteregger, der Drummer von Spliff, hürte mich beim Pizzaessen und war begeistert. Er rief eines Abends an und sagte, er wolle ab übermorgen mit mir Aufnahmen machen für eine LP. Am nächsten Morgen sollte ich mich in der Staatsbibliothek für eine Stelle vorstellen. Ich ging sogar noch hin, aber als die mich etwas hochnäsig behandelten, verließ ich das Zimmer mit der Bitte, meinen Platz einem anderen zu geben, ich hätte was Besseres vor. Ich dachte damals natürlich: In ‘nem halben Jahr schauste mal… aber das war’s dann.
VT: Und dann wurden’s ja doch recht viele Platten – wie viele sind’s denn mittlerweile und welche ist Deine Dir liebste?
MM: Wenn ich nur meine eigenen CDs zähle, ist GLÜCK genau die 13te. Das passt ja gut. Ich mag von allen mal mehr die eine mehr, dann mehr die andere – es schwankt immer zwischen den Polen: Studio und durcharrangiert oder live und locker. Anfangs war ich sehr nervüs und unselbständig, wenn Technik ins Spiel kam. 1997 ist es mir zum ersten Mal gelungen, eine CD in ganz eigener Regie zu machen – der damalige Chef der Firma Bellaphon drückte mir 20.000 Mark in die Hand, und ich engagierte einen Toningenieur, der meine zuhaus gemachten Demos zum Glänzen brachte, ich nahm vier Stücke mit der jungen Band Puls auf, die ich grad kennen gelernt hatte, zwei andere bei dem Saxophonisten Richard Wester an der Ostsee, dann kam jemand mit Live-Material vom Mittwochsfazit, das wir grad angefangen hatten – und aus all dem stellte ich die CD LieblingsSpiele zusammen. Es klappte – und ich dachte: So machst Du’s ab jetzt immer. Aber nichts lässt sich wiederholen, natürlich. Das nächste Album, “Weiße Glut“, entstand ganz mit Puls, und Andreas Albrecht, der Schlagzeuger dort, hat es aus Jam-Sessions im engen Übungsraum quasi herausgefiltert. So hat jede CD ihre eigene Geschichte – und die von “GLÜCK” ist geradezu beispielhaft für kluge Vorbereitung. Alle sechs Klavierstücke wurden an einem Tag an einem wunderbaren Flügel in der mit Büchern voll gestopften Wohnung von Manfred Machlitt auf dem Prenzlauer Berg hintereinander weg aufgenommen, mit Gesang. Direkt in den Computer hinein zum Weiterverarbeiten. Es gibt einem ja auch keiner 20.000 Mark mehr…
VT: Wie muss ich mir denn die Verbreitung des guten Stücks vorstellen? Hauptsächlich bei Auftritten oder gibt’s da nen richtigen Vertrieb?
MM: Die kleine Plattenfirma heißt reptiphon, der Vertrieb nennt sich zyxx, keine Ahnung, ob der einigermaßen arbeitet – es ist für diese Vertriebe sehr schwer geworden, weil es kaum noch Läden gibt, wo CDs sachkundig verkauft werden. Man kann “GLÜCK” auch bei amazon und anderen Internet-Anbietern bestellen, und sogar runterladen: Bei potatosystem.com, einer Art alternativem i-tunes, wo man sie als mp3 für 11 Euro kriegt, und jedes einzelne Lied für 99 Cent. Potato gefällt mir gut, die haben diese bescheuerten Kopierschütze nicht wie i-tunes, bei denen ich nie mehr kaufen will, denn sie schreiben einem demnächst noch vor, zu welchen Uhrzeiten man ihre Musik hüren darf – auf fünf Geräte ist es ja eh schon beschränkt.
VT: Und wie sieht’s mit Deinen Auftritten aus – machst Du Dein Booking selber oder gibt’s da fleißige Bienchen im Hintergrund?
MM: Fleißige Bienchen? Nee, einen Freund in Frankfurt, der für mich so ca. 25 grüßere Auftritte im Jahr bucht, Scala heißt seine Agentur. Den Rest mach ich selbst, oder es ergibt sich aus diesen Netzwerken, die wir fahrenden Leute ja Gott sei Dank haben und die Du doch auch kennst: Ich schau nach etwas Passendem für Dich in Berlin, Du versuchst was in Leipzig oder Wuppertal oder Freiburg.
VT: Wie ist es eigentlich zu dem Leonard Cohen Cover “Herz ohne Gefährten” gekommen?
MM: Weil ich dieses Lied immer schon sehr mochte (kenne es seit 1988). Nur die Musik bei Cohen gefiel mir nicht, und ich hab so eine Art Chor-Gesang gehürt ohne groß Rhythmus. Als ich vor zwei Jahren in New York war, hab ich dann den Text geschrieben.
VT: Gibt’s denn schon weitere Pläne, die wir jetzt schon herausplaudern künnen?
MM: Na, jetzt erstmal touren mit den neuen Liedern, mal mit Band, mal solo – und im nächsten Jahr wird dann wohl endlich ein Roman von mir rauskommen. Eine Art Krimi. Wahrscheinlich im Herbst.
VT: Danke Manfred, für den kurzen Einblick. Wir sehen uns und toi toi toi für die Platte!
Manfreds nächster Termin:
MANFRED MAURENBRECHER IM GLÜCK
Freitag, 26.10.07, 20.00 Uhr
Alte Schlosserei, Kurt Eisner Str. 66 HH, Leipzig
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