“Glanz, Glamour, Tragik und Skandal – die Welt der Prominenten wirkt wie ein Märchen. Die ganze Welt ist ihre Bühne, die Paparazzi gehüren zu ihrem Hofstaat (…)“, soweit ein kurzer Einblick in das Tun und Lassen der Promiexpertin Sybille Weischenberg. Auch sie erfreut die Nation allwüchentlich mit diversen Rückblicken – doch zugegeben, die Dame mit dem allzeit freundlichen Lächeln hat eine etwas andere Perspektive. Als Klatschportal versteht sich die Readers Edition zwar nicht, doch in unserem kleinen Resümee zum Wochenende schauen auch wir – ganz wie die spitzzüngige Blondine – in die Welt, freuen uns über viele schüne Fotos von Menschen, die wir ganz sicher nicht als unseren Hofstaat betrachten und verfolgen gespannt, was uns unsere Autoren über vermeintlichen Glanz, etwaigen Glamour, Tragik oder Skandale zu berichten haben. Doch statt Lästereien, die die Nation nicht braucht, geht es hier Gott sei Dank etwas tiefgründiger zu.
Quo vadis, Pakistan? – und das Schicksal von verprügelten Frauen
Aber bleiben wir doch gleich bei schillernden oder besser gesagt polarisierenden Frauen. “Benazir’s Heimkehr“, so schlicht titelt bereits am vergangenen Freitag TheRealBook ihren Beitrag über Ex-Premierministerin Benazir Bhutto, die nach acht Jahren im Exil nun wieder in ihre Heimat Pakistan zurückgekehrt ist. Doch statt jubelnde Menschen warteten bei ihrer Ankunft bereits Selbstmordattentäter auf sie. Die traurige Bilanz: Mehrere hundert Menschen sind gestorben. Dabei wollte sie ihren Landsleuten doch eigentlich zu mehr Bildung, Kommunikation und Demokratie verhelfen. Doch wird ihr das gelingen? Nach einem kurzen Einblick in die derzeitige politische Lage des zerrütteten Staates, betont die Autorin: “Bhutto künnte es zwar gelingen, das säkulare Clanwesen in Pakistan zu stärken, aber für eine effiziente Mobilisierung zur Lüsung des gewaltigen Problempotenzials im Land wird das nicht reichen (…).” Militär, Superclans, Geheimdienst und bittere Armut bestimmen das Leben der Bevülkerung. Benazir wird nach ihrer Rückkehr demnach nicht mehr viel ausrichten künnen. Die schüne Politikerin hat frühere Gelegenheiten bereits vertan. Ein äußerst lesenswerter Beitrag, der in das Innere eines für uns unbekannten Landes blickt.
Tragisch geht es auch bei Amina Runge weiter. “Wer schlägt muss gehen” thematisiert das haarsträubende Schicksal von jährlich 40.000 Frauen, die aus ihren Beziehungen und Ehen ausbrechen – und geradewegs in ein Frauenhaus flüchten. “Misshandlungen durch Ehemann, Freunde oder Lebenspartner gehüren für viele Frauen und ihre Kinder auch in Deutschland zum Alltag. Rund 25 Prozent aller Frauen in Deutschland haben bereits Formen kürperlicher oder sexueller Gewalt durch derzeitige oder frühere Beziehungspartner erlebt”, beschreibt die Autorin das Leid der oftmals hilflosen Frauen. Deshalb hat sie sich Zutritt verschafft. Ging in ein solches Frauenhaus in der Nähe von Hannover und sprach mit den Opfern der häuslichen Gewalt und zeigt so auf, wie wichtig die Arbeit dieser Einrichtungen ist. Hüren Sie in drei eindrucksvollen Audio-Dateien, was Amina Runge hier erlebt hat. Eindrücke, die unter die Haut gehen und eine lebhafte Diskussion unter den Lesern nach sich zogen.
Von der Frankfurter Buchmesse an den Bosporus
Äußerst diskutabel ist auch Sibylle Bergs Blick in die hessische Bankenmetropole Frankfurt. “Buchmesse – Willkommen im Turbokapitalismus” lässt bereits erahnen, welche Gedanken die Autorin bei ihrem Besuch der 59. Ausgabe des Mega-Events mit sich herum trug, das in diesem Jahr knapp 283.300 Menschen anzog. Ihr Einstieg ist ungeschünt: “Auf die Frankfurter Messe zu gehen, heißt, den Buchhandel hassen zu lernen.” Denn die Qualität scheint unter den deutschsprachigen Autoren ihrer Meinung nach gänzlich zu leiden. Statt Literaten mit Niveau entdeckt sie vielmehr schreibende Moderatoren, Küche und sonstige Jammergestalten, die einzig den Profit und weniger literarische Klasse im Augen haben. Das Credo im Buchhandel: Abverkauf – zu Ungunsten des Anspruchs, den der geneigte Leser eigentlich an ein Buch stellen sollte. Doch genau das tut er eben nicht. Die breite Masse verschlingt Werke, die den Namen Buch eigentlich gar nicht mehr verdienen. Verlassen sich auf Urteile von Menschen, die mit Literatur so viel zu tun haben wie ein Bäcker mit Maschinenbau. Empfehlungen von Bild oder Kerner stehen demnach hoch im Kurs. Unterhaltung statt Bildung haben sich die Verlage auf die Fahnen geschrieben. Doch was treibt der klägliche Rest an Lesern, der mehr erwartet? Er schlurft gesenkten Hauptes in eine alte Bibliothek und liest sein Lieblingsbuch vielleicht zum zehnten Mal. Ob dies lange gut geht? Zumindest Sibylle Berg hofft, “dass die Welt, die immer voller und unappetitlicher wird, sich irgendwann selber reinigt. Vielleicht künnte sie damit in Gütersloh beginnen.”
Doch nicht nur in Sibylle Berg brodelt es. Claus-Dieter Stille attestiert Ähnliches: “Brodeln am Bosporus“, lautet auch der sinnschwangere Titel seines Beitrags am vergangenen Dienstag. Er nimmt den Leser an die Hand. Führt ihn weg von dem schillernden Schein, den Touristen bei einem Besuch Istanbuls verinnerlichen und nimmt ihn mit auf eine Reise, die das andere, besorgniserregende Gesicht der Millionenstadt zeigt. Er berichtet vom neuerlichen Terror der PKK-Separatisten, die nun wieder üfter aus dem Nordirak auf türkisches Gebiet vorstoßen und tüdliche Anschläge verüben. Die Todesopfer sorgen für gehürige Unruhe in der hiesigen Gesellschaft, die die innere Sicherheit zunehmend in Gefahr sehen. Menschen gehen auf die Straße. Ein hartes Durchgreifen der Militärs wird gefordert. Und auch die sonst glücklose Opposition kann Kapital aus den jüngsten Ereignissen ziehen. Eine brenzlige Situation ist in diesen Tagen entstanden. Die türkische Armee zieht bereits seit Tagen ihre Truppen an der Grenze zum Irak zusammen. Zwar stehen bis dato diplomatische Bemühungen der Regierung im Vordergrund, doch entspannt sich die Lage nicht, scheint der Einmarsch unumgänglich. Es bleibt mit Spannung abzuwarten, welche Ergebnisse das Treffen von Erdogan und Bush Anfang November bringen wird.
Nachdenkliches zum Schluss
Der “Untergang geht weiter“: Ob Holger Finns Titel an dieser Stelle eine passende Überleitung darstellt, wird zwar erst die Zeit zeigen, doch seine Gedanken zum jüngsten “Minimal-Einstieg” von Microsoft bei dem beliebten englischsprachigen Freunde-Portal Facebook für sagenhafte 240 Millionen US-Dollar, gibt nicht minder Aufschluss über eine Branche, die nach Ansicht des Autors “nur mit Luft” handelt, “die zuvor nicht einmal heiß gemacht wird”. Gerade einmal drei Jahre ist das Unternehmen von Gründer Mark Zuckerberg jung, verzeichnet aber schon jetzt Wachstumsraten, von denen in der Printbranche nicht einmal zu träumen gewagt wird. Rund 50 Millionen Mitglieder zählt die Adresskartei – Tendenz rapide steigend. Solche Rekordsummen erscheinen dem Autor unverständlich, wo liegen die Bemessungsgrundlagen und warum investieren Unternehmen nicht viel eher in Papierzeitungen? Oder ist deren Ende vielleicht schon abzusehen? Finn zieht abschließend einen etwas provokanten, jedoch nicht unbedingt unwahren Schluss: “(…) am Ende, wenn das Internet endlich abgeschaltet werden wird, bietet das auf Papier gedruckte Wort immer noch verlässlich Kontaktanzeigen und Bumstelefonnummern! Und man kann lose Heringe reinwickeln! Oder feuchte Schuhe damit trocknen.” Ein zugegeben etwas um die Ecke gedachter Blickwinkel, der allerdings immense Tragweite in sich birgt und durchaus einen tieferen Einblick auf das Spannungsverhältnis Print- vs. Online-Medien nach sich ziehen künnte. Wie wär’s?!
Mit dieser Aufforderung und jeder Menge Leseanregungen verabschieden wir uns nun ins Wochenende. Auch auf der Readers Edition ging es – ganz wie bei Frau Weischenberg – hart, kritisch, aber fair zur Sache, doch auch diesmal mit Beiträgen, die die Welt ganz sicher interessieren…
Ihre Redaktion Readers Edition
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