Sense, Liberty, Poetry: Zum 303. Todestag John Lockes (29.08.1632 – 28.10.1704)

Heute vor 303 Jahren ist der große englische Philosoph John Locke gestorben. Neben Beiträgen zur Erkenntnistheorie und Staatsphilosophie hat er uns auch zur Poesie des Liebesbriefs einen Impuls hinterlassen. Doch der Reihe nach! Erkenntnistheorie 1671 beginnt Locke mit der Ausarbeitung seines erkenntnistheoretischen Hauptwerkes An Essay Concerning Human Understanding (“Versuch über

course3.jpgHeute vor 303 Jahren ist der große englische Philosoph John Locke gestorben. Neben Beiträgen zur Erkenntnistheorie und Staatsphilosophie hat er uns auch zur Poesie des Liebesbriefs einen Impuls hinterlassen. Doch der Reihe nach!

Erkenntnistheorie

1671 beginnt Locke mit der Ausarbeitung seines erkenntnistheoretischen Hauptwerkes An Essay Concerning Human Understanding (“Versuch über den menschlichen Verstand“), das er erst 1690 verüffentlichte. Dieses Werk stiftete Lockes philosophiegeschichtliche Bedeutung – es hatte großen Einfluss auf Hume, Leibniz und Kant. Locke setzt sich mit den Anschauungen Descartes von den angeborenen Ideen auseinander und gelangt zu einem Sensualismus, bei dem der Begriff der Idee oder Vorstellung (idea) zentral ist. Das einzige, was direkt Gegenstand unserer Erkenntnis sein kann, sind die Ideen. Diese sind das Material der Erkenntnis und repräsentieren das, wovon sie Ideen oder Vorstellungen sind. Sie künnen als Zeichen (signa) verstanden werden, die die Wirklichkeit abbilden. Die Ideen werden in dieser Weise als Verbindungsglieder zwischen dem erkennenden Bewusstsein und der erkannten Wirklichkeit gedacht.

Nach Lockes Meinung werden wir nicht mit diesen Ideen geboren, sondern “nur” mit der Fähigkeit, solche Ideen zu bilden. Diese Fähigkeit ist das Erkenntnisvermügen. Der Verstand des Menschen ist jedoch bei seiner Geburt eine tabula rasa, denn, so Locke, nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen ist. Alle Kenntnisse und Ideen gründen sich auf Erfahrung bzw. sinnliche Wahrnehmung. Locke unterscheidet zwei Quellen der Erfahrung. Die Sensation, die von den äußeren materiellen Dingen ausgeht und die Reflexion, die sich auf die inneren Operationen unseres Geistes bezieht. Diese Bedingungen der Müglichkeit von Erkenntnis bei Locke begründen den Empirismus.

Staatsphilosophie

Lockes Hauptwerk zur politischen Philosophie sind die Two Treatises of Government (“Zwei Abhandlungen über die Regierung“). Um 1679/80 verfasste er den grüßten Teil seiner erst 1690 publizierten Schrift, die sich an einer philosophischen Begründung der politischen Ziele des Earl of Shaftesburys versuchen, einem Mitautor der Habeas-Corpus-Akte, die jedermanns persünliche Freiheit unter richterlichen Schutz stellte. Die Auffassung, Locke habe seine Two Treatises nur zur Glorifizierung der ohnehin schon “glorreichen Revolution” von 1688 geschrieben, gilt heute mit Recht als widerlegt.

Seine in den Two Treatises entwickelte Staatslehre basiert, anknüpfend an Hobbes, auf einer Naturrechtstheorie. Während bei Hobbes der Naturzustand ein rechtloser Zustand, ein “Krieg aller gegen alle” ist, sichert bei Locke bereits das Naturrecht dem Menschen Leben und Freiheit, die sich vornehmlich darin äußert, rechtmäßig über das Resultat seiner Arbeit zu verfügen. Der Naturzustand ist bei Locke nicht nur ein Zustand “vollkommener Freiheit” aus den natürlichen Prinzipien Selbstbestimmung und Selbsterhaltung, sondern “darüber hinaus ein Zustand der Gleichheit“, in dem alle gleichermaßen dieser Rechte habhaft werden und niemand einem anderen daran “Schaden zufügen” darf, denn Freiheit bedeute nicht “Zügellosigkeit”.

Die elementaren Naturrechte des Menschen (Leben, Freiheit, Besitz) werden – für die damalige Betrachtung nicht ungewühnlich – zusammenfassend als Eigentum betrachtet. Das natürliche Gesetz als güttliche Regel der Vernunft befiehlt dem Menschen, dieses Eigentum gegen Übergriffe zu verteidigen, etwaige Übergriffe so zu bestrafen, dass Täter Reue zeigen und potentielle Täter abgeschreckt werden sowie Wiedergutmachung zu verlangen, ohne dabei in Willkür zu verfallen. Beim Übergang vom Naturzustand zum bürgerlichen Zustand sei es nun nicht, wie Hobbes argumentiert, die absolute Monarchie als gottgegebene Herrschaftsform, welche die nütige Ordnung schaffe, die Gefahr von Krieg banne und das natürliche Gesetz in das Garantiesystem eines “politischen Kürpers” überführe, sondern ein von mündigen Bürgern freiwillig geschlossener Vertrag.

Dieser Gesellschaftsvertrag ist zunächst eine kollektive Verzichtserklärung der Einzelnen, die ihre natürlichen Rechte abtreten, in der Erwartung, ihre immateriellen und materiellen Besitztümer in der Gemeinschaft besser gegen Angriffe von innen und außen sichern zu künnen.

Die ersten Grundsätze des Vertragsschlusses liegen in der Freiwilligkeit, dem freien Entschluss zur Herrschaftsübertragung, in der Wahl des Herrschers und der Entscheidungsfindung nach dem Mehrheitsprinzip, das Locke gleich an den Anfang seiner Darstellung zur “Entstehung von politischen Gesellschaften” setzt und umfassend begründet. Folge dieser Übertragung ist die Schaffung einer legislativen und einer exekutiven Gewalt, die Gesetze zum Zweck des Schutzes der bürgerlichen Besitzstände verabschiedet (Legislative) und vollzieht (Exekutive). Mit der Beteiligung der Bürger an Legislative und Exekutive entsteht bei Locke eine bürgerliche Freiheit, die in Analogie zur natürlichen Freiheit konzipiert ist: So wie im Naturzustand nur das Naturgesetz eingeschränkt, sind es in der bürgerlichen Gesellschaft die Gesetze, an deren Entstehung die Menschen mitgewirkt haben. Es sind also ihre Gesetze, die erlassen und vollstreckt werden. Damit wird nicht nur Sicherheit gewährt – das ist auch in einer absoluten Monarchie, sogar in der Diktatur, müglich -, sondern Freiheit wird gesichert. Hinzu treten wertvolle Beigaben: Das Verfassungsgebot der Gewaltenteilung einschließlich politischer Regeln für die aus Gesetzgebung und Vollstreckung bestehende Regierung (government) – Lockes Begriff der Regierung (Legislative und Exekutive) unterscheidet sich also von dem heute demokratietheoretisch üblichen, der die Regierung als Teil der Exekutive begreift und die Legislative als unabhängige Kontrollinstanz der Regierung entgegenstellt. Ferner das Recht auf Widerstand und Revolution, falls diese Regeln verletzt werden und schließlich der Gedanke bedingter Toleranz, der das Prinzip des wehrhaften demokratischen Staates erahnen lässt. Ein gewaltsamer Widerstand ist legitim bei Übergriffen der Legislative auf das Eigentum im weitesten Sinne und bei einem Vertrauensbruch durch die Exekutive, etwa indem diese versucht, die Legislative durch Weigerung der Einberufung, Änderung des Wahlmodus, unbegründete Gesetzesänderungen und / oder -verstüße sowie unangemessene Eigenmächtigkeit zu umgehen.

Zur Sicherheit im Staat (Hobbes) tritt also die Sicherheit vor dem Staat (Locke), wenn dieser gegen die Interessen des Volkes agiert. Es herrscht also auch nach der vertrauensvollen Übergabe der Gewalt grundsätzlich eine Skepsis den Machthabern gegenüber. Dieses Misstrauen wird zum Ursprung des liberalen Rechtsstaates.

In der politischen Theorie John Lockes ist also die Wurzel der Rechtsstaatlichkeit mit ihren unverzichtbaren Komponenten Rechtsgleichheit und Rechtssicherheit ebenso zu entdecken wie Ansätze einer wehrhaften Demokratie mit Wahlrecht und Mehrheitsentscheidungen sowie eines Parlamentarismus’, der die Kontrolle der Verwaltung durch Gewaltenteilung ermüglicht. Aber auch die Abwehr von Übergriffen des Staates auf den Bürger wird in Lockes politischer Theorie verhandelt und manifestiert sich in einem liberalen Widerstandsrecht. Aus dem Sozialvertrag erwachsen mithin Gedanken, die etwa ein Jahrhundert später im Verfassungs- und Menschenrechtsdiskurs in den USA zur politischen Reife gelangen und Aufnahme in die Virginia Bill of Rights und die Declaration of Independence (beide 1776) sowie die Verfassung der USA (1787) fanden.

Poesie des Liebesbriefs…

Hat ein derart wirkmächtiger Philosoph wie Locke auch private Interessen? Hat er. Man traut dem brillanten Erkenntnistheoretiker und Staatsphilosophen, dem Vordenker des Empirismus und des Liberalismus, gar nicht so viel romantischen Esprit zu, doch er schrieb auch Liebesbriefe, die in ihrer Ausdrucksweise gleichermaßen sein denkerisches Genie und seine dichterische Ader verraten. An eine Unbekannte schrieb er: “Madam, den Blick dreister Gaffer einzufangen oder allmählich ein Herz zu entbrennen, das seine Flammen umwirbt, ist die Wirkung eines alltäglichen Gesichts; denn welches Feuer kann nicht denjenigen wärmen, der ganz nahe an es herankommt. Aber, Madam, ohne Überrumpelung oder Belagerung von ferne zu fesseln und ein Herz einzunehmen (das sich für gut gewappnet hielt), ist das Privileg einzig Ihrer Schünheit, die es verschmäht, auf hergebrachte Weise zu erobern [...] Da dies nun der mühelose, obgleich ungewühnliche Weg zu Ihren Siegen ist, betrachten Sie es nicht als sonderbar, daß Sie einen unbekannten Gefangenen zu Ihren Füßen finden, dem es gestattet sein mag, sich einer Leidenschaft zu unterwerfen, der zu widerstehen ihm kein Mittel übrigblieb.”

John Locke, einer der bedeutendsten Philosophen der europäischen Geschichte, ist, so scheint es, immer auch Mensch geblieben.

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