Radiohead und der “Untergang der Musik- industrie, wie wir sie kennen“ - Interview

- Göttliche Stimme zum Download: Thom Yorke von Radiohead. Photo: Michell Zappa
Ein Raunen ging im Oktober durch die Musik- und Medienlandschaft, Plattenindustrielle klapperten mit den Zähnen. Denn Radiohead hatte seine neue Platte “In Rainbows” einfach zum Download im Internet angeboten. Der Clou: Jeder darf selbst entscheiden, wie viel Geld er dafür ausgeben will* - für Viele eine kleine Revolution, Andere sehen dies kritisch. Für die RE befragte ich zwei Musikexperten, Birgit Fuß, Redakteurin der Musikzeitschrift Rolling Stone und Anton Waldt, Redakteur von De:Bug, Magazin für elektronische Lebensaspekte.
RE: Auch die Nine Inch Nails, Jamiroquai und Oasis planen angeblich, ihre Platte im Internet zur Verfügung zu stellen. Ist das der Anfang vom Untergang der Musikindustrie?
Fuß: Der Untergang der Musikindustrie wurde jetzt schon so oft prophezeit, dass ich nicht mehr daran glaube! Sicher wird sich die Industrie weiter verändern, das Medium CD wird immer unwichtiger werden, Downloads immer gewinnbringender. Aber dass deshalb gleich alle Plattenfirmen dicht machen und (vor allem neue) Künstler keine professionelle Promotion mehr brauchen, bezweifle ich. Als damals der Fernseher erfunden wurde, hieß es auch, demnächst gäbe es Radio und Zeitschriften nicht mehr…
Waldt: Nein, den Anfang des Untergangs der Musikindustrie markierten drei Dinge, die sich vor rund zehn Jahren ereigneten: Das Aufkommen von Napster, die Verbreitung von CD-Brennern und die völlig ungenügende Reaktion der Branche auf diese beiden Phänomene. Und natürlich wird die Musikindustrie nicht untergehen, sondern sich “nur” dramatisch verändern: Man muss also vom Untergang der Musikindustrie, wie wir sie kennen, reden.
RE: Wenn es zur Normalität werden sollte, dass etablierte Bands ihre Musik kostenlos im Internet anbieten, wird dies auf Dauer nicht auf Kosten kleinerer unbekannter Gruppen gehen?
Fuß: Genau deshalb glaube ich ja, dass es die Musikindustrie weiterhin auf die eine oder andere Art geben wird: Neue/unbekannte Künstler können zwar im Internet veröffentlichen, aber wie soll die Masse so auf sie aufmerksam werden? Wie soll man so genug verdienen, um als Musiker zu überleben? (Und wer zahlt den Vorschuss fürs Studio? ;-)) Im Einzelfall (Arctic Monkeys) mag ein Karrierestart übers Internet funktionieren, aber dass Labels nun ganz überflüssig werden, glaube ich nicht. Radiohead können es sich zudem natürlich leisten, keinen konkreten Preis für ihr neues Album zu verlangen - kleinere Bands könnten so gar nicht existieren. Insofern hat Lily Allen gar nicht so unrecht, wenn sie Radiohead Arroganz vorwirft.
Waldt: Nein, im Gegenteil, unbekannte Gruppen haben diese Art der Publikation ja vorgemacht, Radiohead und Co. sind also nur Nachahmer, die besonders gut sichtbar sind. Und wenn sich Popgrößen die Methoden der unbekannten Bands aneignen, heißt das eigentlich immer, dass sie sich auf dem richtigen Weg befinden.
RE: Im ersten Moment hört es sich nach einer Revolution an - da Radiohead jedoch ihr Album ab Dezember dann doch regulär im Laden anbieten will, ist es nicht eher ein sehr geschickter PR-Gag, um doppelt abzusahnen anstatt von einer Revolution zu sprechen?
Fuß: Gerade Radiohead würde ich nicht PR-Gags oder Geldgier unterstellen. Vielleicht war die Idee einfach nicht ganz zu Ende gedacht. Ich schätze, sie wollten ihren Hörern beide Optionen offenhalten - den billigen Download für alle und die Deluxe-Box (die allerdings tatsächlich sehr teuer ist (40 Pfund/ ca. 58 Euro, d. Red.)) für die richtigen Fans. Und wenn dann eine Plattenfirma noch viel Geld zahlen will, um das Album auch noch “regulär” in den Handel zu bringen, warum nicht?
Waldt: Aus der Perspektive der Musikindustrie, wie wir sie kennen, ist das Vorgehen vielleicht eine Revolution, aber die Musikindustrie, wie wir sie kennen, befindet sich - wie gesagt - schon lange im Niedergang. Und ein “geschickter PR-Gag, um doppelt abzusahnen” ist das auch nicht, da keinem Musiker vorzuwerfen ist, Werbung für seine Alben zu machen, bzw. soviele Platten zu verkaufen, wie möglich. Zuletzt: Ein PR-Gag ist ja nur heiße Luft, aber Radiohead verschenken ja wirklich Musik.
RE: Sind Netlabels, die Musik kostenlos im Internet veröffentlichen, eine ernst zu nehmende Konkurrenz?
Fuß: “Kostenlos” ist meiner Meinung nach nie ganz ernst zu nehmen, weil Musiker doch irgendwann auch von ihrer Musik leben wollen, wenn sie sie ernst nehmen. Diese Geschäftspolitik setzt auch ein falsches Signal: Dass Musik nicht viel wert ist, weil sie überall kostenlos zu kriegen ist.
Waldt: Vom Prinzip her, ja, denn das Vorgehen von Radiohead zeigt ja, dass die Großen es für sich adaptieren. Und: Auch bisher haben junge Bands wenig bis kein Geld vom Tonträgerverkauf erhalten. Daher ist das Verschenken von Musik, um bekannt zu werden, nur konsequent. Ernsthaft verdient wird im Musikgeschäft ohnehin fast nur noch mit Konzerten/DJ-Gigs.
RE: Es heisst, wer ein Album haben will, werde im Internet immer einen Weg finden, es gratis zu bekommen. Glaubt die Branche im Ernst noch daran, das Piraterie-Problem in den Griff zu bekommen?
Fuß: Das müssen sie Label-Leute fragen! Allerdings fragt man die Polizei ja auch nicht: Glauben sie noch daran, Verbrecher in den Griff zu bekommen? Man tut einfach, was was man kann - so sinnlos es manchmal scheinen mag. Hat Sisyphos auch getan.
Waldt: Nein. Aber sie kann immerhin die Hürden/Abschreckung so gestalten, dass ein erklecklicher Teil der Konsumenten abgeschreckt bzw. abgehalten wird: Sei es aus Angst oder Bequemlichkeit (legale Downloads sind ja vor allem reibungslose Downloads).
RE: Wie kann der Vertrieb in Zeiten des Internets noch profitabel organisert werden bzw. wie sieht das moderne Geschäftsmodell eines Labels aus?
Fuß: Das ist wahrscheinlich die Frage, mit der sich zurzeit alle Labels herumschlagen - eine 100%ige Antwort hat, glaube ich, (noch) keiner. Ich auf jeden Fall nicht!
Waldt: Entsprechend der veränderten Rolle, die Tonträger spielen: Werbeträger, mit denen die Künstler immer weniger Geld verdienen. Daher werden Label zu Marketingdienstleistern der Künstler: Das ist allerdings ein weites Feld und ein anderes Thema: Zu komplex, um es hier kurz zu beantworten.
RE: Birgit Fuß, Anton Waldt, Ich danke Ihnen herzlich für die Beantwortung der Fragen.
Interview: Felix Kubach
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*Obwohl es also auch möglich ist, das Album kostenlos zu downloaden, bezahlten angeblich mehr als die Hälfte der Leute dennoch im Durchschnitt vier britische Pfund (5,78 Euro) dafür. Einige äußerten gar im Rahmen einer Umfrage, sie würden noch mehr berappt haben, hätte die Option bestanden, erst nach dem Hören zu bezahlen. Allein in den ersten beiden Tagen soll “In Rainbows” 1,3 Millionen mal heruntergeladen worden sein.
Hörprobe: “Nude” (In Rainbows)
- Radiohead “In Rainbows” - Volltreffer!
Photo Quelle/ Copyright: Michell Zappa, cc creative commons, Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0, (via flickr)











Readers Edition » Ein typisch deutscher Appell
[…] 3.) Die britische Band Radiohead bot Ihr komplettes letztes Album gratis zum Download auf ihrer Webseite an. “Trotz vorübergehender kostenlosen Verfügbarkeit erreichte die CD-Version des Albums im Januar 2008 mit 122.000 verkauften Exemplaren den ersten Platz der US-Musikcharts.“ […]