Nun legen wir eine Denkminute ein und lesen noch einmal, was Eva Herman bei einer Lesung in Plauen gesagt hat – und sie soll bloß nicht sagen, dass sie wieder falsch zitiert worden sei, denn sie hat es genau so gesagt. Dafür gibt es 350 Zeuginnen und Zeugen, denen sie ihr Arche-Noah-Prinzip verklickert hat. Gott hat ihr also den Fernsehjob aus der Hand geschlagen. Das muss man sich wohl so vorstellen: Erst verführt Er sie zu unbedachten Sätzen über den Hitlerfaschismus und dann fällt Ihm ein, dass Er sich als Gott Israels alttestamentarisch dafür rächen muss, dass jemand etwas Gutes an Verbrechern findet, die sein Volk in die Gaskammern geschickt haben.
Ohnmächtiger Allmächtiger?
Ergo: Sie hat es nicht anders verdient – und schon führt der religiöse Gedankenflug zu jenen Kindern, die gerade ihren letzten Atemzug machen, weil sie zum Hungertod verurteilt sind. Welche Fehler haben die denn gemacht, dass Eva Hermans Gott das zulässt? Oder ist Er zwar in der Lage, einer Fernsehjournalistin den Job aus der Hand zu schlagen, bei sterbenden Kindern jedoch sind ihm die allmächtigen Hände gebunden?
Ziemlich sicher ist: Bei Eva Herman hilft auch Beten nicht mehr. Man kann nur alle Buchhändlerinnen und Buchhändler, alle Veranstalterinnen und Veranstalter bitten, entweder auf Einladungen dieser Buchautorin zu verzichten oder aber bei Lesungen jemanden dazu zu setzen, der ihr Contra gibt, bis sich in den grauen Zellen von Eva Herman doch noch etwas tut.
Danke, Adam, für deine Rippe
Doch ihr weiterer Lebensweg scheint vorgezeichnet zu sein. Publizistische Endstation dürfte ein Buch mit dem Titel “Danke, Adam, für deine Rippe” sein, Untertitel: “Warum Frauen an der von Gott gegebenen Männerherrschaft nicht rütteln sollten”.
Dieser Kommentar begann mit einer Denkminute und endet mit mehreren Denkminuten über die bisherigen Äußerungen dieser ehemaligen Fernsehjournalistin:
Autobahn, die erste zwischen Köln und Bonn, eingeweiht am 6. August 1932 vom Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, später erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.
Eva Herman, die vom NDR entlassene Moderatorin sagt bei Kerner: “Aber es sind auch Autobahnen damals gebaut worden. Und wir fahren heute drauf.”
Hitler, Adolf, der bei der Reichspräsidentenwahl 1932 antritt und auf Wahlplakaten der NSDAP als “Frontsoldat” dem Wahlvolk schmackhaft gemacht werden soll, der am 30. Januar 1933 von Reichspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernannt und nicht ernst genommen wird: “Diese Regierung ist die kurioseste, die Deutschland je hatte” (“Frankfurter Zeitung”), setzt den Autobahnbau fort, am 3. Oktober 1935 wird das Autobahnteilstück Darmstadt-Mannheim-Heidelberg offiziell eingeweiht, am 19. Juni 1936 das Teilstück von Königsberg nach Elbing, bei einem Treffen am 30. Juni 1937 planen das faschistische Deutschland und das faschistische Italien eine Autobahn von Rom nach München, am 18. März 1938 wird das deutsche Autobahnbauprogramm auf Österreich ausgedehnt, am 26. April 1939 lehnt Polen den Bau einer exterritorialen Autobahn zwischen Pommern und Ostpreußen ab, Deutschland beendet die Gespräche, am 1. September 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen und endet am 8. Mai 1945 mit der totalen Kapitulation, von den geplanten 6900 Autobahnkilometern sind rund 3800 Kilometer gebaut.
Mutter, die laut Eva Herman von 1933 bis 1945 hohes Ansehen genossen hat, bekommt am 16. Dezember 1938 das erste “Ehrenkreuz der deutschen Mutter” und wird abgelichtet mit drei Kindern, eins im Kinderwagen, die Tochter mit Hakenkreuz auf der Jacke, der Sohn als Hitlerjunge.
Frauen, die es laut Eva Herman von 1933 bis 1945 gut hatten, werden im “Lebensborn” der Faschisten, wenn sie “erbbiologisch wertvoll sind” , “ebenbürtigen” SS-Männern zum Zwecke der Zeugung von Nachwuchs zugeführt.
Schutzstaffel. (SS), die Leibgarde Hitlers wird zu einer verbrecherischen Organisation, die am 30. September 1939 in Polen für die ersten Massenerschießungen von Frauen, Kindern und Männern verantwortlich zeichnet und in den Konzentrationslagern ebenfalls zur Massenmörderin wird.
“
Sehr geehrte Frau Herman.
Sehen Sie mir bitte nach, dass ich bei Ihren Aussagen zu Nazi-Deutschland, zu Familien und Frauen, zu den 68ern und schließlich zu Gott feststellen muss, dass bei Ihnen offensichtlich keine ausreichenden Kenntnisse vorhanden sind, um damit als bedeutende Persönlichkeit der Zeitgeschichte gelten zu können.
Sie tun das, was viele Medienschaffende tun, sie verwechseln ebenso mediale Popularität mit einer wirklichen Fähigkeit des differenzierten und intellektuellen Ausdrückens von Gedanken. An der Krankheit der Selbstüberschätzung, nämlich zu einer intellektuellen Führerschaft berufen zu sein, leiden immer mehr Medienschaffende. Und so schreiben sie, und schreiben.
Ihre von großer Unkenntnis geprägten Vorstellungen Frau Herman, bezüglich Frauen- und Mutterschaft und angeblichen Errungenschaften in der Nazi-Zeit erzeugen eben auch deshalb bei den meisten Deutschen wohl eher Kopfschütteln, denn Zustimmung.
Auch bei Ihren Ansichten zu den 68ern, die mittlerweile von Hinz und Kunz, für alles Mögliche verantwortlich gemacht werden, mangelt es meiner Meinung nach hier an umfassenden Kenntnissen um sich differenziert auszudrücken. Das „über einen Kamm scheren“, ist zu billig. Und Peter Hahne, bei dem Sie offensichtlich da abgeschrieben haben, war wohl die schlechteste Quelle die Sie wählen konnten. Eines aber hat er Ihnen voraus. Er drückte bezüglich der Nazi-Zeit Ähnliches aus wie Sie, nur er verpackte es besser. Hätten Sie wie er es in seinem Buch, „Schluss mit lustig“, tat, ebenso endlich ein „Ende der verlogenen Betroffenheitspädagogik“ verlangt, wäre der mediale Aufschrei ausgeblieben. Und das, obgleich doch unter „Betroffenheitspädagogik“ der bildungspolitische Auftrag zu verstehen ist, auch die heutige Jugend, in punkto „Antisemitismus, Nazi-Regime und seine Folgen“ zu informieren und zu sensibilisieren, damit so etwas nie wieder passiert. Die Verantwortlichen des ZDF sahen sich in diesem Fall zu keiner Reaktion veranlasst, warfen aber Sie aus der Sendung von J.B. Kerner, wo doch Peter Hahne den echten Knaller lieferte. In diesem Punkt bedauere ich Sie ehrlich.
Auf eine andere Weise bedauerlich ist aber – vor allem für Sie persönlich – dass Sie sich jetzt dahin gehend versteifen, zu sagen: „Gott hat mir den Fernsehjob aus den Händen geschlagen!“ Erlauben Sie mir dazu zu sagen, dass Sie sich hier gründlich irren. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir für jede persönliche Fehlleistung Gott oder Andere verantwortlich machen würden. Da machen Sie es sich zu einfach Frau Herman. Ihre Einschätzung hat eine Entsprechung, die im finstersten Mittelalter galt, wo Fürsten und Kirchen Schicksalsschläge jedweder Art – und vor allem Kriege – den Menschen als persönliche Prüfungen von Gott iniziiert verkauft haben.
Liebe Frau Herman, dass Sie an Gott glauben, stellt sicher für niemanden ein Problem dar. Aber Ihre Glaubensbrüder und –schwestern sollten schon hellhörig werden, wenn Sie sich jetzt auch noch dazu berufen fühlen, Gottes Willen interpretieren zu können. Das geht selbst mir, der ich nicht an Gott glaube, keiner Religionsgemeinschaft angehöre, mich aber als Humanist verstehe, zu weit.
Herzlichst Ihr Klaus Vogt