Ein anderer “deutscher Herbst” (I): Die Maueröffnung wird volljährig

Ab in den Druck – ruckzuck – hat der Gruner-und-Jahr-Verlag vor 18 Jahren wichtige Ereignisse unter den Chronik-Tisch fallen lassen. “Das waren die achtziger Jahre” hieß das “stern-Buch” – doch das waren sie längst noch nicht, denn die Eintragungen in dieser Chronik endeten mit dem 18. Juni 1989: “Bei den

vatis.jpgAb in den Druck – ruckzuck – hat der Gruner-und-Jahr-Verlag vor 18 Jahren wichtige Ereignisse unter den Chronik-Tisch fallen lassen. “Das waren die achtziger Jahre” hieß das “stern-Buch” – doch das waren sie längst noch nicht, denn die Eintragungen in dieser Chronik endeten mit dem 18. Juni 1989: “Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament in Straßburg verlieren die CDU und die CSU drastisch. Die großen Sieger sind die Republikaner, die bundesweit 7,1 Prozent, in Bayern 14,6 Prozent, in Baden-Württemberg 8,7 Prozent der Stimmen erhalten.”

Auf dem Umschlag stand: “Diese Chronik zeigt uns noch einmal eine Epoche der Extreme: die Gründung von Solidarnosc in Polen und die sterbenden Fußballfans in Brüssel und Sheffield, die Kriege am Golf, auf den Falklands, in Afghanistan, die bizarren Sprünge der Mode, die Siege von Steffi Graf und Boris Becker und das Doping-Fiasko von Ben Johnson.”

Chronik-Fiasko

Dann sprangen die Druckmaschinen an für das Chronik-Fiasko des Gruner-und-Jahr-Verlages, das Buch kam in den Handel, als sich in der Bundesrepublik Deutschland, in der DDR, in Polen, in der CSSR und in Ungarn die Ereignisse überschlugen. Ein Zug mit mehr als 800 DDR-Flüchtlingen traf am 1. Oktober 1989 von Warschau kommend in der Bundesrepublik ein, drei Tage später folgten 600 weitere DDR-Bürger.

Ein System stand kurz vor dem Zusammenbruch, das in jenen Tagen Uwe Bauer aus Leipzig so charakterisierte: “Die wenigen Menschen, die bereits vor 1933 frei wählen konnten, sind aus der Übung gekommen; die später Geborenen haben es nie erlernen dürfen, dafür sorgte der sozialistische Vaterstaat. Er sagte ihnen: Wählt die Kandidaten der Nationalen Front! Also gingen, wie auch am 7. Mai 1989, die meisten Bürger brav zu ihren Wahllokalen, falteten ihre beiden Stimmzettel und steckten sie in die Urne. In ihren Gesichtern dieses verschmitzte Lächeln. Die Leute trugen es wie eine Tarnkappe. Wenn man schon als einzelnes Individuum nichts ändern kann, soll auch keiner bemerken, wie man über diese Wahl denkt. Sie hingen als unwillige Marionetten am sozialistischen Gängelband.”

Gängelband wird zerschnitten

Und schnitten es mit den Montagsdemonstrationen durch. Die Westgrenze von Ungarn wird am 11. September 1889 geöffnet, bis Ende Oktober gehen oder fahren 24.000 Bürgerinnen und Bürger der DDR in die Bundesrepublik, die Zahl der Flüchtlinge, die über die CSSR in den Westen kommt, liegt bei 14.000.

Der “Eiserne Vorhang” verrottet Tag für Tag immer mehr. Unzählige Schulklassen haben seit dem Mauerbau einen Ausflug an die deutsch-deutsche Grenze gemacht, wie im Sommer 1981 Konstantin Kountouroynis, Schriftsteller und freier Journalist aus Celle, der sich zehn Jahre später so an diese Klassenfahrt nach Hankensbüttel erinnert: “Kein Schlagbaum, keine Kontrolleure wie im Urlaub an der deutsch-österreichischen Grenze. Nein, die Straße, unsere Straße endete einfach vor einem hohen Zaun. Es ging einfach nicht mehr weiter. Wir stiegen aus und liefen auf eine Aussichtsplattform. Von hier aus konnte man die ganze Grenzanlage überblicken. Ein BGS-Soldat erklärte uns am Modell den Aufbau der Grenzanlagen. Soundsoviel Meter Todesstreifen, soundsoviel Kilometer Zaun und soundsoviel Stück Selbstschussanlagen. Beobachtungstürme in bestimmten Abständen waren zu sehen.”

Geöffnet worden ist dieser “Eiserne Vorhang” am 9. November 1989 eher zufällig. Bei einer Routine-Pressekonferenz verkündete SED-Politbüromitglied Günter Schabowski unvermittelt, die DDR öffne jetzt ihre Grenzübergänge zur Bundesrepublik und nach West-Berlin.

Teil II: Montagsdemonstranten rücken immer enger zusammen/Auf vom Westen in den Osten – Begegnungen mit dem bis dahin Fremden.

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