Mit großem Pomp hatte die DDR am 6. Oktober 1989 ihr 40-jähriges Bestehen gefeiert. Zu den Gästen gehörte auch der sowjetische Staats- und Parteichef Gorbatschow, der vor Journalisten den legendären Satz in die sozialistische Welt gesetzt haben soll: “Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.” Auf jeden Fall aber stimmt: Gorbatschow hielt am 7. Oktober 1989 im Ost-Berliner Palast der Republik eine Rede, in der er die DDR zu Veränderungen aufforderte.
Viel Zeit blieb der SED aber nicht mehr. Der friedliche Druck von der Straße wurde immer größer. Die Zahl der Demonstranten stieg von Montag zu Montag, am 2. Oktober 1989 waren es 20.000, am 23. Oktober 1989 300.000. Auch der Leipziger Uwe Bauer war am 2. Oktober 1989 in der Nikolai-Kirche und schrieb auf, was er erlebt hatte: “Ich erinnere mich an meine erste Demonstration. Alles begann sehr hoffnungsvoll. Es ist Montag, der 2. Oktober 1989. Eine Stunde vor dem Friedensgebet ist die Nikolai-Kirche bereits überfüllt. Immer wieder dröhnen die Rufe durch die harten Kirchenbänke: ´Zu-sam-men-rück-en!´.”
Stunden ohne Egoismus
“Es sind Stunden ohne Egoismus. Keiner denkt, er könnte einen guten Platz verlieren. Die Menschen sind sich ihrer Geschlossenheit bewusst, das macht stark und zuversichtlich. 17 Uhr – das Gebet beginnt. Obwohl ich kein Gläubiger bin, regt sich in mir eine Stimmung, die meine Hände wie von selbst zum Gebet schließt. Wir beten für die immer noch Inhaftierten der letzten Montage.”
Gut drei Wochen später verkündete der DDR-Staatsrat eine Amnestie für inhaftierte Demonstranten und für Flüchtlinge, die vor dem 27. Oktober 1989 der DDR den Rücken gekehrt hatten. Doch die Macht war diesem Staatsrat längst entglitten.
Vor der Kirche Polizeimaschinen
Aus der Nikolai-Kirche ist längst eine Trutzburg geworden, in der sich auch Uwe Bauer sicher fühlte: “Hier in diesen Mauern ist die Staatsmacht machtlos.” Aber draußen? Dort sah es an diesem 2. Oktober 1989 so aus: “Rund um den Platz haben sich Polizeiketten aufgebaut. Die finsteren Mienen verheißen nichts Gutes. Zwischen den Polizisten kläffen erregte Schäferhunde. In der Luft liegt eine knisternde Spannung. Noch ist nichts passiert. Die Menge stimmt immer wieder Pfeifkonzerte an und ruft Losungen wie ‘Gorbi – Gorbi’, ‘Wir bleiben hier’, ‘Freiheit, Gleichheit, Menschlichkeit’ und ‘Freiheit statt Entmündigung’. Die Türen der Kirche öffnen sich. Das Friedensgebet ist beendet, der stille Kampf auf der Straße beginnt. Ich sehe die kalten Polizeimaschinen.”
Die für einen Staat Wache hielten, in dem zu Leipziger Messezeiten noch deutlicher als sonst den eigenen Bürgerinnen und Bürgern klar gemacht wurde, dass es Menschen gab, die willkommener waren als sie selbst, weil sie harte Devisen mitbrachten.
Eine DDR-Bürgerin erzählte in jenen Tagen über derlei Messetage dies: “Wer die Autobahn Leipzig-Zentrum verließ, bemerkte am Straßenrand einen Hinweis auf eine Unterkunft. Der wackelige Hinweis auf Presspappe trug den Zusatz ‘für BRD’.”
Marx weint über Intershop
Und in Karl-Marx-Stadt stand eine riesige Büste des geistigen Vaters der SED-Diktatur, der bei Regen weinte – war man sich in dieser Stadt hinter vorgehaltener Hand sicher – über den Intershop auf der anderen Straßenseite, in dem es die Waren nicht für DDR-Mark gab. 1990 entließ Karl Marx seine Kinder in die Freiheit, es war wieder Vormärz und Leipzig wurde täglich bunter. Straßenhändler aus dem Westen machten sich auf den Weg nach Sachsen, bauten ihre Stände auf, bis die Zahl der Flohmarktbesucherinnen und Flohmarktbesucher die Zahl der Montagsdemonstranten überschritt.
Der hannoversche Literaturverein “Dachluke” besuchte seine Partnerstadt, unterhielt sich in der Wohnung des Liedermachers Dieter Kalka mit Künstlerinnen und Künstlern aus der anderen Messestadt, erfuhr von Sorgen, die sich die Menschen am Sonntag der ersten freien Wahl machten – wie diese junge Mutter: “Am 1. April 1990 fange ich wieder an zu arbeiten. Ich habe einen Krippenplatz für meinen Sohn. Darüber bin ich sehr froh. In der Zukunft wird sich sicherlich vieles negativ verändern. Die Arbeitsplätze werden nicht mehr sicher sein, Krippenplätze werden rar.”
Linke unerwünscht
Sie sei zwar froh über die Entwicklung zur Demokratie, fügte sie damals hinzu, aber: “Früher wussten wir, was auf uns zukommt. Alles war geregelt. Das ist nun vorbei. Damit werden viele nicht fertig.”
Auch der Wirt einer Leipziger Kneipe war in der neuen Zeit noch nicht angekommen. Als die Grenzen geöffnet wurden, schloss er sein Lokal für alle, die er zum linken politischen Lager zählte. Die wurden von ihm nicht mehr bedient.
Fortsetzung folgt…
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