Ein Leipziger Wirt bediente also die Linken nicht mehr und die CDU hatte bis zum ersten freien Wahltag den wichtigsten Wunsch weiter Bevölkerungskreise bedient, den Wunsch, dass die DDR-Mark so schnell wie möglich verschwinden und die D-Mark eingeführt werden sollte.
People in motion – erst zu den Wahllokalen und dann zum Bankschalter. Die Sozialdemokraten hatten sich verrechnet, als sie auf Zeit setzten. Die Partei, die mit der Ostpolitik von Willy Brandt und Egon Bahr die ersten Schritte auf dem Weg zur friedlichen Revolution gemacht hatte, kam aus dem Tritt. Aus dem Westen wurden die falschen sozialdemokratischen Signale gesendet.
Schröder: Wiedervereinigung ist Unsinn
1986 hatte Gerhard Schröder in dem Buch von Peter Gatter “Gerhard Schröder – Der Herausforderer” die Wiedervereinigung noch für “Unsinn” erklärt, die deutsche Frage sei “zum Thema von Sonntagsreden und Stammtischgesprächen verkommen” – und was in den Hirnen der Bundesregierung vor sich ging, wusste er seinerzeit ganz genau: “…die Wiedervereinigung (ist) etwas, das man zwar beschwören, aber nicht ernst nehmen darf.” Die DDR werde niemals in der Bundesrepublik “aufgehen”.
Erich Honecker feierte seinen 77. Geburtstag, als es der niedersächsische Oppositionsführer Schröder nicht weit hatte bis zu einer Podiumsdiskussion, denn die fand in seinem damaligen Wohnort Lehrte bei Hannover statt. Diskussionspartner waren seinerzeit der DDR-Schriftsteller Stefan Heym und Egon Bahr. Die Frage lautete “Wo sind unsere Grenzen? – Deutschland im Wandel.”
Stefan Heym bestritt, dass er ratlos sei und dass in der DDR gerade der Sozialismus zusammenbreche, es sei der Stalinismus, der zu Grabe getragen werde und die Ausreisewelle könne man schnell glätten: “Allein schon der Schritt, den Medien mehr Freiheit zu gewähren, würde bewirken, dass die Ausreiseflut schlagartig zurückgeht.” Einig war sich Heym mit Egon Bahr, dass “die Lebensverhältnisse in der DDR” verbessert werden müssten. Gerhard Schröder warnte derweil vor “Schadenfreude” über den Zusammenbruch des Sozialismus, besser sei: “Es muss drüben eine wirtschaftliche Stabilität geben, damit es überhaupt zu Reformen kommen kann.”
Sie wissen nicht, was kommt
Was die Montagsdemonstranten erst in Leipzig, später in vielen Städten der DDR schaffen würden, hatten sich Schröder, Bahr und Heym in jenen Augusttagen des Jahres 1989 nicht einmal träumen lassen. Der “andere deutsche Herbst” nahm immer mehr Tempo auf, am 4. November 1989 demonstrierten auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin 500.000 für Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, in Leipzig gingen am 6. November 1989 ebenfalls 500.000 auf die Straße, die DDR war auf den Beinen und zog Ministerrat und SED-Politbüro die Füße unter dem Regierungshintern weg.
Ministerpräsident Willi Stoph und der Ministerrat traten am 7. November 1989 zurück, das SED-Politbüro am 8. November 1989 und Bundeskanzler Helmut Kohl reiste am 9. November 1989 nach Polen, während Zehntausende erst auf der Berliner Mauer standen und saßen und dann einen Ausflug in den anderen Teil der Stadt machten. Nach der Ausreisewelle schwoll die Besucherwelle an. Fast drei Millionen DDR-Bürgerinnen und DDR-Bürger besuchten am 19. November 1989 Werst-Berlin und Westdeutschland. Regina Herrmann aus Leipzig machte sich auf den Weg nach Hannover und lenkte dort häufiger als sonst den Blick nach unten, denn: “Der ‘Rote Faden’ ist eine nützliche Erfindung, 4698 Meter lang, mit leuchtender roter Farbe auf den Gehweg gemalt, führte er mich zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Vom Hauptbahnhof aus erreichte ich zuerst den Kröpcke. Hier präsentieren sich Geschäfte und Lädchen, dazwischen laden kleine Bistros und Eisdielen zum Verweilen ein. Es begegnen sich viele Menschen auf nur 600 Metern. In Gedanken stelle ich mir vor, wie unscheinbar und klein da doch die Kolonadenstraße in Leipzig ist.”
Fortsetzung folgt…
- Ein anderer “deutscher Herbst” (I): Die Maueröffnung wird volljährig
- Ein anderer “deutscher Herbst” (II): Die DDR ist nicht mehr zu retten
- Ja, er lebt noch, er lebt noch…
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