Ein anderer “deutscher Herbst”: Nach der Wahl Kopf hoch, tanzen!

Die DDR hatte am Abend des 18. März 1990 unversehens einen neuen Regierungschef bekommen: Bundeskanzler Helmut Kohl. Der ließ nach Schließung der DDR-Wahllokale und nach den ersten Prognosen von seinem CDU-Generalsekretär Volker Rühe verkünden: “Helmut Kohl hat die Wahl gewonnen.” Der war in der DDR zwar gar nicht angetreten, sondern

kohlmaiz.jpg Die DDR hatte am Abend des 18. März 1990 unversehens einen neuen Regierungschef bekommen: Bundeskanzler Helmut Kohl. Der ließ nach Schließung der DDR-Wahllokale und nach den ersten Prognosen von seinem CDU-Generalsekretär Volker Rühe verkünden: “Helmut Kohl hat die Wahl gewonnen.”

Der war in der DDR zwar gar nicht angetreten, sondern Lothar de Maiziére, Vizepräses der Synode des Evangelischen Kirchenbundes der DDR, seit 10. November 1989 Vorsitzender der CDU in der DDR und am 18. November 1989 gewählter stellvertretender Ministerpräsident der DDR, der vor der Volkskammer seine Eidesformel um “mit Gottes Hilfe!” ergänzt hatte, aber Ost-Sieg war West-Erfolg.

Wohin also der DDR-Hase laufen sollte, hatte Helmut Kohl allen klar gemacht, klar war auch der Wahlausgang, die Gründe für diesen Wahlsieg waren Uwe Bauer klar: “Die CDU war es, die sich als erste Partei aus dem Block mit der SED abspaltete und alle unbelehrbaren Köpfe von ihrer Spitze entfernte. Sie bekannte sich als erste Partei zur Deutschen Einheit und formulierte später, was im Einigungsprozess sofort möglich sei, solle schnellstens realisiert werden.

SPD sorgt für Verwirrung

Die SPD dagegen strebte eine allmähliche über Jahre hinweg dauernde Vereinigung an. Ihre Vorstellungen vom Weg zur Deutschen Einheit brachten nur Unklarheit und Unsicherheit in die politische Landschaft.”

Die nun nach einer Großen Koalition aus CDU und SPD rief, denn die PDS hatte mit 16,4 Prozent der Stimmen unerwartet gut abgeschnitten, stärkste Partei wurde – zwar nicht mit Helmut Kohl, sondern mit Lothar de Maiziére an der Spitze – die CDU mit 40,8 Prozent der Stimmen, die SPD landete mit 21,9 Prozent der Stimmen weit abgeschlagen auf Platz 2.

Da es bei dieser Wahl die Fünf-Prozent-Hürde noch nicht ab, zogen elf Parteien in die Volkskammer ein.

Immer noch Gefangener des Systems

Uwe Bauer aus Leipzig verharrte in der Beobachterrolle, kämpfte mit widerstreitenden Gefühlen, seinem Tagebuch teilte er mit, dass er sich “immer noch zu sehr als Gefangener dieses untergegangenen Systems” fühle und erinnerte sich an seine Zeit in der Volksarmee: “Ich sprach mit einem Vorgesetzten über meine Hemmungen, die Schusswaffe im Grenzdienst anzuwenden. Lebende Zielscheiben würden eine Blockierung in meinem rechten Zeigefinger bewirken. Man sprach lange und vergebens mit mir, sogar einen Mann von der Stasi mussten sie bemühen. Dieser redete mit mir am längsten und am lautesten, aber auch zum Glück ohne jedes Ergebnis. Wutschnaubend verließ er das Zimmer, schrie mir noch einen letzten Satz ins Gesicht: ´Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, tragen Sie selbst!´ Dieser Stasi-Mensch bescheinigte mir ´Für den Grenzdienst politisch nicht tragbar´, und ich wurde zur Wachkompanie versetzt.”

Später bekam Uwe Bauer keinen Studienplatz – und nach der Wahl wusste er nicht, wo sein Platz in der DDR war. SPD und CDU hatten sich bei den Koalitionsverhandlung inzwischen ineinander verbissen, während andere die Zeit nutzten: “Die neue Regierung will sich noch nicht finden, der alten Modrow-Regierung gibt das die Gelegenheit, ehemaligen Partei- und Staatsfunktionären Gelder und Villen zuzuschieben.”

Kopf hoch, tanzen, dachte sich in jenen Tagen Matthias Seydewitz: “Jemand hatte im Haus der Demokratie die Musik lauter gestellt. Das war unser Zeichen. Ich nahm meine Kumpanin und wir stiefelten in die Mitte der Bibliothek. Die Bücher begannen zu schweben, die Farben Schwarz-Rot-Gold verwischten ineinander und verschwanden. Dann waren da nur noch ich und sie. Eine Wahl hatte es nicht gegeben und was morgen sein würde, stand in den Sternen.”

Wird fortgesetzt

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Photo: Screenshot via physik3.de

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