Ein anderer “deutscher Herbst” (VI): Die Kinder der Revolution spielen nicht mehr im sozialistischen Roggen

Der Revolutionär Horst Büngener kümmert sich um das Wohl der Leipziger Spatzen, Uwe Bauer wirft einen Blick auf eine friedliche Stadt, die in diesem Jahr 1989 so viel erlebt hat: “Auf den Straßen ist noch wenig Bewegung. Die Menschen mögen es auszuschlafen, genießen die Zwanglosigkeit des Sonnabendmorgens.” Sie haben die

moniu.jpgDer Revolutionär Horst Büngener kümmert sich um das Wohl der Leipziger Spatzen, Uwe Bauer wirft einen Blick auf eine friedliche Stadt, die in diesem Jahr 1989 so viel erlebt hat: “Auf den Straßen ist noch wenig Bewegung. Die Menschen mögen es auszuschlafen, genießen die Zwanglosigkeit des Sonnabendmorgens.”

Sie haben die Staatsmacht in Schach gehalten, Angst vor russischen Panzern mussten sie nicht haben, in die Parteienlandschaft war Schwung gekommen, doch die friedliche Revolution fraß bereits ihre Kinder, hielt Uwe Bauer in seinen Aufzeichnungen fest: “Der Grundanstrich der Demonstrationen verblasst. Die Idee der Befreiung stalinistischer Strukturen und die Restauration des Sozialismus hin zu einer sozialen, gerechten und humanen Gesellschaft erstickt bereits in ihren Kinderschuhen. Das Neue Forum hält fest am dritten Weg, kann diesen aber nicht definieren. Die Montagsumzüge gleiten ab in eine andere Richtung und keine Partei, keine Bürgerbewegung und kein im Amt befindlicher Minister kann dies verhindern, geschweige denn aufhalten.”

Zweifel tauchen auf

Auch er musste sich an manche Gedanken erst gewöhnen, Zweifel stellten sich ein: “Wer einem Bildungssystem des Kalten Krieges erlegen war, was Doppelzüngigkeit, Bewusstseinsspaltung und falsche Vorstellungen förderte und forderte, auf den wirkt der Wunsch nach deutscher Einheit im Unterbewusstsein beängstigend. Es ist ein Gedanke, an den man sich erst gewöhnen muss.

Das Neue Forum ist enttäuscht von dieser Entwicklung und spricht sich entschieden gegen die Vereinigung aus. Es fühlt sich von Wiedervereinigungsfanatikern als Mitträger der Revolution überrannt” – und bekam bei den ersten freien Wahlen am 18. März 1990 in der DDR 0,4 Prozent der Stimmen für den Demokratischen Aufbruch.

Der Vormärz war von kurzer Dauer – wie die Schulaufenthalte des 16-jährigen Holden Caulfield in Salingers Kultroman “Der Fänger im Roggen“, der 1990 in die Leipziger Buchhandlungen kam und die Frage in den literarischen Raum warf: “Wo bleiben eigentlich die Enten aus dem Central Park im Winter?” Noch wünschten sich mit ihm einige Montagsdemonstrantinnen und Montagsdemonstranten, dass die Kinder der Revolution im sozialistischen Roggen spielen würden und Fangen nach Solidarität, Menschlichkeit und Gleichheit, wie es im Oktober 1989 noch gewesen war, doch dann wehten Montags in Leipzig die ersten Deutschland-Fahnen und Sprechchöre wurden laut: “Deutschland – einig Vaterland!”

Fortsetzung folgt…

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