Lohnt sich noch der Führerschein? Bald könnten Fahrzeuge auch ohne Fahrer von A nach B kommen. Das bewiesen kürzlich etwa 100 Teilnehmer der Roboter-Rallye “Urban Challenge” in den USA. Ob wir überhaupt wollen, dass es soweit kommt, über den Nutzen für militärische Zwecke und über die führende Rolle deutscher Ingenieure und Technik beim Challenge sprechen Prof. Dr. Christoph Stiller, Projektleiter des Teams AnnieWAY von der Uni Karlsruhe und Prof. Dr. Bernhard Rumpe, Leiter des Teams CarOLO von der TU Braunschweig. Beide hatten es mit je einem Team bis ins Finale der 11 Besten der Rallye geschafft.
RE: Die Erkenntnisse der Rallye sollen vor allem zu militärischen Zwecken genutzt werden, um beispielsweise unbemannte Panzer ins Kriegsfeld schicken zu können. Bereitet Ihnen das nicht Kopfzerbrechen?
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Stiller: Doch, das wäre eine Vergeudung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Für uns steht der sichere Straßenverkehr im Zentrum unserer Forschung. Deshalb sind wir bewusst mit einem normalen Personenwagen, einem Passat, angetreten.
Rumpe: Man muß wissen, dass in den USA praktisch alle Forschungstätigkeiten aus Regierungsstellen, die durchaus eine gewisse Militärnähe haben, finanziert werden, oft aber auch völlig militärfremde Sachen finanzieren. Die DARPA zum Beispiel hat mehr oder weniger auch das Internet erfunden. Dementsprechend haben wir dieses Kopfzerbrechen gehabt, uns dann aber dafür entschieden, für unsere zivilen Zwecke teilzunehmen und zu demonstrieren, dass intelligenten Fahrerassistenzsysteme im normalen Straßenverkehr in Zukunft möglich sein werden.
RE: Zwar sind Sie vorzeitig mit Ihrem Wagen im Finale ausgeschieden, sind Sie dennoch zufrieden mit dem Ergebnis?
Stiller: Ja sehr, es bis unter die 11 Teams im Finale geschafft zu haben ist ein Riesenerfolg. Damit reihen wir uns unter den US-Spitzenuniversitäten ein.
Rumpe: Ja, wir sind hochzufrieden. Von knapp 100 Teilnehmern haben wir uns einen 7. Platz ausgerechnet. Für einen Newcomer sind wir an der Stelle sehr weit gekommen.
RE: Welche Aufgaben enthielt der Hindernis-Parcour für die Wagen?
Stiller: Im Wesentlichen die Aufgaben, die jeder von uns beim Autofahren in der Stadt ausführt: Vorfahrt geben und – so man Sie den hat – auch wahrnehmen. Parkplatzsuchen, Einparken, in den Verkehr einfädeln, …
Rumpe: Der Wagen muss zunächst einmal sich 60 Meilen auf der Strasse halten können auf unterschiedlichen Arten von Straßen, sowohl doppelspurigen Landstraßen als auch in Wohngebieten.
RE: Von elf Teams im Finale waren zwei Teams aus Deutschland, auch in zwei amerikanischen Teams arbeiteten deutsche Forscher an verantwortlicher Stelle. Wieso sind gerade deutsche Spezialisten hier so erfolgreich und gefragt?
Stiller: Traditionell ist Deutschland stark im Automobilbau und in der Automobilforschung. Zusätzlich zu den beiden Teams im Finale, haben es noch zwei deutsche Teams ins Halbfinale geschafft. Unter 84 nicht vom Veranstalten gesponserten Teams haben es überhaupt nur 3 Teams ins Finale geschafft.
Rumpe: Zum anderen ist es auch so, dass es für die Lasertechnik die dort verwendet wird, im Wesentlichen zwei Hersteller gibt und einer der beiden Hersteller stammt aus Deutschland, die dann natürlich eben auch bei vielen Autos verwendet wurde und nicht nur die Technologie, sondern eben auch die schlauen Köpfe aus Deutschland dann eben teilweise mit importiert worden sind.
RE: Was ist entscheidend, um erfolgreich zu sein, worauf kommt es an bezüglich der Hard- und Software?
Stiller: Vor allem kommt es auf ein starkes Team an. Die Universität Karlsruhe, die TU München und die UB München haben hier Kräfte gebündelt. Seitens Hardware waren die erfolgreichen Teams ähnlich ausgerüstet: Laserscanner, Kameras, hochpräzise Satellitenortung und weniger Rechenleistung als mancher denkt, wir sind im Wesentlichen mit einem PC gefahren.
Rumpe: Laser ist das Grundprinzip, auf dem sehr viel basiert – die Hardware ist an sehr vielen Autos vergleichbar. Grundsätzlich geht es aber darum, die Software hinzubekommen, also der entscheidende Erfolgsfaktor, und das hat man auch bei den Gewinnern gesehen, ist die Software.
RE: Für den Laien in drei Sätzen erklärt: wie genau funktioniert das System, das den Wagen ohne Menscheneinwirkung auf der Strasse hält und sogar einparken kann?
Stiller: Die Sensoren erfassen das Umfeld des Fahrzeugs und durch Sensordatenauswertung entsteht im Rechner ein Bild, in dem Fahrbahnen, Kreuzungsverläufen und andere Fahrzeuge in der Umgebung wahrgenommen werden. Aus diesem Lagebild werden Fahrentscheidungen getroffen, die auf Regeln basieren, wie “Kollidieren nicht mit anderen” oder “Warte am Stopschild” bis alle anderen Fahrzeuge, die an der Haltelinie stehen gefahren sind.”
RE: Was denken Sie, wann wird das erste Auto auf normalen Strassen führerlos fahren können?
Stiller: Führerloses Fahren im öffentlichen Straßenverkehr dauert wenigstens noch 20 Jahre. Aber auf dem Weg bis dahin werden Automobilhersteller bereits erste Teilfunktionen in unsere Autos bringen. Z.B. können Auffahrunfällen oft schon ca. 0,6 Sek. vorher sicher erkannt werden. Würde man dann eine automatische Vollbremsung auslösen, wäre es zwar meist zu spät, um den Unfall vollständig zu vermeiden, aber der Unfall würde mit geringerer Geschwindigkeit stattfinden, was für beide Unfallpartner Vorteile bringt. Solche Funktionen lassen sich sehr bald schon umsetzen.
Rumpe: Ich würde sagen, in etwa 25 Jahren dürfte es soweit sein. Es gibt natürlich auch ein deutliches juristisches Problem. Denn wer ist denn schuld, wenn ein autonomes Fahrzeug doch mal einen Unfall bauen sollte? Und es ist auch ein gesellschaftliches Problem. Es ist immer die Frage, ob eine Gesellschaft das tatsächlich akzeptieren wird. Das ist aber auch nicht das Primärziel dieser ganzen Forschung, sondern eben intelligente Fahrerassistenzsysteme zu definieren, also eine Art intelligenten Beifahrer, der eine gewisse Übersicht über den Verkehr hat und im Gefahrenfall eingreifen kann.
Interview: Felix Kubach
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Gewinner des Rennens, und damit von 3,5 Millionen Dollar Preisgeld, war das Team Tartan Racing der US-amerikanischen Universität Carnegie Mellon University
Fotostrecke hier: (klick)
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