Es wird langsam besinnlich in Deutschland. Ungemütliche Wetterlagen und frühe Dunkelheit treiben die Menschen heim in die Stube. Kerzen brennen, der Kamin verbreitet schon jetzt oftmals die wohlige Wärme, die wir für unser Wohlbefinden brauchen. Bei den anstehenden Martinsumzügen oder aber einem Gang durch die Geschäfte wird klar: Weihnachtsstimmung ist schon jetzt – Mitte November – allerorts auf dem Vormarsch. Deutlich wird uns aber hoffentlich dieser Tage auch: Uns geht es gut. Stichworte wie Pakistan oder Georgien haben uns erneut wach werden lassen, ebenso wie der jüngste schreckliche Vorfall im nicht allzu fernen Finnland – die heile Welt in Pisa-Land ist zerbröckelt.
Unsere fleißigen Autoren und Autorinnen waren in der letzten Woche nicht müde, nahezu alle diese Ereignisse zu kommentieren und einen anderen Blickwinkel darauf zu ermöglichen. In unserem heutigen Rückblick werfen wir deshalb ebenfalls einen Blick in andere Regionen dieser Welt, schweifen kurz ab in die Vergangenheit, um am Ende wieder wohlbehalten in der Gegenwart zu landen, die, je nach Blickwinkel, für positive, nachdenkliche oder gar negative Stimmung sorgen kann.
Die Konfrontation mit dem Tod: Hinrichtungen in den USA und Müttersterblichkeit in Kamerun
Greifen wir also unseren Eingangs angestellten Gedanken wieder auf: “Uns geht es gut” lautete die These. Abgesehen von wirtschaftlichen, politischen oder privaten Problemen mag das generell betrachtet auch so ganz richtig sein. Zumindest sind wir vor einer Sache ziemlich sicher. Die Todesstrafe in all ihren grausamen Varianten wird in Deutschland nicht praktiziert. Ganz im Gegensatz zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Rolf Ehlers greift daher in seinem Beitrag “Ende der Todesstrafe in den USA? Ende der Giftspritze.” die aktuelle Entscheidung des Obersten Gerichtshofs um die Hinrichtung des Häftlings Earl Wesley Barry auf, um letztlich diese Art der “Bestrafung” gänzlich in Frage zu stellen. Wird zumindest die Giftspritze in den USA bald abgeschafft? Mit Schaudern liest man von besonders grausamen Fällen, bei denen die Tötung mit Hilfe dieser Methode zu einem unglaublichen Martyrium für die Verurteilten geführt hat. Auch Fehlurteile habe es gegeben, und unschuldige Menschen starben durch Mängel der Justiz einen wahrscheinlich qualvollen Tod. In seinen abschließenden Worten geht Ehlers noch einen Schritt weiter als die US-Justiz und resümiert: “Warum soll nicht endlich mit dem Verbot der Tötung von Straftätern generell Schluss gemacht werden?! Ein Staat, der seine Regeln durchsetzt indem er Menschen tötet, setzt ein verheerendes Beispiel für seine Bürger!” Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.
Schauer und Betroffenheit lösen sicherlich auch die Zeilen von Yemti Harry Ndienla aus. Das tragische Thema seines Beitrags vom vergangenen Dienstag: “Hohe Anzahl pränataler Krankheiten und Sterblichkeit in Kamerun“.
In der westlichen Welt Gang und Gäbe – in afrikanischen Entwicklungsländer ein Luxus: Zur Geburt eines Babys suchen Frauen in der Regel ein Kranken- oder Geburtshaus auf. Die medizinische Versorgung ist auch schon während der Schwangerschaft gewährleistet. Ndienla macht in seinem Beitrag klar: “Weniger als ein Viertel aller schwangeren Frauen in Kamerun entbindet tatsächlich in einem Gesundheitszentrum”. Die Folge: pränatale Krankheiten und Müttersterblichkeit sind weit verbreitet. Die Geschichte von Mama Rose, die zusammen mit einigen Verwandten unter starken Wehen den Weg ins 50 Kilometer entfernte Krankenhaus antrat und dennoch vor dem Eintreffen in der Klinik samt ihres ungeborenen Kindes verstarb, rüttelt auf. Wer an dieser Stelle jedoch den Faktor “Armut” ins Spiel bringt, der ist nach Ansicht von Ndienla auf der falschen Fährte. Frauen tun auch in Kamerun alles, um die bestmögliche medizinische Versorgung für sich und ihr Ungeborenes zu erhalten. Das Hauptproblem liege demnach vielmehr in den großen Entfernungen, die diese zurückzulegen haben. Oftmals wissen sie sich deshalb nicht anders zu helfen, als schon viele Wochen vor dem Geburtstermin in die Nähe des Gesundheitszentrums zu ziehen. Die Regierung ist mittlerweile auf die Situation aufmerksam geworden und es bleibt nur zu hoffen, dass in Zukunft weniger Mütter und Kinder das Schicksal von Mama Rose teilen müssen.
Hunger und Elend in Afrika vs. Müllhaufen der deutschen Geschichte
Wenige Wochen vor Weihnachten bleiben wir jetzt noch einmal in Afrika. Nein, die Intention hinter dieser Auswahl ist keine zu erzielende Herzenserweichung kurz vor dem Fest der Liebe, verbunden mit dem mahnend erwachendem schlechten Gewissen oder ähnlichen Assoziationen, die den Leser an dieser Stelle vielleicht ereilen mögen. Doch die Bewusstseinsmachung der eigenen Situation durch gezielte Blicke auf andere Schicksale hilft vielleicht, auf ein Neues in zuvor schon vergessenen Relationen zu denken. Deshalb geht es nun nach Simbabwe, worüber Bhuwan Thapaliya schreibt: “Die Hoffnung auf wirtschaftliche Stabilität und Ernährungssicherung oder sogar widerwillige politische Regelungen erlöschen in Simbabwe derzeit schnell.” Das Land ist von Hunger und Elend geplagt, die Zahl der chronisch unterernährten Bevölkerung nimmt rapide zu. Aus einem Staat mit ehemals florierender Landwirtschaft ist nicht zuletzt dank Robert Mugabes Landreform eine Region geworden, aus der immer mehr Menschen fliehen. Vier Millionen Menschen werden nach Schätzungen des Welternährungsprogramms bereits 2008 Lebensmittelhilfen benötigen, verbunden mit rund 80 Prozent Arbeitslosigkeit und wenig Aussicht auf Besserung ein Teufelskreis, der aufgrund der großen Zahl an Asylsuchenden mittlerweile auch Nachbarstaaten wie Südafrika, Mosambik und Sambia erreicht hat. Die Menschen sind verletzlich geworden, Verzweiflungstaten und ein tieferes Absinken ins Chaos sind nicht mehr auszuschließen. Und Herr Mugabe? Dieser sollte sich nach Meinung des Autors ziemlich schnell eine Antwort für sein leidendes Volk überlegen.
Doch abschließend zurück nach Deutschland und noch einmal tief durchatmen, denn auch Claus-Dieter Stilles Titel “Wird Filmlegende Konrad Wolf abgewickelt?” bietet nicht minder spannenden Lesestoff. Sein Einstieg fällt da auch recht provokant aus: “Nach dem Ende der DDR geriet verständlicherweise manches mit ihr in Verbindung stehende auf den Prüfstand. So einiges wurde dann auch auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt. Denkmäler stürzten, Straßen nannte man um. – Wo gehobelt wird, fallen bekanntlich Späne. Manches fiel zu Unrecht. Schließlich war ja nicht alles schlecht, oder?” Schon vor Jahren sorgte der Namenspatron der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen für Unruhe. Einige wollten ihn gar ein zweites Mal sterben lassen und seinen Namen nicht mehr in Verbindung mit der Einrichtung sehen, andere wiederum hielten dagegen, man könne nicht alle kulturellen Traditionen der DDR mit Füßen treten. Dieser Tage flammt die Diskussion erneut auf. Aus der Hochschule soll eine Filmuni werden, Präsident Wiedemann ist Wolf ein Dorn im Auge. Erweist sich der Name hier etwa als Störfaktor für die Reputation nach Außen, ist die Studentschaft heutzutage eher mit anderen Künstlern verbunden? Mitnichten, so sehen es zumindest jene, die nun die Stimme des Protestes gegen dieses Vorhaben erheben. Auch Stille schließt sich dem an und fügt letztlich hinzu: “Auf den Müllhaufen gesamt-deutscher Geschichte gehört so einiges. Bestimmt auch die so besonders ‘einleuchtend’ sollend dahergekommene Idee des HFF-Präsidenten Wiedemann. Ganz sicher jedoch nicht der Name Konrad Wolf.”
Hoffentlich wohlbehalten sind wir nun am Ende unserer wöchentlichen Bilanz angekommen und empfehlen Ihnen abschließend noch ein Interview zum Thema Contergan, welches durch mehrere Fernsehbeiträge in dieser Woche wieder in das öffentliche Blickfeld geraten ist.
Wir hoffen, Ihnen hiermit noch einmal Lust gemacht zu haben, sich den ein oder anderen Beitrag vielleicht noch einmal anzusehen oder selbst zur Feder zu greifen. Die gesamte Redaktion der Readers Edition wünscht Ihnen, liebe Leser, ein erholsames und geruhsames Wochenende und blickt gemeinsam mit Ihnen gespannt auf die kommende Woche – mit allem, was da kommen mag.
Ihre Redaktion Readers Edition
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