Der notorische Störenfried

Es ist Herbst. Wie fast jedes Jahr im letzten Jahrzehnt legt Peter Scholl-Latour Zeugnis seiner Jahresreisen ab. Während 2005 die USA, 2006 Russland dran waren, so schien es, wäre dieses Jahr China an der Reihe. Weit gefehlt. Von allen Gegenden der Welt bringt der mittlerweile 83 – jährige Weltreisende und

scholllatour.jpgEs ist Herbst. Wie fast jedes Jahr im letzten Jahrzehnt legt Peter Scholl-Latour Zeugnis seiner Jahresreisen ab. Während 2005 die USA, 2006 Russland dran waren, so schien es, wäre dieses Jahr China an der Reihe. Weit gefehlt. Von allen Gegenden der Welt bringt der mittlerweile 83 – jährige Weltreisende und letzte „Welterklärer“ (Spiegel) seine Erfahrungen mit ein. Der Titel des Buches: „Zwischen den Fronten. Erlebte Weltgeschichte.“

Der Titel lässt vermuten, dass es sich um das neue Buch um eine Biographie handeln könnte. Auch liest sich das Inhaltsverzeichnis so, als wenn ein alternder Autor Zeugnis ablegt von den vielen Schlachten, Stürzen, Krisen und Kriegen, die er miterlebt hat. Doch mitnichten.
Schon auf der ersten Seite schreibt Scholl-Latour, dass er erst daran denke, sich an die Biographie zu machen, wenn ihn das Alter ans Bett fesselt.

Auklärer und Kritiker

Vielmehr wird er auch weiterhin die Welt bereisen und hinterher mit erhobenen Zeigefinger warnen. Auch im vorliegenden Werk kritisiert der ehemalige Journalist und französische Fallschirmjäger die üblichen Verdächtigen: Nicht nur die Deutschen samt Bundeswehrführung, Politik und Öffentlichkeit, sondern die gesamte westliche Welt. So schreibt er über den Afghanistaneinsatz.Doch Scholl-Latour kritisiert, um aufzuklären. Er legt scheinbar der gesamten Welt einen Spiegel vor, er hinterfragt auch dort, wo es weh tut und bisweilen nicht die political correctness gebietet.

Aber Scholl-Latour weiß um seine Person, der Persona non grata. Er sieht sich selbst als „notorischen Störenfried“, der zu Fernsehdiskussionen eingeladen wird.
Auffallend: Im Gegensatz zu seinen beiden letzten Büchern „Russland im Zangengriff“ und „Weltmacht im Treibsand“ poltert er weniger stark gegen die Etablierten der Welt. Fast entschuldigend schreibt er: „In diesem Sinne mache ich mich an eine Veröffentlichung, an einen „Essay“, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und bewusst auf die individuelle Beurteilung ausgerichtet ist.“

Denn noch in „Russland im Zangengriff“ drohte er schelmisch, dass alte Herren nichts mehr zu verlieren hätten. Sein Buch gliedert sich in vier Kapitel: USA, Mittlerer Osten, Fernost und die Achse Deutschland/Frankreich. Natürlich gibt er den Irakkrieg verloren – wie in den Vorgängerbüchern auch: „In Bagdad ist mehr zu Schaden gekommen als eine verfehlte militärische Planung oder eine politische Utopie. Die hehre Idee einer aus freien Wahlen hervorgegangenen Volksvertretung, das Kernprinzip unserer Demokratie, ist dort vor die Hunde gegangen.“

Im nächsten Schritt geht er auf den Orient und den internationalen Terrorismus ein. Er kritisiert, dass immer wieder von einer Bekämpfung des Terrorismus gesprochen wird, obwohl dieser „eine Methode des Kampfes“ sei und er als „…greifbarer Gegner gar nicht identifiziert werden“ könne. Zudem erteilt er eine Absage an die Türkei hinsichtlich einer Aufnahme in die Europäische Union – Kultur und Größe des Landes am Bosporus würden dem zuwiderlaufen. Außerdem befinde sich der Staat in einer Re-Islamisierung.

Weltmacht China

Die aufstrebende Weltmacht China lobt er und relativiert die Geschehnisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Den USA gibt er in einer potentiellen Auseinsandersetzung mit dem Reich der Mitte keine Chance: „Wer in Vietnam zum wenig rühmlichen Rückzug durch die „Zwerge“ von Hanoi gezwungen wurde, sollte jede Absicht aufgeben, gegen eine Milliarde Chinesen und die unermesslichen Weiten ihrer Volksrepublik militärisch vorzugehen.“

Den Schlussakkord setzt das Kapitel über die deutsch-französische Achse. Scholl-Latour, der Deutsch-Franzose, sieht Deutschlands Zukunft im engen Schulterschluss mit dem linksrheinischen Nachbarn. Dies betrifft besonders die Außen- und Sicherheitspolitik. Interessant: Atomwaffen für Deutschland und Einsatz präemptive Schläge im Notfall – allein oder im Zusammenwirken mit der grande nation.

Sprachliche Schoten und Kabinettstückchen bietet auch dieses Buch wieder. Er vergleicht japanische Offiziere mit gestiefelten Katern, Fidel Castro lässt er als Don Quichotte gegen Windmühlen anrennen und Selbstmordattentäter sind für ihn „mörderische Todesengel“.

Kurzum: Fans von Scholl-Latour werden das Buch verschlingen und Kritiker haben wieder etwas zu meckern. Erschienen ist das Buch im Verlag Propyläen, München, Berlin 2007
Photo: Screenshot via Amazon.de

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