BEST OF READERS EDITION – eine Wochenbilanz

Haben Sie schon einmal etwas vom “Boreout-Syndrom” gehört? Menschen, die sich vor lauter Langeweile und Unterforderung in ihrem Job eine eigene Welt mit allem dazugehörigen Stress aufbauen leiden also am Gegenteil des weitläufig bekannten Burnouts. Eine schlimme Sache mit fatalen Folgen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Was das mit der Readers

mihgs.jpgHaben Sie schon einmal etwas vom “Boreout-Syndrom” gehört? Menschen, die sich vor lauter Langeweile und Unterforderung in ihrem Job eine eigene Welt mit allem dazugehörigen Stress aufbauen leiden also am Gegenteil des weitläufig bekannten Burnouts. Eine schlimme Sache mit fatalen Folgen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Was das mit der Readers Edition zu tun hat? Eigentlich herzlich wenig oder vielleicht doch?

Bei einem Blick auf die Beitragsflut der vergangenen Woche können wir uns zumindest sicher sein: An Langeweile leidet hier niemand und die berühmten kreisenden Kulis in den Fingern fliegen bei uns nicht grundlos durch die Luft, sondern versuchen stets einen klugen Gedanken einzufangen. Dass das auch den fleißigen Autorinnen und Autoren in den letzten trüben Novembertagen auf ein Neues mit Bravour gelungen ist, bedarf an dieser Stelle nun wirklich keiner außerordentlichen Betonung mehr. Freuen wir uns also vielmehr auf den kommenden Rückblick, der versucht, einen, wenn auch spärlichen, Eindruck über den Facettenreichtum der vergangenen Woche zu liefern und garantiert kein Boreout aufkommen lässt.

Auf geheimer Mission und der Rückzug ins Private

Spannend ging es bereits am letzten Montag mit einem Beitrag von Amina Runge los. In Wort und Ton berichtet sie in “U.S. Air Force-Soldat als Zeitzeuge eines Militäreinsatzes im Kampf gegen Drogen” von Miguel M. Macano, der in den 90er Jahren mit einer kleinen Elitetruppe der USA im fernen Kolumbien eingesetzt war, um dort ohne Papiere und Herkunftsnachweis den Kampf gegen Drogen aufzunehmen. Die Folgen für den Soldaten waren fatal. Zehn von 22 Männern gerieten dabei in Gefangenschaft und auch er wurde eingesperrt. Neben elfmonatiger Folter hatte er jedoch auch Zuhause mit massiven Problemen zu kämpfen. Für seine Familie bedeutete der Einsatz ein absolutes Sicherheitsrisiko, dem seine Frau am Ende nicht mehr standhalten konnte. Was folgte, war die Scheidung. Die Zweifel an diesem Einsatz sind groß. Für den 44-jährigen Macano ist die Welt jedoch mittlerweile nicht mehr die, die sie einmal war. Hören Sie seine bewegende Geschichte, wie sie sonst wohl nur selten an die Öffentlichkeit dringt.

Als bewegend ist in diesem Zusammenhang sicherlich auch ein weitreichendes politisches Ereignis in dieser Woche zu bezeichnen. Arbeitsminister Franz Müntefering nahm seinen Hut und zog sich zurück. Die Krankheit seiner Frau gab für den kantigen Politiker den Anlass, der zuletzt auch in Berlin mit Gegenwind zu kämpfen hatte. So setzte er letztlich konsequent seine Prioritäten zu Gunsten seiner Familie. Heinz-Peter Tjaden nahm dies zum Anlass, um in seinem Kommentar “Münte geht – Scholz der richtige Mann im Ministerium” nun einen Blick auf das derzeitige Geschehen zu werfen. Seiner Meinung nach ist der Großen Koalition ein “Stützpfeiler” hinweggebrökelt, der zwar jüngst auch einige Risse zu verzeichnen hatte, aber nach wie vor als Mann mit “Basta-Haltung” bekannt war. Der in Tjadens Augen an Niederlagen gewöhnte Olaf Scholz soll ihm nun folgen. Kurt Beck darf als künftiger Kanzlerkandidat dagegen jetzt wohl nicht durch weitere politische Ämter verschlissen werden. Man darf also gespannt sein, wie sich der “Neue” in Zukunft in die Fußstapfen von “Münte” einfinden wird.

Kampf dem Terrorismus und Neues von Peter Scholl-Latour

Über Zukünftiges macht sich dann auch Marius Baumann in seinem Artikel “Die Psychologie der Überwachung” Gedanken. Denn nun ist es seit einigen Tagen amtlich: Die Vorratsdatenspeicherung, die im Vorfeld scharfe Proteste unterschiedlichster Lager ausgelöst hat und noch immer auslöst, ist beschlossene Sache. Baumann will sich dieser Tatsache weder juristisch noch politisch, sondern diesmal rein psychologisch, also von einem völlig anderen Standpunkt aus, nähern. Und so geht es bei ihm hauptsächlich um die Frage nach dem noch vorhandenen oder vielleicht sogar mittlerweile geschwundenen Vertrauen der Bevölkerung in unseren Staat, die damit einhergehende nicht mehr mögliche Unbefangenheit in der Kommunikation und die daraus resultierenden Folgen. So schreibt er: “Durch die Schäuble´sche Umkehr der Unschuldsvermutung in einen Generalverdacht wird m.E. alles andere als Vertrauen gegenüber dem Bürger dokumentiert. Käme dergleichen in privaten Beziehungen vor, so würde man von einer ernsten Störung der Beziehung sprechen.” In der potentiellen Überwachungsmöglichkeit sieht er daher eine extreme Form der Verletzung der eigenen Kontroll- und Selbstbestimmungsbedürfnisse. Doch warum regen sich scheinbar nur wenige über ein solches Vorhaben auf? Sind wir die Transparenz der eigenen Person durch Internet und Co. vielleicht sogar schon gewohnt? Vielleicht. Die Folgen für den Einzelnen mögen seiner Ansicht nach nicht sofort spürbar sein, doch an eine Folgenlosigkeit für das gesellschaftliche Klima glaubt er nicht. Vielmehr ist er davon überzeugt, dass sich der einzelne Bundesbürger schon im Vorfeld überlegen wird, was er tue oder sage. Prävention aus Angst vor Strafe, das Stichwort der Stunde. Kritische Impulse in der Zukunft könnten da Mangelware werden. Ist also unsere Demokratie bereits am Ende? Baumann entwirft am Ende seines Artikels ein “Horrorszenario”, dass uns mit Sicherheit mehr als eine Nacht beschäftigen wird.

Polarisierend geht es nun auch gleich weiter. Thomas Brackmann hat sich das neueste Werk des “notorischen Störenfriedes” und “Welterklärers” Peter Scholl-Latour vorgenommen und liefert uns einen kurzen, aber nicht minder knackigen Einblick in die Gedankenwelt des 83-jährigen Journalisten und ehemaligen französischen Fallschirmjägers, der nach eigenen Aussagen erst an eine Biographie denkt, wenn ihn das Alter endgültig ans Bett fesseln würde. In seinem neuesten Buch “Zwischen den Fronten” nimmt dieser sich nicht, wie nach einem Blick auf auf Russland und die USA erwartet, China vor, sondern holt diesmal zu einem gedanklichen Rundumschlag aus. In vier Kapiteln widmet er sich mit erhobenem Zeigefinger diesmal den USA, dem Mittleren Osten, Fernost und der Achse Deutschland/Frankreich, was er auch in diesem Werk mit den gewohnten sprachlichen Schoten und Kabinettstückchen unterlegt. Das Resümee Brackmanns bleibt dagegen anders als die eindeutigen Aussagen Scholl-Latours eher offen: “Fans von Scholl-Latour werden das Buch verschlingen und Kritiker haben wieder etwas zu meckern.” So denn, da müssen wir wohl selbst ran!

Aufwühlende Geschichte im Theater

Ein Plädoyer für die Menschlichkeit“, der Titel des neuesten Beitrags von Leporello spricht Bände. Fast prophetisch hallt er nach, wenn sich der Leser der nachfolgenden Besprechung von Anne Maars und Andreas Armand Aelters Stück “Weiße Rose” widmet. Das Fränkische Theater Schloss Maßbach hat unter Augustinus von Loe ein wichtiges Stück Zeitgeschichte auf die Bühne gebracht. Spannend und mit schlüssiger Charakterzeichnung bringen die Schauspieler aus Unterfranken die Geschichte von Sophie Scholl und ihren Anhängern auf die Bretter, die die Welt bedeuten und zeigen damit eindrucksvoll “die allgegenwärtige Angst, das tapfere Eintreten für Menschlichkeit und den Widerstand gegen Unkultur und Terror unter der Nazi-Herrschaft”. Ein gelungener Tipp für das nun anstehende Wochenende, wenn er auch weder leichte noch beschwingliche Kost für uns bereithält.

Mit diesen Gedanken verabschiedet sich die Redaktion nun auch in die wohlverdienten freien Tage. Denen wir abschließend doch noch einmal ein zusätzliches Lob an alle unsere fleißigen Autorinnen und Autoren beifügen möchten. Trotzen Sie auch weiterhin der Langeweile und erfreuen Sie sich gemeinsam mit uns an den vielen Facetten der Readers Edition.

Ihre Redaktion Readers Edition

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