“(…) in der Politik gilt dieses Diktum nun mal, das Wolf Biermann so formuliert hat: Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um – gut gesagt, was? Und dies gilt, ob uns dieser Mann nun gefällt oder nicht und ich erwähne ihn natürlich in dem Wissen darum, dass Biermann den Linken nicht gefällt, nicht mehr gefällt. Ich erwähne ihn mit pädagogischen Absichten: das ist etwas, was die Linke lernen muss, Wahrheiten auch dann zu akzeptieren, wenn sie von der anderen Seite kommen und sie muss dies lernen, weil die Linke schwach ist, auch geistig schwach ist, wie ich hier im Unfertigen Gedanken auch noch tausend Mal, wenn es denn sein muss, wiederholen werde”, hat sich Florian Havemann am 18. April 2006 das erste und bislang letzte Mal in seiner Internet-“Zeitschrift für unfertige Gedanken” mit einem Satz von Wolf Biermann beschäftigt.
Schlagzeilen machen die Beiden jetzt in anderen Medien, weil der Eine über den Anderen schreibt. Die Nachricht lautet: Im Suhrkamp-Verlag erscheint nächste Woche ein Tatsachenroman von Florian Havemann, in dem der 55-Jährige behauptet, Wolf Biermann habe kurz vor seiner Abreise zu einer Tournee in Westdeutschland mit der Frau von Erich Honecker geschlafen.
Die damalige DDR-Volksbildungsministerin Margot Honecker und der in der DDR mit Berufsverbot belegte Liedermacher in einem Bett? Das klingt nach einem verspäteten April-Scherz.
Ausbürgerung schon bekannt?
Als der heute 71-Jährige am 13. April 1976 auf Einladung der IG-Metall-Jugend auf der Bühne der Kölner Sporthalle stand, soll er bereits gewusst haben, dass er niemals in die DDR würde zurückkehren dürfen? Gewusst hat er das, weil sich Margot Honecker während eines One-Night-Stands nicht nur entblätterte, sondern auch als Plaudertasche entpuppte?
Damit hat wohl niemand gerechnet: Das Kölner Konzert macht noch einmal Schlagzeilen und für “Bild am Sonntag” steht fest: “Wenn es so gewesen wäre, dann wäre Biermanns Nimbus als aufrechter Regimekritiker des SED-Regimes hin!”
So aufrecht wie das Springer-Blatt heute tut, haben sie Wolf Biermann damals allerdings nicht gefunden. Als bekannt wurde, dass dieses Konzert von der ARD live übertragen werden sollte, gab es ein merkwürdiges Bündnis, zu dem die CDU auf der rechten und die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) auf der ganz linken Seite gehörten.
Keine TV-Plattform für Kommunisten
Das kann man heute noch in einer Dokumentation nachlesen, die mit zwei Schallplatten seinerzeit bei der CBS Schallplatten GmbH erschienen ist. Die geplante Live-Übertragung wurde auf politischen Druck gekippt, weil die CDU die Auffassung vertrat, dass man einem Kommunisten nicht zur besten Sendezeit eine Plattform bieten dürfe.
Über den Bildschirm flimmerte schließlich zu nächtlicher Stunde eine Aufzeichnung des Konzerts, bei dem Wolf Biermann alle Auftrittsrekorde brach. Hin und wieder entschuldigte er sich dafür, dass er einfach kein Ende fand, diskutierte fast zehn Minuten lang über sowjetische Panzer, die in der DDR, in Ungarn und in der CSSR Aufstände niedergewalzt hatten, und sang im Anschluss ein Lied über “Flori Have”, also über jenen Florian Havemann, der 1968 verurteilt worden war, weil er gegen das gewaltsame Aus für den “Prager Frühling” protestiert hatte und 1971 in den Westen geflüchtet war, machte sich lustig über die Bürokratie in der DDR und über die Ost- und West-Linken, die sich bei gemeinsamen Diskussionen in seiner Wohnung hoch schaukelten, wenn es darum ging, den Staat, in dem man lebte, noch schlechter zu machen als er schon war, und als er auch noch Publikumswünsche erfüllte, tat er das mit dem Hinweis, dass er an diesem Abend “zu jeder Schandtat” bereit sei.
CDU und DKP gegen Biermann
Diese Anmerkung wurde ihm nach dem Konzert von der DKP-Zeitung “Unsere Zeit” aus dem Zusammenhang gerissen um die Ohren geschlagen, als es für die West-Kommunisten darum ging, den Ausbürgerungsbeschluss der Ost-Kommunisten zu rechtfertigen.
Auch “Ich möchte am liebsten weg sein – und bleibe am liebsten hier” sang Wolf Biermann am 13. April 1976 auf der Bühne der Kölner Sporthalle. Dabei soll er auch ein wenig an Margot Honecker gedacht haben, denn eine Liebesnacht mit der gefürchteten Volksbildungsministerin vergisst Mann doch wohl auch als Kritiker ihrer Politik nicht so schnell?
Die gemeinsame Biermann-/Honecker-Nacht ist wohl kaum mehr als ein gelungener PR-Gag für ein Buch, das nun auch viele lesen werden, die bislang mit dem Namen Florian Havemann weniger anfangen konnten als mit dem Namen Wolf Biermann.
Man trifft sich im Leben eben zweimal, der Liedermacher und der Buchautor sogar häufiger – das nächste Mal am 26. November 2007, wenn das Buch “Havemann von Florian Havemann” erscheint. Klagen will Biermann nicht, vielleicht aber schreibt er wieder einmal ein Lied über “Flori Have”?
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