Am Freitag soll im Libanon ein neuer Präsident gewählt werden. Scheitert die Abstimmung, droht das Land im Chaos zu versinken. Andreas Wischnat, Student an der American University of Beirut, spricht im Interview über die angespannte Situation.RE: Das Land kommt nicht zur Ruhe. Immerhin schlugen im letzten Jahr dort noch israelische Raketen ein. Wie schätzt du die derzeitige politische Lage ein?
Wischnat: Die politische Lage ist absolut fragil. Seit dem 34-Tage Krieg jagt eine Krise die andere. Die Frage ist nicht ob, sondern an welcher Front es als nächstes kracht. In den nächsten Tagen ist es wieder so weit. Den Parlamentariern, die seit einem knappen Jahr nicht getagt haben, bleiben verfassungsgemäß noch zwei Tage, sich auf einen neuen Präsidenten zu einigen. Wenn sie sich bis Samstag nicht auf einen Einheitskandidaten einigen, wird es Probleme geben. Bis Anfang der Woche war ich noch optimistisch. Aber mit jedem Tag sieht es schlechter aus. Gestern wurde das Sicherheitsaufgebot von Polizei und Militär in der Innenstadt massiv aufgestockt. Und die letzten Mohikaner der Friedensbewegung, versammelt unter dem Namen “Khalas !” – was so viel heißt wie “genug !” oder “es reicht !”, haben nicht den Mumm zur Massendemo aufzurufen (In dieser Woche erst war ich auf der internen Sitzung). Das sieht gar nicht gut aus, wie ich finde. Schreckensszenarien gibt es reichlich. Aber das ist so üblich hier – dann und wann versinkt man in Pessimismus und dann geht es doch irgendwie weiter.
RE: Beirut gilt als Schmelztiegel der Religionen. Wie funktioniert das Zusammenleben dort und inwieweit wird es von der religiösen Zugehörigkeit bestimmt?
Wischnat: Lifestyle ist das Zauberwort. Zumindest für die junge Upperclass, ist das Alltagsleben von einem westlichen Lifestyle geprägt, der die konfessionellen Unterschiede beiseite drängt – nur oberflächlich, mag man kritisieren, (für überkonfessionelle Eheschließungen müssen Libanesen immer noch das Land verlassen…) aber auch diese Art Gemeinsamkeit erleichtert das Zusammenleben. Ich denke man kann alle Stufen der Koexistenz in Beirut vorfinden: räumlich segregiert lebende Parallelgesellschaften, geduldetes Aneinander-vorbei-leben, tolerierendes Nebeneinander, bis hin zum friedlichen Miteinander. Einen Schmelztiegel würde ich es deswegen nicht nennen. In den Köpfen mancher existieren noch immer die Grenzen der geteilten Stadt zu Zeiten des Bürgerkrieges. Konfessionelle Unruhen zwischen Shiiten und Sunniten kosteten Anfang dieses Jahres noch Todesopfer. Alle Parteien besitzen ihre Milizionäre und sorgen im Zweifelsfall in ihren Stadtteilen für “Sicherheit”.
RE: Was bekommst Du von Polizei und Straßensperren mit, was von Demonstrationen?
Wischnat: Straßensperren, Polizeieinheiten mit Kakiuniformen und MGs, Panzerfahrzeuge der Armee und private Sicherheitsdienste sind überall und ständig zugegen in Beirut. Wenn ich abends um 11 Uhr von der Uni durch die Innenstadt nach Hause laufe, von West- nach Ostbeirut, könnte ich ohne weiteres ein Dutzend unterschiedlicher Einheiten zählen. Es steht quasi an jeder Straßenecke und vor jedem Gebäude mittelmäßiger Bedeutung Wachpersonal. Unheimlich fand ich bislang nur die Nachbarschaftswache in dem christlichen Viertel, in dem ich wohne. In den Juniwochen der gehäuften Bombenanschläge, folgten sie mir skeptisch bis an die Haustür. Seitdem wollte ich mich eigentlich auf die Botschaftsliste für deutsche Staatsbürger eintragen. Falls ich ins Verhör genommen würde, könnte ich dann unsere Jungs von der GSG 9 einschalten (lacht). Und schon findet man sich wieder, im Bedarf nach einer eigenen Armee des Vertrauens.
Interview: Felix Kubach
- – -
Andreas Wischnat (26) studiert seit September 2006 in Beirut in einem Mastersprogramm für Middle Eastern Studies an der angesehenen Elite-Universität AUB (American University of Beirut). Während das Studium für Ausländer in der Regel über Stipendien oder Austauschprogramme finanziert wird, müssen die meisten Studenten bis zu 10.000 Dollar pro Jahr hinblättern. Es gilt als ungeschriebenes Gesetz, dass sich die Eliten des Landes von dieser Uni rekrutieren. Wischnat absolviert an der Universität Arabischkurse und besucht verschiedene Seminare, etwa zum politischen System Libanons, zur Effizienz der UNIFIL Friedensmission, der wirtschaftlichen Entwicklung in der Region oder über Glaube und Vergnügen im Islam.
.
Zu den Bildergalerien “News in Bildern”:
Pingback: Readers Edition » Beirut: Notizen am Abgrund - Ein Erlebnisbericht