Gestern machte eine Meldung Schlagzeilen, in der Hans-Werner Sinn, Präsident des CESifo, laut über die Möglichkeit einer Erhöhung des Renteneintrittalters auf 77 Jahre nachdachte. Damit übertraf er Vorschläge des Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble, das Renteneintrittsalter zunächst auf 70 Jahre anzuheben. Kaum ist Franz Müntefering als Minister aus dem Kabinett von Angela Merkel ausgeschieden, der das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre heraufsetzen ließ, so wird eine Fortsetzung der Debatte um die Dauer der Lebensarbeitszeit erneut angefacht.
Cui bono?
Wem nutzt es, fragten sich schon die alten Römer, wenn einem gerade unter großem öffentlichen Protest insbesondere auch der Gewerkschaften in Deutschland das Renteneintrittsalter heraufgesetzt wurde? Offensichtlich ringen die CDU und mit ihr eine Reihe von Ökonomen um die Lufthoheit bei einer zukünftigen Debatte. Mit der von Franz Müntefering getroffenen Entscheidung war es der SPD innerhalb der Großen Koalition gelungen, das Thema von der aktuellen Politikdebatte zu entfernen. Nun soll es nach seinem Rücktritt sofort wieder als Thema auf die Agenda gesetzt werden. Da es nun die CDU in Person des Bundesinnenministers ist – Angela Merkel hat sich gegen eine derzeitige Diskussion über das Thema ausgesprochen – kann man dies als Vorgeplänkel eines zukünftigen Wahlkampfes ansehen.
Nun ist eine solche Forderung alles andere als populär, mithin schadet es möglicherweise der CDU jetzt in der Debatte um das Renteneintrittsalter noch nachzulegen. Umgekehrt wird jedoch von dem konservativen Flügel versucht, das Thema bereits jetzt zu besetzen. Später kann man dann ja darauf verweisen, dass man bereits frühzeitig weiteren Reformbedarf angemeldet habe.
Lebenserwartung und Lebensarbeitszeit
Grundlage für die gesamte Diskussion sind Prognosen über die zukünftige Entwicklung der Lebenserwartung. Der Demographieforscher James W. Vaupel hat schon vor längerer Zeit mit dem Ergebnis seiner Untersuchungen über historische Trends zur Lebenserwartung große Aufmerksamkeit in der breiten Öffentlichkeit erregt. Danach steigt die Lebenserwartung relativ kontinuierlich seit rund 200 Jahren im langfristigen Durchschnitt der OECD-Länder um jährlich drei Monate an.
Mithin würde bei unveränderter Fortsetzung dieses linearen Trends bei konstantem Renteneintrittsalter – ob nun 65, 67, 70, 73, 77 Jahre – irgendwann der Zeitraum der Erwerbsdauer und damit auch die Ansparphase für die späteren Renteneinkommen zuungunsten der Rentenbezugsdauer relativ sinken. Das klassische Modell der Rentenversicherung in Deutschland basierend auf einer Erwerbsdauer von 45 Beitragsjahren (der Erwerbsdauer des so genannten Eckrenters) wird aufgrund veränderter Verläufe der Erwerbsbiographien der Personen im erwerbsfähigen Alter heute in der Regel nicht mehr erreicht. Durch längere Ausbildungsdauer, Frühverrentungen, lang andauernde Arbeitslosigkeit, etc. sinken die Jahre, in denen Beiträge in die Rentenversicherung eingezahlt werden, bisher deutlich. Aufgrund der ungünstigen demographischen Entwicklung infolge niedriger Geburtenzahlen verschlechtert sich darüber hinaus die Relation zwischen der Zahl derjenigen im erwerbsfähigen Alter und denen die im Rentenbezugsalter sind. Mithin führen alle die Entwicklungen langfristig, behält man das derzeitige starre System eines gesetzlich fixierten Renteneintrittsalters bei, zu einem Finanzierungsproblem der gesetzlichen Rentenversicherung.
Es böte sich daher an, eine dynamische Anpassungsformel anstelle der Fixierung des Renteneintrittsalters mit Bezug auf die veränderte Lebenserwartung einzuführen. Die Logik ist im Prinzip sehr einfach. Wenn die Lebenserwartung wie bisher steigt und das Verhältnis von Ansparphase und Bezugsphase konstant sein soll, beispielsweise derzeit rund 45 zu 15 Jahre, d.h. 3:1, dann sollte das Renteneintrittsalter entsprechend dieser Relation angepasst werden. Allerdings stellt sich dabei die Frage inwieweit ein höheres Lebensalter automatisch mit einer höheren Erwerbsdauer auch faktisch gekoppelt werden kann. Zwar wissen wir, dass der Gesundheitszustand der Rentner heute deutlich besser als der vorangegangener Rentnergenerationen ist, aber es bleibt offen, ob dies tatsächlich proportional zur Lebenserwartung der Fall sein kann.
Sinn und Unsinn der derzeitigen Debatte
Wie zuvor klargemacht worden ist, gibt es einen rationalen Kern in der Debatte um das Renteneintrittsalter. Allerdings spielt der Zeitpunkt der Einführung einer Änderung des Renteneintrittsalters eine entscheidende Rolle. Würde man jetzt das Renteneintrittsalter auf 77 Jahre heraufsetzen, dann käme dies einer faktischen vollständigen Enteignung der Beitragszahler in die gesetzliche Rentenversicherung gleich. Man könnte insbesondere bei Männern aufgrund ihrer im Durchschnitt um sechs Jahre geringeren Lebenserwartung von rund 77 Jahren von einer Abschaffung ihrer Rentenansprüche sprechen. Man würde zwar sein gesamtes Erwerbsleben Beträge leisten, aber käme im Durchschnitt niemals in den Genuss eine Rente zu beziehen, da das Renteneintrittsalter mit der Lebenserwartung identisch wäre. Mithin ließe sich die gesetzliche Rente de facto einfach dadurch abschaffen, in dem man das Renteneintrittsalter mindestens so hoch setzt wie die durchschnittliche Lebenserwartung eines Rentners ist. Keine schönen Aussichten für die Beitragszahler in die gesetzliche Rentenversicherung.
Was Hans-Werner Sinn wirklich gesagt hat, wörtlich: “Nach Berechnung der Uno müssten die Deutschen bis 77 arbeiten, wenn man das heutige Rentenniveau ohne Erhöhung der Beitragssätze und Steuern beibehalten wollte”. Das hat er gesagt, um grafisch darzustellen, wir prekär die Finanzsituation der Rentenkassen ist. Nirgendwo hat er befürwortet oder empfohlen, dass das Renteneintrittsalter auf 77 erhöht werden sollte.