Paris – Ende Oktober 2007. 150 namhafte Vertreter/innen des internationalen Radsports sind zusammengekommen um über die Zukunft des Sports und des Anti-Doping-Kampfes zu beraten. Das französische Ministerium für Gesundheit, Jugend und Sport hatte aktive Athleten, Ärzte, Teamchefs, Vertreter der nationalen Verbände sowie die Großen Drei (UCI, WADA und ASO) zur Diskussion eingeladen. Gerhard Treutlein, Professor an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und Anti-Doping-Experte, war vor Ort und sieht sich in seiner Ansicht bestätigt, dass der Kampf gegen Doping frühzeitig im Rahmen der Prävention beginnen muss.
RE: Herr Treutlein, mit welchen Erwartungen sind Sie nach Paris gefahren?
Gerhard Treutlein: Die Vergangenheit lehrte mich keine großen Erwartungen zu haben. Wie schon in vielen Jahren zuvor wurde das Treffen im Vorfeld als die entscheidende Etappe oder der Durchbruch im Anti-Doping-Kampf bezeichnet. Dies war es auch diesmal nicht. Es ist genau das eingetroffen, was ich erwartet hatte. Ich befürworte die Einführung des Blutpasses und auch dass es mehr Dopingkontrollen geben soll – es bleiben jedoch noch viele „Baustellen“. Dies zeigt sich schon an der Aussage von UCI-Anti-Doping-Managerin Anne Gripper, die sagte, dass das Doping-Problem nun gelöst sei. Dem ist nicht so. Man wird Doping im Sport nie ganz verhindern können. Aus meiner Sicht ist der einzig richtige Weg durch Aufklärung und Prävention ein neues Bewusstsein zu wecken und ein weiteres Ausufern des Doping-Sumpfes zu verhindern.
Im Vorfeld des Anti-Doping-Gipfels fielen scharfe Worte zwischen der UCI (Radsport-Weltverband) und der WADA (Welt-Anti-Doping-Agentur). Daneben gilt auch das Verhältnis der ASO (Organisator vieler Rennen z.B. der Tour de France) zur UCI spätestens seit der Tour 2007 als zerrüttet. Wie empfanden Sie die Atmosphäre in Paris?
Zunächst hatte ich den Eindruck, dass das Französische Ministerium für Gesundheit, Jugend und Sport alle Akteure des Radsports wieder an einen Tisch holen und somit den großen Knall bei der Tour de France 2008 verhindern wollte. Vor Ort herrschte eine sehr zurückhaltende und höfliche Atmosphäre. Auch in den Diskussionensrunden wurde es höchstens einmal etwas „brenzliger“, als provokante Fragen aus dem Publikum gestellt wurden.
Wie sehen Sie die Rolle des BDR (Bund Deutscher Radfahrer) in einem verstärkten Anti-Doping-Kampf?
Die Regeln werden auf internationaler Ebene festgelegt. Der BDR kann hier nur nachziehen. Doch inweit der deutsche Verband, auch nach den Geschehnissen im Vorfeld der Rad-Weltmeisterschaften in Stuttgart, bereit ist gründlich vorzugehen, kann ich nicht beurteilen. Daneben sehe ich aus sportpädagogischer Sicht mit Unbehagen, dass das Team T-Mobile nun Fahrer wie George Hincapie verpflichtet oder auch wieder Interesse an Alt-Star Erik Zabel bekundet hat. Die Mannschaft um Rolf Aldag und Bob Stapleton möchte nach eigenem Selbstverständnis einen neuen Sport leben und junge, saubere Fahrer fördern. Die Personalpolitik für das Jahr 2008 sehe ich jedoch eher als Rückschritt in diesen Bemühungen.
Radsport in den deutschen Medien im Jahr 2007 – Ihre Meinung?
Der Abbruch der Berichterstattung im Rahmen der Tour de France 2007 durch ARD und ZDF war natürlich ein Paukenschlag. Zum einen um ein Zeichen zu setzen, auch wenn ich die Entscheidung immer noch als „Schnellschuss“ bezeichnen würde. Mit etwas Abstand hätte dann auch die Berichterstattung zur Leichtathletik-WM in Osaka anders ausfallen müssen.
Andererseits hatten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sportredaktionen viele Beiträge zum Thema Doping vorbereitet, die dann im Rahmen der Frankreich-Rundfahrt nicht gesendet wurden. Damit war eine Chance vertan, den Zuschauer weiter und ausführlicher zu informieren und aufzuklären. Unsere französischen Nachbarn hatten zunächst kaum Verständnis für den Abbruch der Sport-Übertragung. Jedoch hatte ich den Eindruck, dass diese Maßnahme das Problembewusstsein auch der Franzosen schärfte. Die Geständnisse von Aldag, Zabel und Jaksche waren keine reine „affaire allemande“ sondern mussten international verstanden und aufgearbeitet werden.
Aber Doping ist keine reine Radsport-Problematik..
Nein, das ist sicher nicht. Aber in den Medien wird es oft so dargestellt. Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Ich bin überzeugt, dass die Anzahl der erwischten Dopingsünder bei weitem nicht der Anzahl der Dopenden im gesamten Sport entspricht. So lange es keine Zielkontrollen gibt und Sportler kurz nach der Zieleinkunft „erfrischende“ Interviews geben können, werde ich stutzig. Alles in allem ist das Problembewusstsein jedoch stark gewachsen. Unser Zentrum für Dopingprävention in Heidelberg erhält derzeit sehr viele Anfragen und Einladungen.
Richtig, Sie werden auch an dem Anti-Doping-Forum des Landessportverbands Baden-Württemberg Ende November teilnehmen. Können Sie uns hierzu einen Einblick in Ihre Vorbereitungen geben?
Geplant ist ein internationales Zusammentreffen von Kaderathleten, Trainer, Funktionären und Pädagogen aus Frankreich, Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Im Mittelpunkt der zweitägigen Veranstaltung stehen die Bekämpfung des Dopings im Sport sowie die Entwicklung von Konzepten zur Dopingprävention. Die Schirmherrschaft der Veranstaltung haben Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble und Dr. Thomas Bach, IOC-Vizepräsident und Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes übernommen.
Ich bemühe mich derzeit um Sandro Donati als Referenten, der zu den renommiertesten Dopingfahndern weltweit zählt. Sandro war viele Jahre beim Italienischen Olympischen Komitee (CONI) tätig und könnte einen interessanten Einblick in seine Arbeit und das italienische Anti-Dopinggesetz liefern. Darüber hinaus plant er in Zusammenarbeit mit den italienischen Ministerien für Familie und Gesundheit eine umfassende Präventionskampagne in Sachen Drogen (Doping, Nikotin, synthetische Drogen, Alkohol) und deren Missbrauch.
Zum Abschluss würde ich gerne wissen, ob sie dennoch etwas Positives aus den Tagen von Paris und der Anti-Doping-Veranstaltung ziehen konnten.
(lacht) Das Abendessen war wirklich hervorragend! Aber Spaß beiseite. Solange bei Veranstaltungen wie dieser, die „Feinde des Sports“ wie Franke, Donati und Meutgens, die nach meiner Ansicht jedoch seine wahren Freunde sind, fehlen, findet keine fundierte Auseinandersetzung mit der Problematik statt. Hier muss auf allen Ebenen ein Umdenken einsetzen und die externe Kritik deutlich ernster genommen und umgesetzt werden.
Vielen Dank für das Interview.
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