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Politik

Nowosti (5) - russische Randnotizen

Mittwoch, den 28. November 2007 um 18:23 Uhr von alexander günther
Streik bei Ford in Russland - russische Arbeiter begehren auf; Photo: beggs

Moskau hat die niedrigste Arbeitslosigkeit der Welt +++ Unbefristeter Streik bei Ford +++ AIDS in Russland +++ Bevölkerungsrückgang verringert sich +++ Russische Mathematiker berechnen Katastrophe für die Zukunft Russlands +++ Russische Geheimagenten planen Pilgerfahrt nach Mekka +++ Xenophobie in Russland

Nicht jede Meldung, die uns aus Russland erreicht, hat das Zeug zu einem Artikel. Nicht spektakulär oder relevant genug lautet dann meist das vernichtende Urteil. Dabei bietet so manche Kurzmeldung interessante Einblicke und die Möglichkeit eine entstehende Meinung zusätzlich abzurunden. Daher möchte ich an dieser Stelle in loser Regelmäßigkeit eine kleine Zusammenstellung lesenswerter Ereignisse und Begebenheiten, die es nicht in die Schlagzeilen der westlichen Presse geschafft haben, anbieten.

Moskau hat niedrigste Arbeitslosigkeit der Welt

So lässt sich jedenfalls der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow vernehmen. Er verbucht für seine Metropole diesen reizvollen sozialen Weltrekord mit einer spektakulären Arbeitslosenquote von 0,5 Prozent. Bei den Durchschnittslöhnen würde man dann aber doch immer noch deutlich unter dem europäischen Durchschnitt sein, gestand der Bürgermeister ein, doch bewege man sich schnell auf dieses Niveau hin.

Kein Arbeitsloser weit und breit; Photo: kyrandesa

Quelle: Russland-Aktuell

Ford Russland: Seit sieben Tagen im Streik

Rasanter wirtschaftlicher Aufschwung, gepaart mit schnellem Reichtum. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien sich in Russland jeder gern selbst der Nächste zu sein und die Frage nach einem neuen Fernseher brennender als die Lösung sozialer Probleme im gesellschaftlichen Rahmen. Solidarität und gemeinschaftlicher Arbeitskampf schienen für lange Zeit aus der Agenda des russischen Lebens verschwunden. Doch seit einer Woche brodelt es wieder gewaltig. Etliche Arbeiter einer Ford-Fabrik befinden sich im Ausstand.
“Bei Ford in Wsewoloschsk bleiben die Fronten verhärtet. Seit sieben Tagen wird, mit Unterbrechungen, gestreikt und ein Ende der Konfrontation ist nicht abzusehen. Am Montag hatte die Werksleitung der Gewerkschaft Gespräche angeboten. Da der Arbeitgeber aber keinen konkreten Lohnvorschlag vorlegte, wird weiter gestreikt. Die Forderung der Gewerkschaft ist unverändert: Ein Drittel mehr Lohn und kürzere Nachtschichten. Während der ganzen Zeit steht die Produktion. Dies ermöglicht dem Betrieb, den Streikenden keinen Lohn auszuzahlen. Die Angaben darüber, wie viele Angestellte sich an dem Ausstand beteiligen, sind sehr widersprüchlich. Während die Gewerkschaft zu Beginn mitteilte, es seien 1.500 der 2.100 Beschäftigten, hatten laut Werksführung 950 Arbeiter eine Erklärung unterschrieben, in der sie sich von der Aktion distanzierten. Am 23. November waren ca. 400 Arbeitnehmer im Ausstand. Die Fronten sind heute so verhärtet wie am Anfang: Während die Leitung nur verhandeln will, wenn die Arbeiter den Streik aufheben, wollen diese erst wieder die Arbeit aufnehmen, wenn sie eine Lohnerhöhung und eine Zusatzvereinbarung zum gültigen Kollektivvertrag erhalten.”

Quelle: Russland-Aktuell

Die demographische Entwicklung ist eines der Hauptprobleme Russlands. In der letzten Woche erschienen hierzu einige neue und teilweise besorgniserregende Fakten.

AIDS in Russland:

“Seit dem Jahr 1987 haben sich insgesamt 403.100 russische Bürger mit HIV infiziert, darunter 2.636 Kinder, nur 314.000 davon sind heute noch am Leben. Das sagte der russische Chefhygienearzt Gennadi Onischtschenko nach einer Konferenz mit den Regionen am gestrigen Mittwoch. In diesem Jahr hätten sich, so der Obermediziner, mehr Russen auf eigene Initiative registrieren lassen als im Vorjahr. Zudem würden sie den Ärzten jetzt mehr vertrauen als früher. ‘Sie vertrauen darauf, dass sie eine Behandlung bekommen und dass ihre Lage nicht zu einer übelwollenden Aufmerksamkeit und zu Ausgrenzung führt’, betonte er.



Aufklärung über AIDS in kurzen Spots: “Verschließt heute nicht die Augen vor den Gefahren von AIDS…”

Im Rahmen des vorrangigen Nationalprojekts ‘Gesundheit’ bekommen die Patienten antiretrovirale Medikamente, dank derer sie normal leben und arbeiten können. In diesem Jahr erhalten laut Onischtschenko insgesamt 30.000 Menschen eine entsprechende Therapie. Besorgt zeigte er sich über die Situation im Gebiet Irkutsk (Sibirien), das die höchste Anzahl von HIV-Infektionen im Land aufweist. Dort können nur 53 Prozent der Patienten mit den notwendigen Medikamenten versorgt werden. Dem Chefarzt zufolge gibt es in Russland 13.000 HIV-Infizierte, die auch an Tuberkulose leiden.”

Quelle: RIA Nowosti

Bevölkerungsrückgang verringert sich:

Beruhigendes hat dagegen Rosstat parat: “Im Laufe der ersten zehn Monate dieses Jahres hat sich Russlands Einwohnerzahl um 199.900 (0,14 Prozent) verringert. Am 1. Oktober belief sie sich auf 142 Millionen Menschen, berichtet am Donnerstag das staatliche Statistikamt Rosstat. Zugleich habe sich der natürliche Bevölkerungsrückgang in den ersten neun Monaten dieses Jahres im Vergleich zu derselben Vorjahresperiode verlangsamt: Es sind um 155 100 Menschen weniger gestorben.” Jedoch ist bei beobachteter Verlangsamung des Bevölkerungsrückgangs auch Folgendes zu berücksichtigen: “47,3 Prozent des Bevölkerungsrückgangs wurden laut Rosstat durch die ansteigende Einwanderung ausgeglichen. Das russische Wirtschaftsministerium prognostiziert gleichzeitig eine demographische Trendwende: In den Jahren 2014 bis 2016 wird die Bevölkerung beginnen, wieder zu wachsen. Das sagte der Makroökonomie-Experte Andrej Klepatsch am Donnerstag bei der Präsentation einer langfristigen Entwicklungsstrategie für das Land. Die derzeitige Sterblichkeit bei der arbeitsfähigen Bevölkerung sei gegenwärtig zwar sehr hoch, müsste sich jedoch verringern, so dass sich die Einwohnerzahl Russlands in 13 Jahren auf 140 bis 142 Millionen belaufen werde.”

Quelle: RIA Novosti

Russlands Mathematiker warnen vor Zerfall des Landes

Im Moskauer Keldysch-Institut für angewandte Mathematik bei der russischen Akademie der Wissenschaften fand die Konferenz “Mathematische Modellierung historischer Prozesse” statt. Obwohl sich die Herren Wissenschaftler damit brüsteten, dass sie “gemeinsam die Geburt einer neuen Wissenschaft erleben würden”, ist so etwas wie “mathematische.Geschichtswissenschaft” bei leibe nichts allzu Neues. Es gab in der Vergangenheit etliche Versuche mithilfe der Mathematik das “historische Chaos” zugänglich zu machen. Allein der 70seitige Anhang an Isaac Asimovs “Foundation-Trilogie” über eine so genannte Psychohistorik macht deutlich inwieweit dieser Gedanke schon von jeher Menschen fasziniert und beschäftigt hat. Die ehrgeizigen, russischen Mathematiker wollen nichtsdestotrotz “in den historischen Vorgängen auf einer neuen Ebene Klarheit schaffen und Prognosen abgeben, die an Präzision nichts zu wünschen übrig lassen.” Bevor man aber all dies vorschnell der Scharlatanerie zurechnet, sollte man den Umstand bedenken, dass “die sowjetische Regierung Mitte der 80er Jahre beim Institut für angewandte Mathematik eine Prognose in Auftrag gegeben hatte, die dann einer strengen Geheimhaltung unterlag. Die Voraussage lautete: Die Sowjetunion wird im Jahr 1991 zerfallen.”

Die Prognosen für Russlands Zukunft klingen mit dieser Tatsache im Hinterkopf dann schon ganz anders: Im nächsten Jahrzehnt erwartet Russland eine Katastrophe. Es wurde auf den unübersehbaren 100-jährigen Zyklus, der zumindest seit dem 17. Jahrhundert als ständiger Wegbegleiter der russischen Geschichte gilt, hingewiesen. “Jedes Jahrhundert wird in Russland, so die Theorie, durch tragische Ereignisse eingeleitet. Die Jahre von 1610 bis 1613 sind unter dem Begriff der Großen Wirren oder der Smuta in die Geschichte eingegangen. Der blutige Krieg der Russen gegen die Schweden dauerte von 1708 bis 1709. Von 1812 bis 1814 zog Napoleon gegen Russland. 1917 triumphierte die sozialistische Oktoberrevolution mit ihren berühmt berüchtigten Folgen. Wenn diese Tendenz sich geradewegs so fortsetzt, dann trennen den 1991 ausgerufenen Staat Russische Föderation von seinem Zerfall, so die Annahme, nicht einmal mehr 30 Jahre. Die Historiker und Mathematiker riefen sich gegenseitig noch weitere nicht sehr angenehme Fakten ins Gedächtnis. So führten sie zum Beispiel an, dass Russland zehn Prozent der Weltreichtümer sein eigen nennen darf, jedoch nur einen Anteil von einem Prozent an der Weltproduktion aufzuweisen hat. Ein weiterer Historiker verwies darauf, dass Russlands Bevölkerung trotz ihrer katastrophal kurzen Lebenserwartung acht bis zehn Jahre länger lebt, als es ihr Einkommen eigentlich erlaubt. Kennzeichnend ist auch der Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung, die die Männer von den Frauen trennt. Er entspricht dem Unterschied, der zu Zeiten des Großen Vaterländischen Krieges beobachtet wurde. Die Frauen leben wesentlich länger. Die Wissenschaftler präsentierten nicht nur ihre eigenen Prognosen, sondern führten auch Aussagen ihrer ausländischen Kollegen an. Auch sie sagen Russland eine Krise mit einer darauffolgenden Katastrophe für das erste Drittel des 21. Jahrhunderts voraus.”

Quelle: RIA Nowosti

Russische Geheimagenten planen Pilgerfahrt nach Mekka

Mit dieser leicht irritierenden Information werden wir bei RIA konfrontiert. Die Auflösung derselben: “Einige hundert Mitarbeiter der russischen Geheimdienste, des Innenministeriums und anderer Militär- und Sicherheitsstrukturen unternehmen in diesem Dezember eine Pilgerfahrt nach Mekka und Medina.

Russische Geheimagenten in andächtiger Ausübung ihrer Religionsfreiheit; Photo: karroozi

Das teilte der Erste Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates der Muftis Russlands, Damir Gisatullin, am Dienstag Journalisten in Moskau mit. Es handele sich um Offiziere, die ihren Dienst in Krisengebieten versehen hätten, sowie um Veteranen der Geheimdienste. Die meisten Pilger stammten aus den russischen Teilrepubliken Dagestan und Tatarstan, hieß es. ‘Wir sind sicher, dass die Mitarbeiter nach der Pilgerfahrt noch besser arbeiten werden, weil ein Besuch in Mekka und Medina die geistigen Kräfte mehrt und moralisch läutert’, sagte Gisatullin.”

Quelle: RIA Novosti

Bürgerrechtler warnen vor Xenophobie in Russland

Eine Analyse, die jeden aufmerksamen Besucher des gegenwärtigen Russlands nicht sonderlich überrascht, kann dieser Tage der Zeitung “Wremja Nowostej” entnommen werden: “Der Fremdenhass in Russland verlagert sich in die Büros von Machtstrukturen. Früher in ‘den breiten Volksmassen’ angesiedelt, setzt sich die Xenophobie nun in der Machtelite fest, wobei patriotische Losungen vorgeschoben werden. ‘Fremdenfeindliche Rhetorik wird auf allen Ebenen, von Vertretern praktisch aller Parteien, von Beamten verschiedenen Niveaus benutzt’, konkretisiert Galina Koschewnikowa, stellvertretende Direktorin des Rechtsschutzzentrums, diese Situation. Ihr zufolge kam dieser Trend im vergangenen Jahr auch durchaus greifbar zum Ausdruck: als antigeorgische und antiestnische Kampagne, die wenn nicht auf Weisung von Oben, so doch mit schweigender Zustimmung der Macht durchgeführt wurden. ‘Hochgestellte politische Aktivisten und Beamte gebrauchen immer mehr eine ethnische, ja rassistische Sprache’, äußerte der Direktor des Zentrums, Alexander Werchowski. Wie er sagte, gewinnt in der ideologischen Konkurrenz zwischen zwei Abarten des Patriotismus - dem ‘Großmacht’- und dem ethnisch-nationalistischen Patriotismus - im heutigen Entwicklungsstadium Russlands gerade der Letzte. ‘Immer populärer wird die Idee, anstelle des zusammengebrochenen Imperiums einen ethnischen Nationalstaat zu schaffen, wie er in Europa Ende des 19. Jahrhunderts und in der Zeit zwischen beiden Weltkriegen aufgefasst wurde’, behauptet Werchowski. Die Bürgerrechtler bestehen auf ihrer Meinung, dass die Nationalisten unter Ausnutzung der Vorwahlsituation möglichst schnell versuchen werden, den Untergrund und den virtuellen Raum zu verlassen und im legalen Raum aufzutauchen. Wie Koschewnikowa sagt, ist es in den letzten zwei bis drei Jahren unter den Skinheads zu ernsten ‘Mutationen’ gekommen. Früher eine Subkultur von nicht ideologisierten jungen Leuten, entartet dieses Phänomen jetzt zu einer radikalen politischen Bewegung.”

Quelle: RIA Novosti

Photo Quelle/ Copyright: beggs, cc creative commons Namensnennung 2.0 (via flickr);kyrandesa, cc creative commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 (via flickr);karroozi, cc creative commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung 2.0 (via flickr)

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Eine Reaktion zu “Nowosti (5) - russische Randnotizen”

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  1. Readers Edition » Russia: Fremdenfeindliches Bloggen

    am 19. Januar 2008 um 03:03 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] - Nowosti (5) - russische Randnotizen - Zwischen Konfusion und Provokation - Antifaschismus in Russland […]

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