Kurz vor Bali: Wie weit muss Klimaschutz gehen? – Teil 2

Eine weitere wichtige Schwachstelle des Kyoto-Protokolls ist in diesem Jahr endlich von ranghohen PolitikerInnen erkannt und zumindest öffentlich als solche diskutiert worden. Kyoto setzt auf das Prinzip des so genannten grandfathering. Das heißt, dass in der Vergangenheit ausgestoßene Mengen an Treibhausgasen auch den Rahmen für Reduktionen in der Zukunft bieten.

kuhos.jpgEine weitere wichtige Schwachstelle des Kyoto-Protokolls ist in diesem Jahr endlich von ranghohen PolitikerInnen erkannt und zumindest öffentlich als solche diskutiert worden. Kyoto setzt auf das Prinzip des so genannten grandfathering.

Das heißt, dass in der Vergangenheit ausgestoßene Mengen an Treibhausgasen auch den Rahmen für Reduktionen in der Zukunft bieten. Natürlich führt dies, wie in Folge des Kyoto-Protokolls geschehen, dazu, dass große Emittenten auch in der absehbaren Zukunft viel emittieren werden. Und es sorgt für eine kräftige Legimitätskrise der Post-Kyoto-Verhandlungen. Denn warum sollten Indien oder China sich zu Reduktionsverpflichtungen hinreißen lassen, wenn die Europäer und Amerikaner für die nächsten Jahrzehnte bestenfalls gemächlich von ihrem hohen Verschmutzungs-Ross herunterkommen wollen? Zumal die westlichen Industriestaaten mit ihren gesammelten Emissionen seit der Industrialisierung die hauptsächlichen Verursacher der ganzen Klimakrise sind.

Auf grandfathering zu setzen heißt deshalb auch, ein ungerechtes Klimaregime fortsetzen zu wollen. Und die Chancen, dass der benachteiligte Teil der Welt da mitmacht, stehen denkbar gering.

Um doch endlich auf einen global gerechten und damit auch effektiveren Klimaschutzpfad einzuschwenken, diskutierte man im Herbst dieses Jahres überraschend ein seit 1990 bekanntes Konzept mit dem Namen Kontraktion und Konvergenz. Kanzlerin Merkel bringt dessen Inhalt selbst auf den Punkt: “[N]ach meiner Auffassung [kann] unser langfristiger Maßstab nur sein, dass sich die CO2-Emissionen pro Kopf in der Welt angleichen müssen.” Angleichung (Konvergenz) folgt dabei der Verringerung (Kontraktion) von Treibhausgas-Emissionen.

Keine andere als diese Regelung wird es schaffen, die Bedenken der Entwicklungsländer auszuräumen – und ohne Entwicklungsländer sind auch die Schritte der Industriestaaten sicherlich wieder viel zu zaghaft. Letztlich kann globaler Klimaschutz also nur gelingen, wenn genau dieser Pfad weiter verfolgt wird – wenn also endlich alle Menschen im Kyoto-Nachfolgeprotokoll als gleichberechtigt anerkannt werden und ihnen eine einheitliche Pro-Kopf-Emissionsmenge zugestanden wird (wie auch immer diese im Detail geregelt werden sollte).

Wie hoch aber müsste diese Pro-Kopf-Menge sein?

Wie viel Treibhausgase verkraftet das Klima? Die zweite Frage ist eigentlich falsch gestellt. Das Klima verkraftet jede beliebige Menge an Treibhausgasen – aber nicht wir Menschen, und erst recht nicht alle in allen Regionen lebende Menschen. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen plädiert für ein Ziel von maximal 2°C Erwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Wert, und die Europäische Union hat dieses Ziel politisch übernommen (gegenwärtig liegen wir bereits bei 0,74°C).

Nun lässt sich ein solcher Zielwert niemals wissenschaftlich “belegen”. Im Gegenteil sind 2°C für manche Menschen wahrscheinlich relativ problemlos verkraftbar. Für andere jedoch gehen sie bereits über das erträgliche Maß hinaus. Auch müssen wir uns klar machen, dass sich bei einer globalen durchschnittlichen Erwärmung von 2°C bestimmte Regionen stärker aufheizen als andere. Teile Grönlands etwa könnten zwischen 3°C und bis zu 6°C wärmer werden. Der grönländische Eisschild wäre ab 3°C Erwärmung wahrscheinlich nicht mehr zu retten, und wir müssten uns auf einen Meeresspiegelanstieg von sieben Metern einstellen. Die einzige Frage wird dann noch sein, ob sich der Eisschild tatsächlich wie bislang vermutet sehr langsam im Verlauf von Jahrhunderten oder nicht doch sehr viel schneller auflösen wird.

Zwei Grad Celsius können wir laut IPCC ab einer Treibhausgaskonzentration von 450 ppm CO2-Äquivalent erwarten. Der Haken an der Sache: Diese 450 ppm haben wir mit der gegenwärtigen Konzentration von Kohlendioxid, Methan, Lachgas und den anderen Treibhausgasen bereits erreicht! Der einzige Grund, warum wir heute noch nicht unvermeidbar auf eine Erwärmung von über 2°C eingeschossen sind ist ironischerweise die massive Luftverschmutzung in Form von Aerosolen. Errechnet man die Treibhauswirkung aller menschlichen Einflüsse auf die Atmosphäre, wie es Gavin Schmidt von RealClimate.org getan hat (und bezieht also auch die so genannten “negativen Antreiber” mit ein), dann landet man bei 375 ppm CO2-Äquivalent. Das sind 75 ppm unterhalb der gefährlichen Grenze von 2°C. Bei einer jährlichen Zunahme allein der CO2-Konzentration um ca. 2 ppm wie in der jüngsten Vergangenheit heißt das: Ohne gegenzusteuern wird selbst mit Hilfe der kühlenden Aerosole das 2-Grad-Ziel spätestens Mitte des Jahrhunderts durchbrochen.

Im Prinzip, um ein zweites Mal RealClimate.org zu bemühen, ist es noch machbar, die Erwärmung unter 2°C zu halten. Und hier schließt sich endlich der Kreis. Zur Vermeidung des als gefährlich bezeichneten Zieles versucht man auszurechnen, wie viel CO2 dann eigentlich noch ausgestoßen werden dürfte. George Monbiot bezieht sich in seinem 2006 erschienenen Buch Heat – How to Stop the Planet Burning auf eine Korrespondenz mit Colin Forrest und rechnet vor, bei welchen Emissionsmengen wir uns klimamäßig erst auf einem nachhaltigen Level bewegen. Bei einer bis 2030 erwarteten Weltbevölkerung von 8,2 Milliarden und einer angenommenen maximalen Aufnahmekapazität der Biosphäre von 2,7 Gt Kohlenstoff pro Jahr heißt das: Pro Person und Jahr dürfen nur 0,33 Tonnen Kohlenstoff oder 1,21 Tonnen CO2 emittiert werden.

Deutschlands Pro-Kopf-Emissionen liegen aktuell bei 12,4 Tonnen.

Wir müssten also unseren Ausstoß um satte 90 Prozent senken, um nur die schlimmsten Folgen der globalen Erwärmung zu vermeiden. Die USA emittieren sogar doppelt so viel wie Deutschland, entsprechend müsste ihre Verpflichtung mit 95 Prozent noch drastischer ausfallen.

Erinnern wir uns: Kyoto sieht gerade einmal 5,2 Prozent vor! Auch China mit seinen Pro-Kopf-Emissionen von mittlerweile 3,9 Tonnen käme um eine Reduktion um gut zwei Drittel nicht herum. Sogar Indien müsste einen Beitrag leisten und von 1,9 auf 1,21 Tonnen pro Person reduzieren. Die Herausforderung ist möglicherweise beispiellos. Zumindest ist es nicht vermessen, die hierfür notwendigen Umwälzungen mit denen der Industriellen Revolution zu vergleichen. Doch was auch immer ab Anfang nächster Woche in Bali besprochen und dann beschlossen wird: Es wird sich an diesen Zahlen messen lassen müssen…

Photo Quelle/Copyright: Grant Neufeld, cc creative commons, Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 US-amerikanisch, via flickr

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